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Depressionen im Alter

Ältere Frau mit grauen HaarenDepressionen sind das häufigste psychische Leiden im Alter. Die Dunkelziffer ist hoch, weil es sich nach wie vor um ein Tabuthema handelt und Depressionen häufig nicht erkannt werden.

Depression im Alter ist ein weit verbreitetes Problem. Laut  "Neurologen und Psychiater im Netz"(herausgegeben von den Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie) leiden von den 65-Jährigen etwa sieben Prozent unter einer behandlungsbedürftigen Depression. Menschen, die in einem Alters- oder Pflegeheim leben, sind demnach sogar zu 35 Prozent betroffen. Und: Fast 40 Prozent aller Suizide werden von über 60-jährigen Menschen begangen. Zudem ist die Dunkelziffer sehr hoch, da viele Depressionen nicht erkannt oder verschwiegen werden.


Ursachen

Depressionen, die im Alter auftreten, können sehr viele Ursachen haben. Oft führen mehrere zusammentreffende Ursachen zur Erkrankung. Häufige Auslöser sind:

  • Chronische Erkrankungen (wie z.B. Diabetes, chronische Schmerzen); Erkrankung des Gehirns (z.B. Demenz), Tumore, Herzinsuffizienz etc.
  • körperliche Einschränkungen (Mobilität etc.)
  • Erfahrungen persönlichen Verlusts (Kinder ziehen aus, Partner, Verwandte, Bekannte sterben)
  • Pensionierung: Vor allem, wenn man „für die Arbeit“ gelebt hat
  • Mangel an Vitamin D: Senioren gehen in der Regel zuwenig ins Freie und bekommen daher zu wenig Sonnenlicht, welches hilft, Vitamin D im Körper zu bilden. Ein chronischer Mangel an Vitamin D trägt häufig zu einer Depression bei
  • Nebenwirkung bestimmter Medikamente

Gesellschaftlich wenig anerkannt

Depressionen sind nach wie vor ein Thema, über das man nicht (gern) spricht. Entweder schweigt man darüber oder man spricht nur über die körperlichen Probleme, die in Wahrheit häufig Begleiterscheinungen der Depressionen sind. „Selbst jüngere Betroffene tun sich schwer, offen mit diesem Thema umzugehen. Sie bezeichnen ihre Depression häufig als Burn-out, ein Leiden, dass gesellschaftlich anerkannt ist und kaum ein Tabu darstellt, impliziert es doch, dass man zuvor sehr viel gearbeitet und geleistet hat“, erklärt Wolfgang Pichler, Psychotherapeut in Wels.

 

Häufige Fehldiagnosen

Eine korrekte Diagnose ist gerade bei älteren Menschen nicht einfach. Sie sind nicht gewöhnt, über ihre Gedanken und Gefühle zu sprechen und reduzieren ihre Aussagen oft auf die körperlichen Symptome.

„Menschen mit Depressionen werden daher häufig falsch diagnostiziert. Das trifft bei alten Menschen im speziellen Maße zu“, sagt Pichler. Zum einen sind die Symptome einer Altersdepression mitunter schwer zu erkennen, da sie von anderen Störungen wie etwa einer Demenz überlagert sein können. Zum anderen führt das ausschließliche Klagen über körperliche Symptome dazu, dass nur diese Symptome behandelt werden.

Die Klage über ständige Schmerzen führt zumeist zur Verschreibung von Schmerzmitteln, die dahinter stehende Depression wird jedoch oft nicht behandelt. Das geschieht zum einen, weil es die Patienten so wollen und auch, weil Ärzte die Depression oft nicht erkennen. Das Ergebnis ist meist frustrierend: Depressive Menschen nehmen Schmerzen verstärkt wahr und herkömmliche Schmerzmittel zeigen bei chronischen Schmerzen kaum Wirkung. Die im Hintergrund schlummernde Depression verstärkt die Schmerzen weiter und diese verstärken wiederum die Depression.

 

Therapie

Eine Depression ist in jedem Alter behandelbar und heilbar. Die zwei Säulen einer Therapie sind Psychotherapie und Medikamente.

Eine Gesprächstherapie (Psychotherapie) ist in der Regel hilfreich, ungelöste Konflikte aufzuarbeiten. Sie wird in der Praxis von alten Menschen bisher nur selten genützt. „Wer sein Leiden als rein körperlich ansieht und die Depressionsdiagnose nicht akzeptiert, der ist nur schwer davon zu überzeugen, dass ihm eine Psychotherapie helfen kann“, so Pichler.

Als Medikamente sind Antidepressiva das Mittel der Wahl. Die Dauer dieser Therapie sollte mindestens sechs Monate betragen, da die Medikamente nur langfristig wirken. In vielen Fällen ist eine deutliche Besserung zu bemerken, die Patienten schlafen wieder gut und ihre Stimmung hellt sich auf. Die Einnahme von Antidepressiva hat mitunter den positiven Effekt, dass andere Medikamente eingespart werden können. Das trifft häufig auf Schmerzmittel und Schlaftabletten zu, die der Patient dann nicht mehr braucht.

Zusätzlich wirken sich folgende Maßnahmen in der Regel positiv aus: Viel Licht, also Aufenthalt im Freien, soviel Bewegung wie möglich, Pflege sozialer Kontakte. „Auch vorbeugend ist es besonders wichtig, dass man so lange wie möglich einer sinnvollen Tätigkeit nachgeht. Dass man etwas macht, dass einem Freude und Sinn im Leben vermittelt. In einer Gesellschaft wie der unsrigen, in dem das Alter möglichst ausgeblendet und die Jugendlichkeit verehrt wird, ist es natürlich nicht leicht, sich auch im Alter wertvoll zu fühlen und eine aktive gesellschaftliche Rolle beizubehalten“, sagt der Welser Therapeut.

 

Furcht vor Psychopharmaka

Viele Menschen haben Angst, Antidepressiva einzunehmen, denn sie fürchten Auswirkungen wie z.B. eine Veränderung ihrer Persönlichkeit oder eine Suchtgefahr. Beides trifft jedoch nicht zu. Wenn jemand ein Medikament nicht verträgt, kann er es nach Absprache mit seinem Arzt absetzten und wird dann meist ein anderes Präparat bekommen.

 

Auswirkung auf organische Erkrankungen

Werden Depressionen nicht behandelt, können sie sich auch negativ auf bestehende körperliche Erkrankungen auswirken. Sie nehmen unbehandelt dann häufig einen schlechteren Verlauf und setzen eine negative Spirale in Gang. Die chronische Erkrankung verschlimmert sich, die Depression wird verstärkt, was sich wiederum negativ auf die Grunderkrankung auswirkt.

 

Angehörige sind gefordert

Über Probleme zu sprechen, wirkt für die meisten Menschen entlastend. Angehörige sollten Betroffene auf deren Probleme ansprechen, wenn sie augenfällig sind, aber auch wenn die bloße Vermutung besteht. „Je länger man zuwartet, desto weiter schreitet die Erkrankung voran, mit der Folge, dass der Patient immer unzugänglicher wird und immer weniger bereit ist, etwas dagegen zu tun“, sagt Pichler. Da in den meisten Fällen Betroffene den Gang zum Psychiater ablehnen, weil sie sich nicht als psychisch krank sehen oder sehen wollen, kann der Umweg über den Hausarzt oder über einen Internisten sinnvoll sein. Überweist dieser dann zum Psychiater, wird das eher angenommen.

Weiterführende Informationen unter www.depressionen.at.

 

Dr. Thomas Hartl

April 2014


Foto: shutterstock

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020