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Psychisch krank: Mehr als traurig

Frau liegt mit dem Gesicht im Wasser in der BadewanneBis in die jüngste Vergangenheit wurden psychisch kranke Menschen als verrückt bezeichnet und von der Gesellschaft ausgeschlossen. Heute weiß man, dass es sich oft um handfeste Krankheiten handelt. Doch wann ist man psychisch krank?

Das Leben ist zwar nicht immer eine Achterbahnfahrt, Höhen und Tiefen kennen aber die meisten. Gefühle kommen und gehen – und manchmal bleiben sie auch etwas länger. Dann kann es helfen, mit Freunden oder dem Partner darüber zu sprechen, damit sich die Stimmung bessert. In einigen Fällen bringt das jedoch keine Linderung – Traurigkeit, Ängstlichkeit, Hoffnungslosigkeit oder Niedergeschlagenheit bleiben. Es kann aber auch sein, dass bestimmte Gefühle, wie etwa Freude, überhaupt nicht mehr wahrgenommen werden oder dass ständige Gefühlsschwankungen den Alltag erschweren.

 

Wenn diese Zustände längere Zeit anhalten, kann eine psychische Störung die Ursache sein. Sie ist eine der größten Herausforderungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Doch wann ist man einfach „nur“ traurig und wann psychisch krank, und wer legt die Kriterien dafür fest? Psychische Störungen lassen sich anhand von Diagnose- und Klassifikationsschemata einteilen. Die zwei wichtigsten sind das ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das US-amerikanische DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) der amerikanischen psychiatrischen Vereinigung. „Die beiden Systeme ähneln sich sehr. Jede Krankheit hat einen Code, der weltweit gleich ist. Darin ist auch klar definiert, wann man überhaupt eine Diagnose erstellen kann. Bei einer Depression wäre das zum Beispiel, wenn die Symptomatik zumindest 14 Tage bestanden hat und nicht, wenn jemand zwei Tage lang traurig ist“, erklärt Primarius Univ.-Doz. Dr. Christian Geretsegger, Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie I an der Christian-Doppler-Klinik in Salzburg.

 

Angststörungen

Trennungen, der Tod von nahestehenden Menschen, der Verlust des Arbeitsplatzes oder auch chronische familiäre oder berufliche Belastungen können dazu führen, dass man sich traurig und niedergeschlagen fühlt, das Interesse an sozialen Kontakten verliert und vielleicht auch noch unter körperlichen Beschwerden wie Schlaflosigkeit leidet. „Hinter einer nur wenige Tage andauernden Traurigkeit kann eine kurzfristige Belastungsreaktion stecken, etwa bei einem Partnerkonflikt, was aber nicht krankheitswertig ist. Krankheitswertig ist es erst dann, wenn eine subjektive Beeinträchtigung entsteht, sei es im subjektiven Wohlbefinden oder in den sozialen Interaktionen“, sagt Dr. Christian Geretsegger. So gibt es eine Reihe von psychischen Krankheiten, die die sozialen Interaktionen betreffen, wie etwa Sozialphobien. „Untersuchungen zeigen, dass Angststörungen sehr häufig sind, möglicherweise sogar häufiger als Depressionen. Nur betreffen sie meist Menschen, die sich sehr wenig in Behandlung begeben. Die Häufigkeit der schweren behandlungsbedürftigen Depressionen liegt bei ungefähr sechs Prozent bei einer Punktprävalenz, also an einem gegebenen Stichtag, und bei 17 bis 18 Prozent, wenn man sich die Lebenszeitprävalenz ansieht“, weiß Universitätsdozent Geretsegger.

 

Deckmantel Burn-out

Apropos Depressionen: Sie treten mittlerweile häufig unter dem Deckmantel Burn-out auf. Warum das so ist, weiß der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie: „Heute hat man gerne ein Burn-out, weil es gesellschaftlich besser akzeptiert ist als eine Depression. In Wirklichkeit ist es aber nichts anderes als eine Depression, denn ein Burn-out gibt es als psychiatrische Diagnose nicht.“ Es entsteht meist als Reaktion auf eine Überlastung, kann jedoch auch die Folge einer Depression sein. Denn Menschen, die depressiv sind, können ihre Arbeit oft nicht mehr in der gewohnten Form erledigen. „Je nach Ausprägungsstand der Depression sind Betroffene in ihrer ganzen kognitiven Leistungsfähigkeit deutlich eingeschränkt. Sie sind langsamer, bringen Sachen nicht mehr zustande, haben Konzentrations- und Gedächtnisstörungen oder sind antriebslos. Dann heißt es, dass die Ursache ein Burn-out ist. In Wirklichkeit handelt es sich aber um eine Folge der Depression“, sagt Christian Geretsegger.

 

Oft ist es also eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz, wie mit psychisch kranken Menschen umgegangen wird. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden Betroffene noch in Ketten gelegt und in Zuchthäusern verwahrt, die Gefängnissen glichen und wo es an medizinischer Versorgung fehlte. Es folgten die Irrenanstalten mit „Therapien“ wie Brenneisen, Peitschen oder Hungerkuren, um das selbstverschuldete „Irrsein“ zu unterbinden. Und während der Zeit des Nationalsozialismus wurden psychisch kranke und geistig behinderte Menschen systematisch getötet. Die Nachkriegszeit war schließlich gekennzeichnet durch die Einführung der Psychopharmaka, wobei sich auch die Psychotherapie sehr stark weiterentwickelt hat.

 

Kein Zeichen von Schwäche

Auch heute gibt es noch Stigmatisierungen: „Wenn man sagt, dass man wegen einer Blinddarmoperation in Behandlung war, ist das etwas anderes als wegen einer Depression. In weiten Teilen der Bevölkerung sind psychische Krankheiten nicht als Krankheiten anerkannt, sondern werden als Zeichen einer Schwäche interpretiert, was aber nicht stimmt. Viele psychische Krankheiten haben einen genetischen Hintergrund und sind handfeste biologische Krankheiten. Depressionen und Schizophrenie etwa haben Entgleisungen des Gehirnstoffwechsels als Ursache und können auch zu massiven Folgeerscheinungen führen“, erklärt Dr. Christian Geretsegger. So sei die Herzinfarktrate bei Depressiven im Vergleich zur Normalbevölkerung um das Siebenbis Achtfache erhöht. Zudem trete eine Zuckerkrankheit viel häufiger bei Depressiven als bei der Normalbevölkerung auf. „Wenn jemand eine Depression und Diabetes hat, sind die Komplikationen bei der Zuckerkrankheit viel schwerer und viel häufiger als bei Menschen, die nicht an einer Depression erkrankt sind“, klärt der Facharzt auf.

 

In den vergangenen Jahren hat sich aber viel geändert – auch wenn die Akzeptanz in den ländlichen Regionen noch immer schlechter ist als in der Stadt. „Mittlerweile gibt es jedoch auch viele Psychiater auf dem Land, die ausgebucht sind. Dabei gilt: Wo ein Angebot ist, da steigt auch der Bedarf“, hält Dr. Christian Geretsegger fest, und er ergänzt: „Auch in der Suizidprävention wurde in den vergangenen 20 Jahren sehr viel getan. Die Selbstmordrate ist in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken. Der Rückgang hat mit Öffentlichkeitsarbeit zu tun. Trotzdem sterben in Österreich noch immer doppelt so viele Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle.“

 

Frühzeitig Hilfe suchen

Grafik GehirnWie bei allen anderen Krankheiten ist auch bei der Behandlung von psychischen Störungen ein frühzeitiger Therapiebeginn wichtig. Das ist immer häufiger der Fall: „Wir wissen, dass das Ersterkrankungsalter für psychische Krankheiten in den vergangenen 100 Jahren um zirka zehn Jahre nach vorne gerutscht ist. Ich glaube aber nicht, dass das Erkrankungsalter gesunken ist, sondern dass die Krankheiten jetzt früher erkannt und diagnostiziert werden“, so Dr. Geretsegger. Heute steht den Betroffenen eine Reihe von Therapien zur Verfügung, mit denen wirksam geholfen werden kann. Doch was versteht man eigentlich unter einer Psychotherapie? Ziel der Behandlung ist es, die psychische Störung zu lindern oder zu heilen.

 

Dabei geht man davon aus, dass Körper und Seele eine Einheit sind – Krankheiten sind daher auf ein Ungleichgewicht zurückzuführen. Psychotherapeutische Methoden gibt es viele: Allein in Österreich sind laut Österreichischem Bundesverband für Psychotherapie 22 verschiedene Methoden anerkannt. Diese lassen sich in die vier Richtungen tiefenpsychologischdynamisch, humanistisch, systemisch und verhaltenstherapeutisch einteilen. Ob eine psychotherapeutische Methode im individuellen Fall helfen kann, ist mit dem Therapeuten zu klären. Die Basis der Behandlung bilden professionell geführte Gespräche zwischen Psychotherapeut und Patient. Auch kann der Therapeut praktische Übungen durchführen. Was während der Therapie besprochen wird, unterliegt der Verschwiegenheitspflicht. Psychotherapeuten geben allerdings keine Lösungen vor. Sie begleiten vielmehr die Patienten bei ihrer Entwicklung. Vor allzu schnellen Erfolgen sei daher gewarnt: Die Therapie wirkt nicht von heute auf morgen, genauso wenig, wie die meisten psychischen Erkrankungen von heute auf morgen entstehen. Patienten müssen mitunter also etwas Geduld aufbringen.

 

Als hilfreich kann sich auch die Kombination aus Psychotherapie und Psychopharmaka erweisen, wobei allerdings bei der Einnahme von Tranquilizern über einen längeren Zeitraum Vorsicht geboten ist, wie Dr. Geretsegger erklärt: „Wir wissen, dass bei allen posttraumatischen Belastungsstörungen eine frühzeitige Behandlung die Aussicht auf Heilung bessert. Schlecht ist es, wenn jemand ausschließlich Tranquilizer bekommt. Diese Medikamente behindern die kognitiven Prozesse, die zur Verarbeitung eines Traumas notwendig sind.“ Menschen, die vorschnell Tranquilizer verschrieben bekommen, haben eine schlechtere Prognose als jene, die gleich richtig behandelt werden. „Richtig heißt hier, Psychotherapie in Kombination mit Psychopharmaka wie einem Antidepressivum“, so der Primarius.

 

Bei der Früherkennung ortet Dr. Christian Geretsegger allerdings auch noch Probleme: „Man weiß: Je früher man mit einer Behandlung beginnt, umso besser ist die Prognose. Die rezidivierende depressive Störung etwa, die immer wieder kommt, und auch die Schizophrenie sind lebenslange Krankheiten. Es ist ganz selten, dass jemand nur eine Episode hat. Die Regel ist leider, dass sie immer wieder auftreten, obwohl etwa Depressionen schon ganz gut behandelbar sind. Aber man muss sich eben behandeln lassen. Wenn man das nicht weiß, und gerade Kinder können das nicht wissen, ist das für viele ein massives Problem. Es ist allerdings nicht sehr akzeptiert, dass auch schon Kinder psychische Erkrankungen haben.“

 

Schicksalshaft

Von der Früherkennung zur Vorbeugung: Lassen sich psychische Krankheiten verhindern? Nur bedingt, wie der Universitätsdozent bestätigt: „Viele Krankheiten sind biologisch bedingt. Da ist es mit der Psychohygiene schwierig, weil sie eher schicksalshaft sind. Einem Trauma kann man vorher auch nicht ausweichen. Natürlich gilt: Je mehr Stress man hat und je ungesünder man lebt, umso eher entstehen Krankheiten. Das können aber auch körperliche sein. Jetzt zu sagen, dieses oder jenes kann man tun, damit man nicht psychisch krank wird, das gibt es nicht.“

 

MMag. Birgit Koxeder-Hessenberger

Juli 2014


Foto: mauritius, shutterstock, privat



Psychologe, Psychotherapeut oder Psychiater?

Der Unterschied zwischen Psychologe, Psychotherapeut und Psychiater ist nicht immer klar, denn alle drei Berufsgruppen beschäftigen sich mit psychischen Erkrankungen.

 

Psychologe

Als Psychologe kann sich bezeichnen, wer das Universitätsstudium der Psychologie abgeschlossen hat. Psychologen arbeiten in der Forschung, Ausbildung und Beratung. Wer anschließend eine Zusatzausbildung zum klinischen Psychologen und Gesundheitspsychologen gemacht hat, ist zur selbstständigen Ausübung des Berufes im Gesundheitswesen berechtigt.

 

Psychotherapeut

Psychotherapeuten können freiberuflich oder im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses tätig sein, wobei ihre Ausbildung gesetzlich geregelt ist.

 

Psychiater

Bei Psychiatern handelt es sich um Ärzte, die sich auf die Diagnostik und Behandlung von psychischen Störungen spezialisiert und eine mehrjährige fachärztliche klinische Ausbildung absolviert haben.

  

Der richtige Therapeut

Das Bundesministerium für Gesundheit hat eine Liste erstellt, die die Suche nach einem Psychotherapeuten vereinfacht: Unter http://psychotherapie.ehealth.gv.at findet man tagesaktuell alle voll ausgebildeten Psychotherapeuten. Zudem bietet der Österreichische Berufsverband für Psychotherapie auf seiner Homepage www.psychotherapie.at ein Formular mit Suchfunktion an.

  


Kommentar

Kommentarbild von Univ.-Doz. Dr. Christian Geretsegger zum Printartikel „Ursache einer Depression ist die Entgleisung des Hirnstoffwechsels. Es handelt sich also um keine Erkrankung der Seele, wie viele Menschen fälschlicherweise glauben. Depressionen sind eine Ganzkörperkrankheit und betreffen unglaublich viele Funktionen des Körpers, weil die Stoffwechselsysteme miteinander verbunden sind.“

Univ.-Doz. Dr. Christian Geretsegger

Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie I in Salzburg

 

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020