DRUCKEN

Nahrungsmittelunverträglichkeiten steigen

Drei Striezel BrotNahrungsmittelunverträglich-keiten sind auf dem Vormarsch und hinterlassen oftmals verunsicherte Konsumenten. Experten haben beim 31. Ernährungskongress des Verbandes der Diätologen Österreichs Ende März 2014 davor gewarnt, sich auf zweifelhafte Methoden und Selbsttherapie einzulassen. Eine fundierte ärztliche Diagnose sei unabdingbar, berichtet die Austria Presse Agentur (APA).

Nahrungsmittelintoleranzen seien für Betroffene ein massives Problem, sagte die Präsidentin des Verbandes der Diätologen Österreichs, Prof. Andrea Hofbauer, beim Kongress. „Es ist unglaublich, wie viele Menschen zu uns kommen und glauben, sie haben eine Unverträglichkeit. Aber ist es ein neuer Lebensstil, eine Modeerscheinung oder ist es eine Tatsache, dass wir immer intoleranter werden?“

Keine Selbstdiagnose

Die Verzweiflung und Unsicherheit der Menschen treibt auch die Industrie an. Das Angebot von allergenfreien Produkten, fragwürdigen Diagnoseverfahren und Behandlungsangebote boomen, sagte Hofbauer. „Und mit den Menschen wird dann das Geschäft gemacht.“

Hofbauer empfiehlt Betroffenen, unbedingt auf Selbstdiagnose und Selbsttherapie zu verzichten: „Gerade hier sind individuelle Interventionen durch ernährungsmedizinisch geschulte Experten und Expertinnen wichtig, mit pauschalen Ernährungsempfehlungen ist es dabei sicher nicht getan.“ Um den Leidensweg Betroffener zu verkürzen, sei zuallererst eine genaue und fundierte ärztliche Diagnosestellung unabdingbar. Erst darauf basierend sollte eine diätologische Anamnese erfolgen.

Gluten-Unverträglichkeit

Betroffene versuchen häufig, durch selbstverordnete Maßnahmen dem Problem beizukommen. Eine fundierte Diagnose einer Lebensmittelunverträglichkeit kann dann aber schwieriger werden, wenn der verunsicherte Patient selbst herumexperimentiert, wie Ao. Univ.-Prof. Dr. Harald Vogelsang von der Universitätsklinik für Innere Medizin III in Wien erläuterte. Beispiel Gluten: „Im Prinzip gibt es drei Arten von Gluten-Unverträglichkeit“, so Vogelsang. „Die eine ist die Zöliakie, bei der es sich um eine nichtallergische immunologische Erkrankung handelt.“ Hat man sich schon im „Selbstversuch“ auf glutenfreie Produkte verlegt, wird eine exakte Diagnose erschwert, so der Mediziner.

„Eine glutenfreie Diät ist in letzter Zeit sehr modern geworden“, stellt Vogelsang fest. „Für den Gesunden hat sie aber keinen Vorteil und im Fall einer Zöliakie kann sie obendrein die Erstellung einer richtigen Diagnose behindern.“

Reizdarm und Weizenallergie

Der zweite mögliche Grund für eine Gluten-Unverträglichkeit ist eine Intoleranz, deren Wurzeln nicht in immunologischen Vorgängen liegen. „Diese Situation findet sich vor allem bei Reizdarmpatienten“, so Vogelsang. Als dritter Grund könnte schließlich eine Weizenallergie verantwortlich für die Gluten-Unverträglichkeit sein. Das komme allerdings im Erwachsenenalter sehr selten vor.

Maßgeschneiderte Ernährungstherapie

Nach der ärztlichen Diagnose werde eine individuelle und maßgeschneiderte Ernährungstherapie abgeleitet, sagt Hofbauer. Zur diätologischen Anamnese gehört eine genaue Erfassung der Ernährungsgewohnheiten, des sozialen Umfelds und aller anderen Faktoren, die Einfluss auf die Nahrungsaufnahme haben. „Daraus wird eine sogenannte Ausschluss-Diät entwickelt“, erklärt die Wiener Diätologin und Landesleiterin Wien des Verbandes der Diaetologen Österreichs Barbara Angela Schmid. „Der oder die Betroffene muss dann umfassend darüber informiert werden, in welchen Lebensmitteln und in welchen Produkten der Auslöser der Beschwerden enthalten ist.“

Die Unverträglichkeit managen

Es ist für den Patienten sehr wichtig zu wissen, was er essen kann, und nicht nur zu wissen, was er nicht essen darf. Es geht laut Schmid also um einen Ernährungsplan für die Praxis, der es ermöglicht, das Leben mit einer Unverträglichkeit zu managen. „Häufig bekommen Patienten und Patientinnen, die an einer Unverträglichkeit, Aufnahmestörung oder Allergie in Zusammenhang mit Nahrungsmitteln leiden, zwar eine Menge von Informationen, sind damit aber überfordert und allein gelassen. Diese Informationen müssen erst auf den individuellen Ernährungsalltag heruntergebrochen werden“, erklärt Schmid.


Mag. Christian Boukal

April 2014


Foto: APA

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020