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Krankenschwester misst den Blutzucker einer älteren Dame

Mangelnde Therapietreue und Gesundheitskompetenz bei Diabetes

Angesichts sechs Millionen Typ-2-Diabetikern in der Bundesrepublik Deutschland, wurden Probleme und Tipps zur Bewältigung der Polypharmazie bei dieser Erkrankung auf der Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Düsseldorf erörtert, berichtet die deutsche Medizin-Plattform medscapemedizin.de. Nicht zuletzt die mangelnde Therapietreue (Adhärenz) – also die ungenaue Medikamenteneinnahme – stellt angesichts von Folgeerkrankungen wie koronarer Herzerkrankung, Neuropathie, Niereninsuffizienz und zentralen Durchblutungsstörungen ein Problem dar.

 

Wird der Diabetes frühzeitig diagnostiziert, kann den Folgeerkrankungen vielleicht noch effektiv vorgebeugt werden: „Je rechtzeitiger der Diabetes erkannt wird, umso wahrscheinlicher ist es, durch adäquate individualisierte Therapie die Risiken für Folgen des Diabetes und Begleiterkrankungen zu senken“, sagte Prof. Dr. Rüdiger Landgraf, emeritierter Professor für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie an der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) München. Leider werde Typ-2-Diabetes „nicht selten spät oder zu spät erkannt“, so der Vorsitzende der AG Prävention des Typ-2-Diabetes in der DDG.

 

Hohe Dunkelziffer

Für „ganz besonders beunruhigend“ hält DDG-Präsident Prof. Dr. Baptist Gallwitz, dass es zudem eine „hohe Dunkelziffer von ein bis zwei Millionen nicht diagnostizierter Menschen mit Diabetes“ gibt: „Eine zu späte Diagnose und Behandlung tragen erheblich zum Auftreten von Folgeerkrankungen bei“, sagte auch er.

Als besonderes Problem erweist sich die mangelnde Therapietreue (Adhärenz) der Patienten bei der Behandlung. Diabetes und seine Folgeerkrankungen führen oft zur Verordnung von zehn oder mehr verschiedene Wirkstoffen, vielleicht wird auch noch Insulin gespritzt. Kein Wunder, dass bei einer solchen Polypharmazie die Therapie-Adhärenz langfristig laut Landgraf oft nur zehn bis 60 Prozent beträgt, so medscapemedizin.de.

„Eine zu späte Diagnose und Behandlung tragen erheblich zum Auftreten von Folgeerkrankungen bei“, so Gallwitz.

 

Wirtschaftlicher Verlustfaktor „Mangelnde Adhärenz“

Die mangelnde Adhärenz und auch die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Medikamenten haben Konsequenzen – für die Gesundheit der Patienten, aber auch für die Volkswirtschaft: Geschätzte zwölf Milliarden Euro koste die mangelhafte Therapie-Treue pro Jahr, sagte Landgraf. Eine Summe, die an anderer Stelle – etwa bei der Beratung der Patienten – fehle.

 

Kommunikation und Gesundheitskompetenz

Will man Adhärenz und Interaktionsrisiko besser in den Griff bekommen, gelte es Personal-, Zeit- und Wissensmangel, Arbeitsverdichtung, aber auch eine unzureichende Kommunikation und zu starke Spezialisierung der Ärzte anzugehen. Darüber hinaus werde auch die Multimorbidität der Patienten oft zu wenig berücksichtigt, sagte Landgraf.

 

Gerade Patienten mit Diabetes benötigten zudem Gesundheitskompetenz, das heißt, die Fähigkeit im täglichen Leben Entscheidungen zu treffen, die sich positiv auf ihre Gesundheit auswirken. Laut einer Umfrage des Bundesverbandes der Allgemeinen Ortskrankenkassen Deutschlands (AOK) (http://www.aok-bv.de/imperia/md/aokbv/gesundheit/gesundheitskompetenz/wido-monitor_2_14.pdf ) im Jahr 2014 ist es darum in Deutschland nicht gut bestellt – übrigens auch nicht in Österreich. Danach wiesen nur sieben Prozent der Befragten eine „ausgezeichnete“, fast 60 Prozent dagegen eine „problematische“ oder gar „unzureichende“ Gesundheitskompetenz auf.

Diese geringe Gesundheitskompetenz bedeutet für den Arzt: „Gleiche Augenhöhe mit dem Patienten gibt es nicht“, so Landgraf. „Vielmehr benötigen Diabetiker insgesamt seitens des Arztes mehr Empathie und Zeit.“ Doch gerade an Zeit mangle es oft. „Wir brauchen eine andere Gesundheitskultur und -philosophie, besonders für ältere Menschen, die die Behandlung oft nicht verstehen“, forderte er.

 

Konkrete Vorschläge

Landgraf machte konkrete Vorschläge, wie sich die Adhärenz durch ärztliche Maßnahmen eventuell verbessern lässt, so medscapemedizin.de:

 

  • Bessere Aufklärung des Patienten über seine Erkrankung, über mögliche Folgen und die Wirkweise der Medikamente. Das kann in Beratungsgesprächen, Einzel- oder Gruppenschulungen erfolgen.
  • Motivation, die Arzneien regelmäßig einzunehmen – z. B. über spezielle Motivationstrainings.
  • Regelmäßige Gespräche mit dem Patienten über seine Krankheit und sein allgemeines Befinden – dies fördert auch die Arzt-Patient-Beziehung.
  • Engere Zusammenarbeit mit Apothekern. Auch sie können gegenüber den Patienten die Bedeutung einer guten Adhärenz betonen – und z.B. einen Medikations-Check vornehmen oder Anwendungsprobleme besprechen.
  • Demenz und Depressionen kommen bei Menschen mit Diabetes gehäuft vor. Landgraf empfahl daher, auch das psychosoziale Wohlbefinden des Patienten im Blick zu haben; etwa durch Screenings auf Depression sowie diabetesbezogenen Stress. Dabei empfiehlt er, Familie, Freunde, Sozialarbeiter und Pflegedienste einzubinden.
  • Die Behandlung an evidenzbasierten Leitlinien auszurichten.
  • Einen schriftlichen Therapieplan zu erstellen.
  • Gemeinsam mit dem Patienten für jedes Quartal realisierbare Therapieziele zu erarbeiten.
  • Polypharmazie einzudämmen – z.B. die Therapie durch Kombinationspräparate oder Insulin anstelle von oralen Antidiabetika zu vereinfachen.
  • Den Einsatz von „forgiving“-Arzneimitteln zu prüfen, also von Substanzen mit Langzeitwirkung oder Depotpräparaten.

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Mag. Christian Boukal / medscapemedizin.de

Dezember 2015

 

Foto: shutterstock

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020