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Kleiner Bub schaut zur Ärztin hinauf

Kindermedizin: „Kleine“ Medizin

Kinder sind anders – auch in medizinischer Hinsicht. Eine spezialisierte Kindermedizin ist wichtiger Begleiter auf dem Weg in ein gesundes Erwachsenenalter. „Kleine“ Medizin – große Leistungen.

 

Für die Medizin sind Kinder nicht einfach „kleine Erwachsene“, sondern haben ganz spezielle Bedürfnisse. „Solange sie sich entwickeln, ist ihr Körper nicht mit dem eines Erwachsenen vergleichbar“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Sperl, Vorstand der Salzburger Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde. Der kindliche Stoffwechsel, das Immunsystem und die Organfunktionen unterscheiden sich grundlegend von denen eines ausgewachsenen Menschen. Das erfordert eine andere Herangehensweise bei der Diagnose und Therapie von Erkrankungen, was wiederum viel Spezialwissen voraussetzt. So sind zum Beispiel Blutwerte bei einem Kind abhängig vom Lebensalter ganz anders als bei einem Erwachsenen einzustufen. Auch die (seltenen) Krebserkrankungen bei Kindern verlaufen meist völlig anders als im Erwachsenenalter.

 

Kleine Patienten benötigen auch dann eine andere Aufmerksamkeit, wenn es etwa um eine Narkose, um eine Röntgenaufnahme oder um künstliche Ernährung geht. Insgesamt reagiert der kindliche Organismus viel empfindlicher als der eines Erwachsenen. Zudem gibt es neben den klassischen Kinderkrankheiten viele Erkrankungen und Störungen, die nur im Kindesalter auftreten.

 

Um dem kindlichen Organismus vom Frühgeborenen bis zum Jugendlichen in all seiner Vielfalt gerecht zu werden, braucht es daher nicht nur eine auf seine Bedürfnisse abgestimmte Kinder- und Jugendheilkunde. Auch innerhalb der Kinderheilkunde ist eine weitere Spezialisierung sinnvoll. Kinderärzte können sich daher innerhalb ihres breit gefächerten Fachs in vielen Schwerpunkten weiterbilden: Die Palette reicht von der Neonatologie (Frühgeborenenmedizin), Kinderkardiologie, Onkologie, Neuropädiatrie (Medizin für das kindliche Nervensystem), Pulmologie (Lungenheilkunde) und Endokrinologie (Hormonmedizin) bis hin zur Psychosomatik.

 

Diese Notwendigkeit hin zur Spezialisierung zeigt sich auch in der österreichischen Spitalslandschaft. Einzelne Häuser sind auf bestimmte Schwerpunkte ausgerichtet und bringen oft Spitzenleistungen, wenn es um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen geht. Ein Zentrum für kindliche Tumorerkrankungen von internationalem Rang bilden etwa die onkologischen Stationen des St. Anna Kinderspitals in Wien. Bei der erfolgreichen Behandlung von Kinderkrebs ist Österreich noch vor der Schweiz und Norwegen europäischer Spitzenreiter. Ein weiteres Beispiel ist das Kinder-Herz-Zentrum in Linz, wo Kinder und Jugendliche mit Herzfehlern betreut und sogar Ungeborene operiert werden. Das Zentrum ist neben einer Klinik in den USA das weltweit zweitgrößte, das Eingriffe an Herzen von Föten vornimmt. Das Universitätsklinikum Salzburg wiederum ist ganz vorne, wenn es um die Behandlung von „Frühchen“ oder um die Betreuung von seltenen Stoffwechselerkrankungen geht.

 

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Beachtliche Fortschritte

Baby im BrutkastenDie fortschreitende Spezialisierung ist in der Kinder- und Jugendheilkunde auch deshalb notwendig, weil das Wissen in diesem Bereich in den letzten Jahrzehnten enorm angewachsen ist. Das zeigt sich etwa in der Neugeborenenheilkunde (Neonatologie), die sich laut Professor Sperl in den vergangenen Jahren revolutionär verändert hat. Hier hat eine intensive Zuwendung die früher übliche „Maschinenmedizin“ ersetzt – mit der Folge, dass die Überlebensrate der „Frühchen“ ansteigt. Die Fortschritte bei der Erforschung von Erkrankungen bei Kindern zeigen sich am Beispiel der Leukämie. Während diese Erkrankung vor einigen Jahrzehnten noch so etwas wie ein Todesurteil war, werden heute rund 85 Prozent der Kinder mit Leukämie dauerhaft geheilt.

 

Ein weiterer Beleg für die Entwicklung der Pädiatrie ist die cystische Fibrose (früher auch Mukoviszidose genannt), die häufigste unter den seltenen Erkrankungen bei Kindern. Während früher CF-Patienten meist schon im Kindesalter starben, werden heute im allgemeinen Neugeborenenscreening die betroffenen Kinder frühzeitig entdeckt. Etwa die Hälfte der österreichischen CF-Patienten befindet sich nun bei meist guter Lebensqualität bereits im Erwachsenenalter. Beachtliche Fortschritte gab es zum Beispiel auch bei der Bekämpfung des plötzlichen Kindstods. Hier kam es zu einer Reduktion der Sterbefälle um mehr als zwei Drittel, was Österreich heute europaweit zu einem Vorreiter macht.

 

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Spitalstore verschlossen

In Österreichs Spitälern werden jährlich etwa 20.000 Kinder operiert. Etwa jedes zweite Kind muss irgendwann vor dem Erwachsenwerden ins Krankenhaus. Dabei kann es auf die Begleitung seiner Eltern zählen. In den Anfangszeiten der Kindermedizin im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert blieben die Spitalstore für Eltern verschlossen, der Zugang zum kranken Kind verwehrt. Noch vor wenigen Jahren waren die Besuchszeiten streng reglementiert.

 

Eine Vorgangsweise, die heute völlig undenkbar ist. „Wir sehen neben dem Kind immer auch die Familie als unsere Klientel“, erklärt Primar Wolfgang Sperl. Nicht die Anpassung der Kinder an den Klinikalltag, sondern die Anpassung des Klinikalltags an die Bedürfnisse der Kinder stehe im Mittelpunkt. Mit dieser Sichtweise hat die Kinder- und Jugendheilkunde innerhalb von wenigen Jahrzehnten einen revolutionären Wandel durchgemacht.

 

Doch abseits aller Fortschritte ist noch sehr viel zu tun. Einen eklatanten Mangel gibt es zum Beispiel bei der Kinder-Reha. „Hier sollten in Österreich endlich die Kinder- und Jugendrehabilitationszentren entstehen, die im Gesundheitsplan bereits vorgesehen sind mit insgesamt rund 280 Betten“, fordert Dr. Wolfgang Sperl, der auch Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde ist. Die krebskranken Kinder und deren Familien müssten noch immer ins Ausland ausweichen. Doch hier sei ebenso wie bei der Palliativversorgung durch ambulante Versorgungskonzepte und Kinder-Hospiz-Pläne zumindest ein Anfang und ein Schritt in die richtige Richtung gemacht. Ein bereits umgesetzter Fortschritt ist die neue Kinderneurorehabilitationsstation (kurz: reKiZ) am Salzburger Universitätsklinikum. Sie ist in ihrer Art einzigartig in Österreich, mit einer Tür-an-Tür-Versorgungsebene mit Intensivstation und Operationssaal. reKiZ dient der frühen Rehabilitation von Kindern, die schwere Verletzungen des Gehirns und des Nervensystems erlitten haben.

 

Versorgungslücken ortet Professor Sperl auch bei der Nachsorge beziehungsweise Nachbetreuung chronisch kranker oder schwerbehinderter Kinder im Elternhaus und vor allem in der Schule. Eine gute Nachbetreuung dieser kleinen Patienten nach der Entlassung aus dem Krankenhaus sei gesetzlich nach wie vor nicht gut geregelt.

 

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Viel Arbeit wartet

Bei speziell für Kinder getesteten Arzneien wartet ebenfalls noch viel Arbeit auf die Wissenschaft. Kinder sind keine „kleinen Erwachsenen“. Ihr Stoffwechsel arbeitet ab dem Kleinkindalter schneller als der eines Erwachsenen und ihr Immunsystem ist noch nicht ausgereift. Kleine Körper reagieren daher anders auf Medikamente. Und diese Unterschiede sind umso größer, je jünger die Patienten sind.

 

Doch für viele Arzneimittel gibt es keine Studien zur optimalen Dosierung und zu möglichen Nebenwirkungen bei Kindern. Dieses Unwissen rührt daher, dass Kinder früher bei der klinischen Prüfung von Arzneimitteln ausgeschlossen wurden. Doch auch hier ist einiges in Bewegung geraten, seit 2007 die EU eine Kinderarzneimittelverordnung in Kraft gesetzt hat. Sie schreibt bei Neuzulassung eines Medikaments die Vorlage von Studiendaten für Kinder vor. Das hat dazu geführt, dass die Pharmafirmen heute vermehrt forschen und kindertaugliche Medikamente sowie Dosierungen entwickeln.

 

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Forschungsnetzwerk

In Österreich wurde vor einigen Jahren mit „O.K.ids“ ein eigenes Kinderforschungsnetzwerk gegründet, um auch hierzulande Studien an Kindern bei größter Sorgfalt zu fördern. Erst dann, wenn Wirkstoffe gut im Tierversuch und an Erwachsenen getestet sind, werden Kinder damit behandelt. In der Krebstherapie profitieren davon etwa kleine Patienten, die nicht auf Standardmedikamente ansprechen. Erste Erfolge durch speziell für Kinder zugelassene Medikamente gibt es bereits. Weitere Durchbrüche erhofft man sich demnächst bei Arzneien gegen die sogenannten seltenen Krankheiten. Bei Tumormedikamenten sind österreichische Wissenschaftler im internationalen Vergleich ebenfalls auf einem guten Weg.

  

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Wie gesund sind Österreichs Kinder?

Die Frage, wie es um die Gesundheit der österreichischen Kinder steht, lässt sich nicht so einfach beantworten. Der „Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich 2015“ bemängelt das Fehlen „solider und aussagekräftiger Daten“ über den Gesundheitsstatus dieser Altersgruppe.

 

Die wichtigsten Problemfelder sind dennoch bekannt: etwa die vielen rauchenden und trinkenden Jugendlichen, deren Zahl weit über dem EU-Durchschnitt liegt. Auch die kindliche Adipositas und damit verbundene Erkrankungen wie etwa Diabetes sind nach Wolfgang Sperls Erfahrungen eine immer größere Herausforderung für die Kinder- und Jungendheilkunde. Jedes fünfte österreichische Kind unter sechs Jahren ist mittlerweile übergewichtig oder sogar fettleibig – Tendenz steigend! Eine Zunahme gibt es auch bei den psychosomatischen Erkrankungen und hier vor allem bei den Essstörungen und bei der Schulverweigerung. Durch die zunehmende Impfmüdigkeit treten zudem klassische Kinderkrankheiten wie Masern oder Keuchhusten wieder vermehrt auf. „Die Impfrate bei Masern liegt derzeit in manchen Regionen nur mehr bei 60 anstatt wie früher bei über 85 Prozent, und das bedeutet, dass bei uns jederzeit eine Masernepidemie ausbrechen könnte“, warnt Professor Sperl. Wer immunisiert ist, schützt nicht nur sich selbst, sondern indirekt auch Babys unter einem Jahr, die noch nicht geimpft sind.

 

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Viele „Frühchen“

Ein weiterer Trend ist die hierzulande steigende Zahl der Frühgeburten als Begleiterscheinung von Mehrlingsschwangerschaften nach künstlicher Befruchtung. Österreich weise im Vergleich zu anderen europäischen Ländern eine hohe Rate an frühgeborenen Kindern auf, bemängelt die Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit in ihrem Jahresbericht. Hier liegt unser Land deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Eine bedenkliche Entwicklung: Frühgeborene sind die größte Kinderpatientengruppe in Österreich und auch im weiteren Verlauf ihres Lebens kann ihre frühe Geburt zu chronischen Gesundheitsproblemen führen. Kinderärzte fordern daher immer wieder, dass in Österreich wie in weiten Teilen Europas bei der In-vitro-Fertilisation nur mehr ein Embryo eingesetzt werden darf. Derzeit sind mehrere Embryonen erlaubt. Sorgen bereiten auch Kinder mit Migrationshintergrund und hier vor allem jene aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei. Laut einem aktuellen Bericht des Bundesministeriums für Gesundheit ist es etwa mit der Zahngesundheit dieser Kinder überdurchschnittlich schlecht bestellt. Ihr Risiko, das Säuglingsalter nicht zu überleben, ist deutlich höher. Ebenso die Wahrscheinlichkeit, an einer der sogenannten seltenen Erkrankungen zu leiden. Diese schweren Krankheiten, die eine aufwendige Behandlung und Betreuung erfordern, zeigen sich meist schon bei der Geburt oder im frühen Kindesalter.

 

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Frühe Förderung

Um all diesen Problemen rechtzeitig zu begegnen, setzen Kinderärzte und soziale Einrichtungen verstärkt auf Aufklärung, Gesundheitsförderung und Prävention. So versuchen etwa Kindergärten, mit dem Präventionsprojekt „SALTO“ schon kleine Kinder zu gesünderem Essen und mehr Bewegung zu motivieren.

Im Kampf um die frühzeitige Verhinderung von Kindswohlgefährdung wurde außerdem kürzlich der Nationale Aktionsplan mit dem Projekt „Frühe Hilfen“ gestartet. Mit einer Fülle von Maßnahmen will man damit nach dem erfolgreichen Vorbild anderer EU-Länder schon in den ersten Lebensjahren zu einem gesünderen Leben hinführen. Auffällige und hilfebedürftige Kinder beziehungsweise Familien sollen möglichst schon im ersten Lebensjahr entdeckt und unterstützt werden. Die Strategien dafür lehrt unter anderem ein neuer Lehrgang der Universität Salzburg („Early Life Care“). Vor allem sollen sich dank „Frühe Hilfen“ Berufsgruppen wie etwa Pädagogen, Ärzte, Pflegekräfte, Psychologen, Hebammen oder Sozialarbeiter stärker vernetzen und besser zusammenarbeiten – gemäß dem afrikanischen Sprichwort „Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind glücklich aufwachsen zu lassen“!

 

Dr. Regina Sailer

Juni 2016

 

Fotos: shutterstock, privat

 

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Kommentar

Kommentarbild von Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Sperl zum IFG-Printartikel "Kindermedizin: Kleine Medizin", Ausgabe 4/2015„Die Aufgaben der Kinder- und Jungendheilkunde werden immer umfangreicher und spezialisierter. Der medizinische Fortschritt eröffnet Kinderärzten heute ganz neue Möglichkeiten.“

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Sperl

Vorstand der Salzburger Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020