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Mobbing: Psychoterror am Arbeitsplatz

Mobbing_Psychoterror am ArbeitsplatzDie treffsichere Kollegenhatz wird immer populärer. Mobbing ist mehr als nur eine gelegentliche Zwistigkeit und Haxlbeißerei um die Hackordnung am Arbeitsplatz. Das gezielte Fertigmachen einzelner oder mehrerer Mitarbeiter folgt lang bewährten Spielregeln der Entmutigung.

Einer gegen einen, Gruppe gegen Einzelperson oder Gruppe gegen Gruppe, hinterrücks oder unverblümt — die Hitliste der Mobbingtechniken führt viele Praktiken angewandter Feindseligkeit auf. Das englische Wort "Mob" für "Pöbel" steckt hinter dem Begriff "Mobbing". Mobbing ist das systematische Zermürben von Mitarbeitern und Betriebsklima mit einem umfangreichen Katalog ausgeklügelter Gemeinheiten, die allesamt Wirkung zeigen. Anschreien, nicht ausreden lassen, Meinungsäußerungen verbieten, berechtigte Beschwerden abschmettern — das macht früher oder später sicher mundtot. Ständige unsachliche Kritik, fortwährende Unterbrechungen, Blockieren von Informationen oder Entzug bisheriger Zuständigkeiten — das untergräbt auf Raten, aber zuverlässig die Motivation. Boykottieren von Anweisungen und Verweigerung von Unterstützung und Zusammenarbeit schaffen garantiert erschwerte Arbeitsumstände. Absichtliche Unter- oder Überforderung, demütigende, sinnlose, womöglich sogar gesundheitsschädigende Aufgaben provozieren mehr und mehr Schwächen und Versagensängste. Fingierte Beschwerden, mutwillig verursachte materielle Schäden, manipulierte Fehler und Telefonterror in der Freizeit gehören mit zum reichen Mobbing-Repertoire. Abwertende Gesten oder Blicke, Nichtbeachtung, obszöne Beschimpfungen, betonte Ausgrenzung beim Kuchenessen in der Kaffeepause und räumliche Isolation — das wirkt ebenso erniedrigend und verletzend wie bewußt verbreitete falsche Verdächtigungen. Auch mit scheinbaren Kleinigkeiten wie Zugluft, unangenehmer Raumtemperatur und Zigarettenqualm neben dem nicht rauchenden Kollegen läßt sich die Arbeitsplatzatmosphäre buchstäblich vergiften. Und manche Mobbing-Täter schrecken nicht einmal vor der Androhung oder Ausübung körperlicher Gewalt und sexueller Belästigung zurück.

Gemeinsames Feindbild

In den meisten Fällen sind es die eigenen Kollegen, die sich zur Front gegen den vermeintlichen Außenseiter zusammenrotten. Je größer der Druck, sei es durch Angst um den Arbeitsplatz, Zwang zur Gewinnmaximierung oder Konkurrenzkampf um Positionen, umso größer die Gefahr des unkollegialen Foulspiels. Karriere-Neid und wenig Chancen zur Verwirklichung eigener Ideen und selbstständiger Entscheidungen sind starke Triebfedern für eine Mobbingkampagne. Am Anfang steht oft ein relativ kleiner Konflikt, der sich schnell zum verbreiteten Unmut auswächst. Der bevorzugte Neuankömmling, der einem an Stelle eines anderen, eher erwünschten Kandidaten vor die Nase gesetzt wird, kann schnell in die Mobbing- Falle tappen. Gemeinsam machen sich die Schwachen stark – nach diesem Motto formieren sich die so genannten Arbeitskameraden zum hämischen Scharmützel gegen ihr Opfer. Der Mitarbeiter, der bei jedem Kollegentrunk fehlt, weil er auf sein bisher verschwiegenes Alkoholproblem nicht angesprochen werden will, gilt schnell als arroganter Sonderling. Mißverständnisse, Unüberlegtheit, Taktlosigkeit und mangelndes Einfühlungsvermögen sind gute Voraussetzungen, um Ansehen und Wohlbefinden eines Kollegen zu untergraben. Wer z.B. seinem Ärger über einen Fehler eines Mitarbeiter spontan an der falschen Stelle Luft macht, kann auch unabsichtlich einen gut funktionierenden Intrigenmechanismus in Gang setzen. Wenn Mobbing aus der Chefetage kommt, ist das ein schwer wiegender und verhängnisvoller Managementfehler. Wer fürchtet, durch Informationsweitergabe Macht und Wissensvorsprung einzubüßen, zeigt Führungsschwäche und tiefe Zweifel an der eigenen Autorität. Mobbing wird aber auch ganz bewußt als "arbeitsrechtlicher" Trick betrieben, um Personal, das man loswerden will, in die freiwillige Kündigung zu treiben. Die vom Mobbing zunächst verschonten Mitarbeiter sind nur vorübergehend Nutzniesser des Kleinkriegs gegen einen Sündenbock. Mobbing ist ein deutlicher Beweis für nicht vorhandene Konfliktlösungsstrategien, meint Univ.-Doz. Prim. Dr. Werner Schöny, ärztlicher Leiter der Nervenklinik Wagner-Jauregg Linz. Nicht nachvollziehbare, undurchsichtige Entscheidungen machen Unstimmigkeiten zum Dauerkonflikt, der allen schadet. Eine demokratisch orientierte Unternehmensführung bietet Mobbing weniger Nährboden als ein Arbeitsumfeld, wo der Umgang miteinander nur durch strenge Hierarchien geregelt ist und eine Kultur der Konfliktregelung kaum existiert. Vorgesetzte, die Mobbing dulden oder sogar fördern, schädigen ihr eigenes Ansehen und das Wohl des ganzen Betriebes. Frustration, schwindende Identifikation mit dem Unternehmen und innere Kündigung sind die kontraproduktiven Folgen. Und nicht zuletzt führt Mobbing zu steigenden Krankenständen aufgrund psychischen und körperlichen Leidens der Mobbing-Opfer.

Was kränkt macht krank

Erst raubt Mobbing die Energie, dann geht es an die Substanz. Leistungsverlust und Versagensängste führen dazu, dass der Arbeitsalltag eher mühsam ertragen als positiv erlebt wird. Jeder noch so geringe Mißerfolg, jede unfreundliche Begegnung wird gleichsam zur Bestätigung der eingebildeten eigenen Unfähigkeit und Bedeutungslosigkeit. Die Lebensfreude schwindet. Fehler häufen sich, Schwächen treten immer deutlicher zu Tage und rechtfertigen so scheinbar die Vorwürfe der Mobbing-Betreiber. Die Verzweiflung der Mobbing-Opfer fällt oft erst dann dramatisch auf, wenn sie bereits krank geworden sind. Panik- und Erschöpfungszustände und Schlafstörungen können die ersten Krankheitssymptome der schikanösen Arbeitsplatzsituation sein. Aber auch Magen-Darmleiden, Herz- Kreislauferkrankungen und schließlich totaler Zusammenbruch als Folgen der Mobbingsituation sind nachgewiesen, so Univ.- Doz. Dr. Werner Schöny. Nicht selten flüchten Mobbing-Opfer in Alkoholmißbrauch oder andere Suchtverhalten. Und immer wieder ist Mobbing auch Hintergrund für ein besonders tragisches Ende eines scheinbar aussichtslosen Leidensweges – den Selbstmord.

Feld räumen oder verteidigen

Wer Unannehmlichkeiten scheut, niemanden schockieren und immer Liebkind sein will, der ist ein idealer Spielball für die Mobbing-Saboteure. Das beiderseits offene, sachliche Gespräch möglichst unmittelbar nach einer aufgetretenen Konfliktsituation kann versöhnliche Brückenköpfe bauen. Gegen die Angriffe der Mobbing-Täter ist Verteidigung jedenfalls unverzichtbar. Sich wehren – das ist man sich selber schuldig. Es gelingt aber nicht immer, und oft ist ein Arbeitsplatzwechsel die einzige Lösung, den Mobbing-Attacken zu entkommen. Wenn der Mobbing-Karren erst einmal tief verfahren ist und gesundheitliche Spuren hinterläßt, braucht der Betroffene ärztliche und psychotherapeutische Hilfe, betont OA Dr. Herta Mayr, psychosomatische Abteilung der Nervenklinik Wagner-Jauregg. Viele Mobbing-Opfer und ihre Angehörigen haben sogar bereits Selbsthilfegruppen gegründet. Deren Adressen sind u.a. im Internet zu finden. Ziel ist, ein stabiles Selbstwertgefühl, ein gesundes Selbstbewußsein und positive Selbsterfahrungen zu gewinnen- statt schweigend zu leiden. 

Mobbing

Mobbing wird oft als Modewort benutzt für Ereignisse, die in Wahrheit nichts damit zu tun haben. Nicht jede Kritik, nicht jede Meinungsverschiedenheit ist Mobbing. Wer aber mindestens einmal in der Woche über mindestens ein halbes Jahr boshaften Schikanen ausgesetzt ist, gilt nach wissenschaftlicher Ansicht als echtes Mobbing-Opfer. Schauplatz ist nicht nur das Büro. Überall, wo Menschen zusammen treffen, ob in Schule, Verein oder Familie, können Mobbing-Täter aktiv werden.


Klaus Stecher

April 2006


Foto: Bilderbox, privat

Kommentar

Kommentarbild von OA Dr. Herta Mayr zum FG-Prinartikel "Mogging: Psychoterror am Arbeitsplatz", Ausgabe 4/2002"Menschen, die für Pannen immer als erste den Kopf hinhalten, auch wenn sie gar kein Verschulden trifft, werden am ehesten im Mobbing- Netz verschlissen. Wer sich wehrlos Schuldzuweisungen gefallen läßt, macht sich zur Zielscheibe für Mobbing-Täter. Das Erkennen dieser Mitverantwortung für die eigene Opferrolle ist der erste Schritt aus der Verstrickung".
OA Dr. Herta Mayr, Fachärztin
Psychosomatische Abt. Nervenklinik Wagner-Jauregg Linz 

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020