DRUCKEN

Schönheitskult und seine Risiken

Schönheitskult und seine RisikenDie Schönheitsindustrie boomt. Häufig wird dem angestrebten Aussehen auch mittels Skalpell auf die Sprünge geholfen. Wichtig dabei ist das Wissen um die Risiken und die Wahl eines kompetenten Arztes.

Das Schönheitsideal unserer Zeit wird von Medien kreiert oder zumindest verstärkt. Dem optischen Bombardement via Plakatwänden, Printmedien und Castingshows für Models kann man sich schwer entziehen.

up

Medien setzen Trends

„Das Aussehen wird ständig thematisiert. Junge, schöne Menschen überall. Man kann gar nicht anders, irgendwann fragt sich jeder, inwiefern er diesem Schönheitsideal entspricht und wie er diesem näher kommen kann. Dieses mediengesteuerte Gesellschaftsideal will dann umgesetzt werden und in den meisten Fällen finden sich auch Ärzte, die einem dabei behilflich sind“, sagt Univ.-Prof. Dr. Maria Deutinger, Fachärztin für Plastische Chirurgie und Leiterin der Abteilung für Plastische und Wiederherstellungschirurgie an der Wiener Krankenanstalt Rudolfstiftung. Deutinger rät, sich von den Schönheitsvorgaben nicht verrückt machen zu lassen und sich eine eigene Meinung zu bilden. „Man muss sich gegen den allgegenwärtigen Schönheitsrummel wehren. Man sollte sich bewusst machen, dass Medien eine Scheinwelt vorgaukeln, eine Welt, die eben nicht real ist.“

up

Schönheitsmarkt

Die häufigsten Betätigungsfelder des plastischen Chirurgen sind die weibliche Brust, Beine, Bauch und Po sowie Gesicht und Hals. Verlässliche Zahlen, wie viele derartige Operationen durchgeführt werden gibt es nicht, denn es existiert kein Register, das dies erfasst. „Den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, dass es hier um einen Schönheitsmarkt geht.
Es ist ein großer Markt mit steigender Tendenz“, so Deutinger.

up

Jugend und Schönheit

Der Schönheitskult wird speziell unter Jugendlichen via TV künstlich hochgehalten. Jugendliche haben häufig Probleme mit ihrer Persönlichkeit, da sich diese erst entwickelt. Sie beäugen sich kritisch und bemerken, dass sie anders, soll heißen, nicht dem Schönheitsideal entsprechend, aussehen. Rasch entsteht der Wunsch oder zumindest der Gedanke an einen Eingriff. Verstärkt wird dies durch die wachsende Zahl an Prominenten und Stars, die sich offen zu Schönheitsoperationen bekennen.
Deutinger spricht sich nicht generell gegen ästhetische Operationen bei Kindern und Jugendlichen aus. „Wenn ein störender Makel vorhanden ist, wie etwa stark abstehende Ohren, dann wird das ohne Bedenken beseitigt. Wenn ein Jugendlicher dagegen ein paar Fettpölsterchen abgesaugt haben will, schicke ich ihn wieder heim. Ebenso, wenn jemand mit einem Poster eines Stars kommt und so wie dieser aussehen will“, so die Chirurgin.
Die Ärztin warnt Jugendliche vor einem übereilten Eingriff. Das Aussehen des Körpers ändere sich bis etwa 20 Jahre, teils sogar erheblich. Zudem würden die aus einer OP resultierenden Narben bleiben und mit dem sich verändernden Körper mitwachsen.

up

Risiken

Jede Operation ist mit gewissen Risiken behaftet. Das gilt nicht nur für herkömmliche Operationen, sondern natürlich auch für ästhetische Eingriffe.

  • Es kann zu Blutungen, Schwellungen und Infektionen kommen. Dazu kommen noch Risiken von Wundheilungsstörungen und schlechter Narbenbildung. Narben können unter Umständen stärker als erwartet ausfallen.
  • Je nach Art der OP sind weitere Risiken möglich: Bei Brustvergrößerungen z.B., bei denen sich um das Implantat eine Narbe im Gewebe bilden kann, kann die Brust verhärten und diese unter Umständen entstellen. Brustoperationen können auch die Stillfähigkeit beeinflussen. Nicht zuletzt bestehen für Patienten unkalkulierbare Risiken, wie etwa der Skandal mit fehlerhaften Implantaten aufgezeigt hat.
  • Zum Teil werden auch ästhetische Eingriffe unter Vollnarkose durchgeführt. Die häufigsten Komplikationen bei einer Narkose sind eher harmlos: Übelkeit, Erbrechen und Heiserkeit. Es kann jedoch auch zu Komplikationen mit dem Herz-Kreislauf-System, bei der Beatmung oder mit allergischen Reaktionen kommen. Allergische Reaktionen können auch durch den Einsatz von kollagenhaltigen Substanzen bei der OP im Körper hervorgerufen werden.
  • Operationen sind immer auch mit Schmerzen verbunden. Auch Narben sind und bleiben empfindliche Stellen und bereiten häufig (etwa bei Wetterumstellungen) Schmerzen

„Die Risiken werden in Medien oft herunter gespielt. Die Menschen, die sich unters Messer legen möchten, haben oft keine Ahnung, was da passiert und worauf sie sich einlassen. Sie verbinden eine Schönheits-OP oft gar nicht mit einem chirurgischen Eingriff“, so Deutinger.

up

Umfassende Aufklärung

Im Rahmen der ärztlichen Aufklärungspflicht hat der Arzt den Patienten konkret über die Art der geplanten Behandlung, allenfalls mögliche alternative Behandlungsmethoden sowie sämtliche möglicherweise auftretende Komplikationen und Risiken aufzuklären. „Die Patienten müssen bei Schönheitsoperationen über Risiken und Erfolgsaussichten noch detaillierter und umfassender aufgeklärt werden als bei anderen Operationen. Die Notwendigkeit einer Operation ist mit den Klienten stets individuell herauszuarbeiten“, fordert Deutinger.

up

Skalpell für das Selbstwertgefühl

„Wird ein auffälliger Makel korrigiert, fühlen sich die Patienten nach den Operationen meist besser als vorher. Sie profitieren davon, dass ihr Stigma verschwunden ist und dass die Menschen sie nicht mehr anstarren“, so die Chirurgin.
Anders sei die Situation bei Menschen, die eine Operation dazu benützen wollen, um ihre generelle Unzufriedenheit mit sich selbst quasi wegschneiden zu lassen. „Psychische Probleme dieser Art lassen sich damit nicht korrigieren. Ist man mit seinem Leben nicht glücklich, wird man es auch nach einer Operation nicht sein“, so Deutinger über die häufigen Versuche, die psychische Gesundheit mittels Skalpell ins Gleichgewicht zu bringen.
Viele finden sich einfach nicht schön genug. Ihre Nasen seien zu groß, ihre Schenkeln zu dick – subjektive Mängel, die andere oft gar nicht bemerken. „Bei solch unscheinbaren Mängeln hilft eine Operation meist überhaupt nichts, weil nach einem ersten Eingriff ein zweiter und dritter Mangel beseitigt werden soll oder weil das Ergebnis des Eingriffs nicht den gewünschten subjektiven Effekt gebracht hat“, so Deutinger. „Man kann eine gesunde Seele nicht mittels Schönheitsoperation erlangen. Ich würde es für sinnvoll halten, wenn psychologische Gutachten verpflichtet eingeführt werden.“

up

Ärztliche Qualität

Besonderes Augenmerk sollten Patienten auf die Wahl des richtigen Arztes legen. Denn nicht jeder, der sich Schönheitschirurg nennt, ist auch ein Fachmann der plastischen Chirurgie. Der Grund: In Österreich ist der Begriff Schönheitschirurgie rechtlich nicht geschützt. Jeder Facharzt, egal welcher Richtung, darf sich demnach als Schönheitschirurg bezeichnen; egal ob er die 6-jährige Ausbildung zum Facharzt für plastische Chirurgie absolviert hat, oder nicht. „Egal ob Brustvergrößerungen, Nasenkorrekturen oder Fettabsaugungen, jeder Arzt, der meint, er könne das, darf Hand anlegen“, kritisiert Deutinger.

Dr. Thomas Hartl
Mai 2012


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020