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Handy: Mobile Suchtgefahr

Drei Mädchen sitzen in der Sonne mit ihren HandysDas Handy ist ein fixer Begleiter der meisten Jugendlichen. Bei missbräuchlicher Verwendung droht Suchtgefahr und Verlust von echten Beziehungen. 

Eine Studie der Universität Bonn ergab, dass Studenten ihr Handy im Schnitt 80 Mal am Tag aktivierten – tagsüber durchschnittlich alle zwölf Minuten. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Viele Jugendliche sind noch häufiger mit ihrem Handy beschäftigt. Manche sind bis zu 17 Stunden am Tag auf Twitter und gehen nicht mehr in die Schule“, erklärt Prim. Dr. Kurosch Yazdi, Leiter der Suchtabteilung der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg in Linz.


Es gibt keine seriösen Zahlen wie oft und wie lange Jugendliche hierzulande ihre Handys und Smartphones nützen. Es ist aber nicht zu übersehen, dass viele Jugendliche ständig mit ihrem Mobiltelefon beschäftigt sind. Sei es um SMS zu schicken, zu spielen oder um auf Social Media-Seiten zu kommunizieren. „Wobei das Handy ja nur der Träger des Mediums ist. Es geht darum, was ich damit mache. Ob ich stets online bin, um nur ja nichts zu verpassen oder ob ich das Handy einfach zum Telefonieren benütze oder um Nachrichten zu verschicken. Letzteres ist natürlich harmlos“, sagt der Psychiater.

 

Suchtgefahr

 

Die Häufigkeit und Länge des Konsums sagt jedoch nur wenig über eine allfällige Handy-Sucht aus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt Suchtkriterien: Ohne den Konsum kommt es zu Entzugserscheinungen (z.B. Nervosität, Gereiztheit, Schweißausbrüche, Schlafstörungen etc.), man vernachlässigt andere Tätigkeiten (z.B. nicht mehr in die Schule geht oder die Leistung abfällt), man muss ständig daran denken und verspürt den inneren Zwang , ständig online zu sein.

Ein entscheidender Punkt ist zudem, ob der Betroffene in seinem Alltag vielseitig oder einseitig agiert. Spielt er z.B. auch Fußball, geht er ins Kino, trifft er sich mit Freunden? Wenn das der Fall ist, ist es auch kein Problem, wenn man häufig das Handy benutzt oder auch sonst im Internet surft.

 

Selbstwert durch virtuelle Freunde

 

Hinter dem Bestreben, auf Facebook & Co präsent zu sein, steht in vielen Fällen das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung. „Ein like bedeutet nichts anderes, als ich schätze dich. Das ist eine sehr oberflächliche Art der Wertschätzung. Liken kann man ja schnell etwas, das hat mit echter Freundschaft nichts zu tun. Wenn ich etwa krank bin, wird mir kein virtueller Freund tatsächlich helfen und nach mir sehen“, sagt Dr. Yazdi.

„Eine typische Aussage für einen Internetjunkie ist: Warum sollte ich mit einem Freund sprechen, wenn ich im Internet mit 300 Freunden gleichzeitig reden kann. Das zeigt, dass der Begriff eines Freundes verschwimmt und falsch definiert wird. Dabei verschiebt sich die Wertigkeit. Virtuelle Freunde werden wichtiger als echte Freunde genommen“, sagt Yazdi, Autor des Buches „Junkies wie wir“, in dem er über die Süchte der Computergeneration berichtet.

Über die Anzahl der virtuellen Gefolgschaft versuchen Jugendliche zudem ihren Selbstwert zu definieren. Yazdi: „Hat man in der Schule wenig Erfolg und kann man sich auch in anderen Bereichen, wie etwa im Sport, nicht profilieren, versucht man heute über die Anzahl der virtuellen Kontakte Selbstbewusstsein aufzubauen.“ Das Surfen in sozialen Netzwerken und verschiedene Spiele (z.B. virtuelle Rollenspiele) bergen die Gefahr in sich, als Ersatz für echte Beziehungen zu dienen. „Soziale Netzwerke vermitteln oft den Eindruck, echte Beziehungen zu ermöglichen. In Wahrheit lässt man sich auf nichts ein, das sind Pseudobeziehungen. Damit die Psyche gesund bleibt, braucht sie aber echte Beziehungen“, sagt der Psychiater.

 

Nachteile

 

Wenn das Smartphone den Alltag beherrscht, drohen neben der Suchtgefahr weitere Nachteile:

  • Konfliktfähigkeit wird nicht erlernt: Gefällt einem ein virtueller Freund nicht mehr oder gibt es ein Problem mit ihm, beschäftigt man sich nicht weiter damit, sondern löscht einfach die „Beziehung“. Daraus können später im Beruf Nachteile entstehen, erwirbt man doch mit einem solchen Verhalten keine Teamfähigkeit und keine Problemlösungskompetenz.
  • Die Kommunikationsfähigkeit geht verloren, wenn man primär über Internet oder sms mit anderen „spricht“. Viele Kinder lernen nicht mehr, wie man mit anderen spricht und wie man überzeugt. Dieses Phänomen betrifft sehr viele und ist bereits Teil der heutigen Jugendkultur.
  • Die Fähigkeit zur Geduld nimmt ab. Die Bedürfnisbefriedigung kann nicht aufgeschoben werden.
  • Die Aufmerksamkeitsspanne verringert sich.

Hilfe holen

 

Wenn jemand süchtig ist oder gefährdet erscheint, dann sollte man Hilfe suchen. Eltern sollten sich an eine Beratungsstelle wenden, an einen Kinder- und Jugendpsychiater oder an eine Ambulanz für Suchtmedizin. Eltern süchtiger Kinder sind mit diesem Problem häufig überfordert und würden selbst Hilfe brauchen. „Diese gibt es in Oberösterreich leider nicht. Es gibt keine einzige Elternberatungsstelle, die auf dieses Thema spezialisiert ist“, bedauert Primar Yazdi.

 

Therapie

 

In erster Linie kommt Psychotherapie zur Anwendung, in den Ursache der Sucht auf den Grund gegangen wird. Man erkundet, wo die eigentlichen Probleme liegen. Häufig sucht jemand mit Problemen im richtigen, seine heile Welt im Web. Eine Therapie wird sich dann mehr mit der Ursache der Sucht und weniger um das sichtbare Symptom (Handy, Internet) beschäftigen. Sinn macht eine Psychotherapie aber nur dann, wenn der betroffene Jugendliche diese auch selbst will und nicht nur die Eltern. „Fehlt dieser Wunsch, dann kann eine Therapie nichts bringen“, so der Experte. Ebenso wenig helfen Medikamente. „Darum sollte man sie auch nicht verordnen, außer es liegt eine zusätzliche psychische Erkrankung vor wie etwa eine schwere Depression“, sagt Yazdi.

 

Tipps für Eltern

 

„Eine generelle Regel, ab wann ein Kind ein eigenes Handy besitzen sollte, lässt sich schwer aufstellen, die Altersschwelle sinkt immer weiter. Man sollte dem Druck nicht zu früh nachgeben, wenn das Kind sagt, alle anderen hätten bereits eines“, rät Dr. Yazdi.

Das Handy zu verbieten, lasse sich laut Yazdi nur bei Kindern durchsetzen, nicht aber bei Jugendlichen. Wenn man die Zeiten des Handykonsums reduzieren will, braucht das Kind Alternativen. Einfach zu befehlen, das Handy auszuschalten, ist zuwenig. Das Kind benötigt Wertschätzung und gemeinsame Aktivitäten.

Kinder müssen vor Pornographie und Gewalt geschützt werden und Eltern sollten solche Seiten wenn möglich sperren. Die Kontrolle, auf welche Internetseiten der Nachwuchs surft, mit wem er sich unterhält und virtuellen Umgang pflegt, wäre laut Yazdi zwar zu empfehlen, lasse sich aber nur bei Kindern, aber kaum mehr bei Jugendlichen durchsetzen. Ein Machtkampf mit älteren Jugendlichen mache wenig Sinn, weil die sich online oft besser auskennen als ihre Eltern. Besser ist es, sich wertschätzend mit den Kindern über mögliche Gefahren zu unterhalten. Yazdi: „Auch die heimliche Kontrolle der SMS ist nicht empfehlenswert, das ist ein Vertrauensbruch, ähnlich dem Lesen eines Tagebuches.“

 

Und aus!

 

Wichtig sind regelmäßige Zeiten ohne Internet und Handy. Zeiten, in denen man völlig andere Sachen macht, etwa Sport oder herkömmliche Spiele ohne Computer. „Wenn ein Kind ohne Probleme ein paar Tage völlig auf Computerspiele, Handy und Internet auskommt, ist es auch kein Problem, wenn es einmal am Wochenende den ganzen Tag am Handy oder Computer spielt“, erklärt der Experte.

 

Dr. Thomas Hartl

April 2014


Foto: shutterstock

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020