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Workaholic: Wenn sich alles um die Arbeit dreht

Frau sitzt vor einem LaptopViel zu arbeiten ist kein Problem, wenn die Balance im Leben stimmt. Besteht das Leben jedoch nur mehr aus Arbeit, dann besteht die Gefahr, dass man als Workaholic ausbrennt, krank und arbeitsunfähig wird.

 

Viel zu arbeiten und Leistung zu erbringen gehört für viele Menschen zum Lebensstil und wird von der sozialen Umwelt in der Regel gutgeheißen. Auch mit dem Begriff Workaholic wird oft Positives assoziiert, etwa Fleiß und Engagement. Aus gesundheitlicher Sicht ist jedoch zwischen einem Vielarbeiter und einem Workaholic zu unterscheiden.

 

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Vielarbeiter versus Workaholic

 

Ein Vielarbeiter ist ein Mensch, der zwar viel arbeitet und seine Leistung erbringt, dem es dabei aber gut geht und dessen soziale Beziehungen in Ordnung sind. Er kann nach getaner Arbeit abschalten und sich anderen Dingen widmen. Stimmt die Balance von Arbeit, sozialem Umfeld und Freizeit, bringt ein großes Arbeitspensum in der Regel keine Probleme mit sich.

Ein Workaholic dagegen kann selbst nach einem abgeschlossenen Projekt, nach getaner Arbeit, nicht entspannen und einfach aufhören zu arbeiten. „Eine vollbrachte Arbeit bringt ihm zwar kurzzeitig ein gutes Gefühl, doch er braucht gleich ein neues Projekt, in das er sich stürzen kann, sonst fällt er in ein Stimmungstief und bekommt Entzugsbeschwerden. Er muss sofort wieder alles niederreißen, selbst wenn er dazu nicht mehr in der Lage ist. Ein Leben als Workaholic gleicht dem Gefangensein in einer Spirale, die sich nach unten dreht und letztendlich in Arbeitsunfähigkeit enden kann“, erklärt Dr. David Oberreiter, Psychiater und Psychotherapeut und Leiter des Psychotherapeutischen Instituts an der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg in Linz.

 

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Vier Phasen

 

Der Übergang vom Vielarbeiter zum Workaholic kann – auch wenn sich die Übergänge schleichend vollziehen – in vier Phasen eingeteilt werden:

  • Phase 1: Man arbeitet viel und engagiert, erhält Anerkennung und positives Feedback, die Arbeit wird als befriedigend erlebt. Die positive Resonanz verführt dazu, noch mehr leisten zu wollen.
  • Phase 2: Man wird ungeduldiger, aggressiver, Erschöpfung setzt ein. Die Vernachlässigung von Familie, Freunden und Freizeitaktivitäten hat voll eingesetzt, man investiert die gesamte Energie in die Arbeit und sucht keinen Ausgleich mehr. „Erkennt man in dieser Phase seine Situation, wäre es noch möglich, aus der Negativspirale auszusteigen“, sagt Oberreiter.
  • Phase 3: Der Zustand der Chronifizierung ist eingetreten. Man will nur mehr arbeiten, alles andere ist weitgehend ausgeblendet. Depressionen, Angstzustände, Herz-Kreislauf-Erkrankungen können einsetzen. Man erkennt, dass etwas nicht stimmt, erkennt sich meist aber selbst nicht als Workaholic.
  • Phase 4: Die Leistungsfähigkeit sinkt bis zum Nullpunkt, man wird arbeitsunfähig, Burnout und Erkrankungen setzen dem Arbeiten ein Ende.

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Ursachen

 

Wissenschaftlich sind die Ursachen noch nicht ausreichend erforscht, man kann jedoch auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Diesen zufolge gibt es folgende Gründe, warum manche Menschen in eine Arbeitssucht verfallen:

  • Emotionale Gründe: Lob und Anerkennung seitens der Vorgesetzten, oft auch seitens der Familie beflügeln die Stimmung und lassen viele in die „Falle des Lobes“ tappen.
  • Unsere Gesellschaft honoriert Leistung und stellt sie oft an die oberste Stelle der erstrebenswerten Ziele. Von klein auf wird Leistung verlangt. Schon Einjährige kommen zunehmend in Krabbelstuben und müssen hier vorgegebene Abläufe erlernen. Wiederum werden Kinder, die ruhig bei Tisch sitzen und sich an die Regeln halten, mit Lob belohnt. Das Leistungsprinzip setzt sich in der Schule fort und wird über die Jahre hinweg verinnerlicht.
  • Auch Medien tragen ihren Teil bei: Mediale Vorbilder rekrutieren sich zunehmend aus Castingshows, deren Sieger Anerkennung und Bewunderung ernten. Wettbewerb und Sieg hält so Einzug in jene Lebensbereiche, wo sie ansonsten nichts zu suchen hätten (Tanzen, Kochen, Abnehmen, den reichsten Mann, die schönste Frau „gewinnen“ etc.)
  • Die Zunahme neuer, freier Arbeitsformen ist ein weiterer Katalysator in Richtung Workaholic. „Freiberufler sind besonders gefährdet. Sie können sich die Arbeitszeit meist frei einteilen und kommen damit in Versuchung, auch Sonn- und Feiertags zu arbeiten“, erklärt Oberreiter.
  • Die Arbeitswelt dringt immer weiter in den Privatraum vor. Über Smartphones und Internet werden auch im privaten Umfeld berufliche Nachrichten empfangen. „Durch die zunehmende Arbeit, die von zuhause aus erledigt wird und die zunehmende ständige Erreichbarkeit greift die Arbeitswelt immer tiefer in die Privatsphäre ein und bereitet den Nährboden für Workaholism“, berichtet der Arzt.
  • Angst: Die andere Seite der Leistungs-Medaille ist die Angst und der aus ihr folgenden vielschichtigen Angststörungen. Manche Workaholics versuchen durch übermäßigen Arbeitseifer ihre Ängste zu auszugleichen.

Eine Sonderform stellt das Aufschieben der Arbeit dar. Aus Sorge, den Arbeitsauftrag nicht gut genug zu erledigen und aus Angst vor Misserfolg werden Arbeiten hinausgezögert. Doch dann folgt das ständige Denken an die noch unerledigte Arbeit. Auch so kann die geistige Beschäftigung mit der Arbeit die Gedanken in der Freizeit einnehmen.

Manchmal wird Workaholics vorgeworfen, sie würden soviel arbeiten, weil sie das Nichtstun nicht aushalten und sich selbst nicht beschäftigen könnten; oder dass sie durch ihre viele Arbeit Probleme zu verdrängen versuchen. „Fallweise können diese Argumente zwar zutreffen, in der Regel sind diese Umstände aber Auswirkungen von zuviel Arbeit und nicht ihre Ursachen“, erklärt der Psychiater.

Auch das Motiv Geld ist kein typischer Auslöser. „Wichtiger ist der emotionale Aspekt. Das Lob, die Bewunderung und die Möglichkeit, Ängste zu reduzieren. Dass das Einkommen, das Gehalt nicht entscheidend ist, zeigt auch der Umstand, dass Workaholismus auch Hausarbeit oder ehrenamtliche Tätigkeit betreffen kann, wo keine finanzielle Entgeltung der Leistung erfolgt“, erklärt Oberreiter.

 

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Gefahr erkennen

 

Um zu erkennen, ob man zum Workaholic tendiert, sollte man sich folgende Fragen stellen:

  • Wie sieht meine Freizeit aus?
  • Wie sieht meine Beziehung aus?
  • Stimmt die Balance in meinem Leben?
  • Habe ich Freunde und pflege ich regelmäßigen Kontakt mit ihnen?

Bei der Beantwortung dieser Fragen ist es jeweils wichtig zu überprüfen, ob man sich bei der Familie, bei den Freunden und in der Freizeit mental völlig von der Arbeit trennen kann. Kann ich mich auf den Partner voll und ganz einlassen, bin ich auch im Gedanken bei der Freizeitaktivität oder denke ich selbst hier an die Arbeit? Ein deutlicher Hinweis, nicht abschalten zu können, ist das Abrufen beruflicher Nachrichten außerhalb der Arbeitszeit. „Niemand kann emotionell gänzlich bei der Familie sein, wenn zwischendurch berufliche Emails abgerufen werden“, sagt Oberreiter.

 

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Maßnahmen und Therapie

 

Viele Workaholics arbeiten buchstäblich „bis zum Umfallen“. Am Ende einer totalen Erschöpfung steht oft ein Herzinfarkt, eine Depression oder eine Angststörung. Um solche gravierenden Folgen zu vermeiden, sollte man gegensteuern, sobald man erkennt, dass man ein Workaholic ist oder sein könnte. „Das geht nicht von heute auf morgen. Kleine Schritte sind angesagt. Die Arbeit völlig aufzugeben, das funktioniert in der Praxis nicht. Der Weg in eine Arbeitssucht ist über Jahre entstanden und sollte behutsam Schritt für Schritt wieder verlassen werden. Eine Psychotherapie ist hier meist hilfreich. Ist auch die Beziehung bereits betroffen, empfiehlt sich eine Paartherapie“, rät Oberreiter.

Erste Anlaufstelle für Betroffene kann der Hausarzt sein, mit dem man bespricht, inwieweit die Balance zwischen beruflicher Beanspruchung und Freizeit noch im gesunden Bereich ist oder inwiefern sich bereits körperliche Auswirkungen wie Schlafstörungen, Angst, Depression oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zeigen.

Die Kontaktaufnahme mit spezialisierten Einrichtungen, wie etwa die Suchtambulanz der Nervenklinik Linz, kann helfen, das Ausmaß der Beeinträchtigung festzustellen und die Weichen zur weiteren Therapie zu stellen. „Nimmt man psychotherapeutische oder fachärztlich psychiatrische Hilfe in Anspruch, wird der Psychotherapeut oder Psychiater helfen, einen individuell auf den Betroffenen und seine Arbeitssituation abgestimmten Plan zu entwerfen, um die gesunde Lebensbalance wieder zu finden“, erklärt Oberreiter.

 

Dr. Thomas Hartl

Juli 2014


Foto: shutterstock

Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015