DRUCKEN

Vegetarier: Fleisch-Los

Brettljause mit Wurst Fleisch BrotVegetarier leben nicht automatisch gesünder. Fleisch oder nicht Fleisch, das ist eine heftig diskutierte Frage. Der Disput zwischen Vegetariern und Fleischessern wird nicht immer mit der feinen Klinge geführt. Engstirnige, genussfeindliche Missionare seien die einen – die anderen hingegen: schlicht Mörder. Ein Blick hinter die verhärteten Fronten zeigt, dass es vor allem aus gesundheitlicher Sicht kaum stichhaltige Argumente gibt, die deutlich für eine Ernährungsform sprechen. Außer, dass zu viel Fleisch gegessen wird.

 

Genaue Zahlen gibt es nicht, wie viele Österreicherinnen und Österreicher auf Schnitzel, Leberkäse und Backhendl verzichten. Ernährungswissenschaftler schätzen, dass jeder Zehnte ohne Fleisch auf dem Teller auskommt. Etwa 0,5 Prozent bekennen sich zum Veganismus. Sie meiden – und das nicht nur beim Essen – konsequent alle tierischen Produkte. In beiden Fällen ist die Tendenz in den vergangenen Jahren stark steigend. Vegetarier und auch Veganer sind mitten in der Gesellschaft angekommen. Was allein daran zu erkennen ist, dass die zwei größten österreichischen Supermarktketten mittlerweile vegetarische und auch vegane Produktlinien auf den Markt bringen.

 

Welche Beweggründe haben Vegetarier?

Aufschlussreich ist da eine große Online-Befragung der Friedrich-Schiller-Universität Jena, die sich auf die Angaben von mehr als 4.000 Vegetarierinnen und Vegetariern aus dem gesamten deutschsprachigen Raum stützt. 62,7 Prozent gaben an, das Tierleid habe sie zu Vegetariern gemacht („moralische Vegetarier“). Aus gesundheitlichen Gründen haben sich insgesamt 19,9 Prozent der Studienteilnehmer gegen Fleisch auf dem Speiseplan ausgesprochen („Gesundheitsvegetarier“). 11,0 Prozent gaben als Hauptgrund für ihren Verzicht an, dass sie vor Fleisch Ekel empfinden („emotionale Vegetarier“). Bemerkenswert war, dass der Frauenanteil bei der Online-Befragung bei mehr als 70 Prozent lag. Das Durchschnittsalter betrug knapp unter 30 Jahre. Mehr als 67 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus Städten mit mehr als 20.000 Einwohnern. Und mehr als drei Viertel hatten Matura, 29,1 Prozent sogar ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Der typische Vegetarier ist somit weiblich, jung, überdurchschnittlich gebildet, lebt in der Stadt und lehnt Fleischnahrung aus moralischen Gründen ab.

 

Moralische Bedenken

Univ.-Prof. Dr. Jürgen König, Leiter des Departments für Ernährungswissenschaften an der Universität Wien, kann die moralischen Bedenken nachvollziehen, die angesichts der industriellen Fleischproduktion bei immer mehr Menschen aufkommen: „Die Bilder aus der Massentierhaltung sind schwer zu verkraften. Aber das ist der Preis dafür, dass beispielsweise das Kilo Schweinefleisch beim Diskonter um drei Euro angeboten wird. Da kann niemand erwarten, dass die Tiere aus artgerechter Haltung kommen.“ Er könne verstehen, wenn sich jemand angesichts der vorherrschenden Verhältnisse dazu entschließe, auf Fleisch ganz zu verzichten. Auch dem derzeitigen Medienhype rund um die Fleischlosigkeit kann Professor König etwas abgewinnen: „Aus gesundheitlicher Sicht ist es nicht notwendig, auf Fleisch zu verzichten. Es würde den Österreichern aber sehr guttun, wenn deutlich weniger Fleisch auf den Tisch käme.“

 

Graphik der verschiedenen Vegetarierarten; Quelle Greenpeace, ZEIT ONLINE

Quelle: Greenpeace, ZEIT ONLINE

Mehr Allergien

Für gesundheitsbewusste Vegetarier hat es allerdings erst kürzlich schlechte Nachrichten gegeben. Eine Studie des Instituts für Sozialmedizin der Universität Graz hat gezeigt, dass Vegetarier weniger gesund sind als Fleischesser. Die Wissenschaftler hatten Daten von insgesamt 1.320 Personen ausgewertet, die im Rahmen des Austrian Health Interview Survey (ATHIS) erhoben worden waren. Das erstaunliche Ergebnis: Vegetarier hatten fast doppelt so viele Allergien wie Viel-Fleisch-Esser und zeigten auch eine um 166 Prozent erhöhte Krebsrate. Bei 14 von insgesamt 18 Erkrankungen – darunter auch Asthma, Diabetes und Osteoporose – sahen Vegetarier schlechter aus. So auch bei psychischen Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen. Es verwundert nicht, dass die Grazer Wissenschaftler auch festgestellt haben, dass Vegetarier eine schlechtere Lebensqualität aufweisen als Fleischesser – und zwar in allen vier untersuchten Kategorien: körperliche sowie psychische Gesundheit, soziale Beziehungen und umweltbedingte Lebensqualität.

 

Die Forscher der Universität Graz weisen allerdings auf ein nicht unbedeutendes Manko ihrer Studie hin: das Henne- oder-Ei-Dilemma. Man könne nämlich nicht sagen, ob der schlechtere Gesundheitszustand der Vegetarier durch die Ernährung verursacht wurde oder ob sie ihre Ernährung wegen einer bereits existierenden Erkrankung umgestellt haben. Eindeutige Vorteile für vegetarische Ernährungsformen dürfte es im Bereich der Herz- und Kreislauferkrankungen geben. Erst kürzlich wies eine im Journal of the American Medical Association veröffentlichte Studie darauf hin, dass vegetarische Kost sich günstig auf zu hohen Blutdruck auswirken könne. Und eine Ernährungsstudie an der Oxford-Universität, in der die Daten von mehr als 44.000 Menschen ausgewertet worden waren, ergab, dass Vegetarier ein um ein Drittel verringertes Risiko haben, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben. Haken an der Sache: Die Gesamtsterblichkeit war nicht verringert. Die Vegetarier sterben offenbar an anderen Krankheiten früher.

 

Mythen und Märchen

Das Versprechen des deutschen Vegetarierbundes, dass der Vegetarismus „das Potenzial hat, die meisten Zivilisationskrankheiten zu verhindern“, und sogar zu deren Behandlung eingesetzt werden könne, erfüllt sich leider nicht. Und so stellt Univ.-Prof. Dr. Gabriele Meyer, die Vorsitzende des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin klar fest: „Es handelt sich hier um die gleichen Mythen und Märchen wie bei allen Ernährungsversprechen zur Gesundheit.“ Ernährungswissenschaftler Jürgen König ist davon überzeugt, dass aus gesundheitlicher Sicht jedenfalls nichts gegen eine vegetarische Kostform spricht: „Die meisten Vegetarier setzen sich mehr mit der Ernährung auseinander und achten auf Ausgewogenheit. Wenn Eier beziehungsweise Milch und Milchprodukte in den Speiseplan eingebaut werden, gibt es überhaupt keine Bedenken.“ Komplizierter wird es bei Veganern, die ja auf alle tierischen Produkte verzichten – also auch auf Milch und Honig. Univ.-Prof. König: „Veganer brauchen schon ein spezifisches Expertenwissen, wie sie zu allen Stoffen kommen, die der Körper braucht. Das ist nicht immer einfach. Für den Durchschnittsbürger ist das nicht geeignet.“ Besondere Probleme bereiten die Versorgung mit Vitamin B12, Kalzium und Eisen, die normalerweise hauptsächlich mit Fleisch und Milch aufgenommen werden.

Bei intensiver Beschäftigung mit dem Thema und mit medizinischer Beratung bringen es auch Veganer ganz gut hin, ohne Mangelerscheinungen durchs Leben zu kommen. Große Ausnahme: Schwangere und Kinder. Professor Jürgen König: „Für Kleinkinder besteht wirklich die Gefahr, dass die geistige und körperliche Entwicklung beeinträchtigt wird.“ Auch nach schweren Operationen oder nach einer Chemotherapie würde er von veganen Experimenten abraten. Aus anderen Gründen leben die sogenannten Pudding-Vegetarier ungesund. Sie verzichten zwar auf Fleisch und Fisch, stopfen sich zum Ausgleich aber mit Süßigkeiten voll.

 

Weidefleisch

Außer Streit standen bisher immer die moralischen Argumente der Vegetarier: Sie verhindern massenhaftes Tierleid und haben auch den viel kleineren ökologischen Fußabdruck. In dieses Selbstverständnis des ethisch Überlegenen schlug die provokante Frage eines deutschen Autors und Bloggers ein wie ein Blitz: Verursachen Vegetarier mehr Blutvergießen als Fleischesser? Felix Olschewski meint ja – unter gewissen Bedingungen. Der Niedersachse, der seit fünf Jahren den Blog www.urgeschmack.de betreibt, setzt sich für gesunde und nachhaltige Ernährung mit möglichst regionalen Produkten ein und rechnet den Vegetariern vor: „Pro Kilo nutzbaren Proteins aus Getreide werden unter Umständen 25-mal mehr fühlende Wesen getötet als durch nachhaltige Fleischproduktion.“ Die Rede sei von „Weidefleisch“, also etwa dem Fleisch von Rindern, die sich von Gras ernähren und kein Kraftfutter bekommen. Im Gegensatz dazu müssten für die Produktion von Soja und Gemüse bestehende Ökosysteme beseitigt werden – mit negativen Konsequenzen für eine Unmenge Tiere vom Insekt bis zum Vogel und Wildtier. Felix Olschewski: „Wer Vegetarier oder Veganer ist und glaubt, damit den Planeten zu retten, macht sich was vor.“

 

Dass der studierte Wirtschaftswissenschaftler immer wieder betont, strikt gegen konventionelle Fleischproduktion, also Massentierhaltung und alle anderen Auswüchse der Fleischindustrie, zu sein, hilft ihm nicht mehr. Über ihn ergießt sich ein ungeheurer Shitstorm. Zwei Tage ertrug er die Beschimpfungen im Internet, dann hat er die Kommentarfunktion seines Blogs abgeschaltet. „Ich war selbst überrascht, wie viel Unzufriedenheit und Selbsthass offenbar in vielen besonders vegetarisch und vegan lebenden Menschen steckt.“ Er habe doch nur ein etwas differenzierteres Bild zeichnen und aufzeigen wollen, dass beim Essen immer jemand das Nachsehen hat: „Wer eine Beere pflückt, nimmt sie einem Vogel weg; wer einen Acker anlegt, zerstört einen Lebensraum für Tiere.“ Gegen ein Schwarz-Weiß-Denken wendet sich Ernährungswissenschaftler Jürgen König. Vegetariern, die alle Fleischesser als Mörder beschimpfen, möchte er gern ins Stammbuch schreiben, dass es die heile Natur auch ohne den Menschen nicht gibt. „Als Anschauungsmaterial empfehle ich einen Dokumentarfilm über Raubtiere.“ Andererseits müsse man den Vegetariern dankbar sein. Denn sie haben eine Diskussion über die katastrophalen Zustände angestoßen, die in weiten Teilen der industriellen Fleischerzeugung gewissermaßen Geschäftsgrundlage sind.

 

Immer mehr Menschen kaufen Lebensmittel bewusster ein und interessieren sich dafür, unter welchen Bedingungen diese erzeugt wurden. Jürgen König: „Es wäre erstrebenswert, viel weniger Fleisch zu essen. Das darf dann aus nachhaltiger Produktion und artgerechter Haltung sein und deshalb auch mehr kosten.“ Schön langsam ist ein Trend in diese Richtung bemerkbar. Manchmal gibt es auch höchst sprunghafte Entwicklungen: Ex-Boxweltmeister Mike Tyson, der einst seinem Gegner  Evander Holyfield ein Ohr abbiss, ist seit einigen Jahren Veganer.

 

Heinz Macher

Juni 2014

 

Foto: shutterstock, privat

  


Vegetarier mit Geschichte

Schon in den antiken Kulturen hat es Vegetarier gegeben. Erste Überlieferungen über Fleischverzicht stammen aus Indien und Griechenland. Wahrscheinlich war Pythagoras ein Vegetarier. Ob der herausragende Philosoph und Mathematiker Pythagoras (etwa 570 bis 500 v. Ch.)  ganz auf Fleisch verzichtete, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Dazu gibt es widersprüchliche Quellen. Gesichert ist hingegen, dass viele seiner Anhänger und Schüler vegetarisch lebten. Die Gründe dafür waren religiöser Natur. Der Gedanke der Seelenwanderung und der Wiedergeburt sprach gegen das Töten und Verzehren von Tieren. Ohne dass ihr Begründer ein Vegetarier war, zeigte auch die von Platon (etwa 428 bis 348 v. Ch.) gegründete Philosophenschule große Sympathien für den Vegetarismus. Im Gegensatz dazu waren Stoiker und Epikureer Fleischesser und von der niederen Existenz der Tiere überzeugt.

 

In der christlichen Philosophie gibt es kaum nennenswerte Befürworter des Vegetarismus, auch wenn immer wieder Mönche und Einsiedler aus Gründen der Askese auf Fleischliches verzichteten. In manchen Orden gab und gibt es Regeln, die auch den Fleischkonsum betreffen. So durften Benediktiner – außerhalb der strengeren Fastenzeit – vierbeinige Tiere nur im Krankheitsfall essen. Geflügel und Fische waren gestattet. Nicht religiös, sondern ethisch motiviert war das Aufkeimen des Vegetarismus im frühen 19. Jahrhundert. In London wurde der erste Vegetarierverein 1801 gegründet, 1847 entstand die Vegetarian Society. Die Internationale Vegetarier-Union wurde 1908 aus der Taufe gehoben.

 

Den Begriff „vegan“ hat der britische Pazifist Donald Watson geprägt. 1944 gründete er in Leicester die Vegan Society. Der Lehrer starb 2005 im Alter von 95 Jahren.

 


Kommentar

Kommentarbild_Vegetarier_Univ.-Prof._Koenig.jpgDie Bilder aus der Massentierhaltung sind schwer zu verkraften. Aber das ist der Preis dafür, dass beispielsweise das Kilo Schweinefleisch beim Diskonter um drei Euro angeboten wird.“
Univ.-Prof. Dr. Jürgen König
Leiter des Departments für Ernährungswissenschaften an der Universität Wien

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020