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Medikament Cytomegalie

Cytomegalie: Häufigste Infektion in der Schwangerschaft

Eine Infektion mit dem Cytomegalievirus, kurz CMV, ist insbesondere in der Schwangerschaft gefährlich. Der Grund: Die Viren können zu schweren Missbildungen bei den Ungeborenen führen. Wie man sich vor einer Ansteckung schützen kann, erklärt Univ.-Prof. Dr. Gabriele Baumann, LKH Steyr. 

Bei der Cytomegalie handelt es sich um eine Viruserkrankung, die durch sogenannte Cytomegalieviren hervorgerufen wird. Sie zählen zu den Herpesviren und können nur von Mensch zu Mensch übertragen werden. 40 bis 70 Prozent der Bevölkerung tragen das Virus in sich. „Wie das Herpes-simplex-Virus, das viele als Verursacher von Mundfäule und Fieberbläschen kennen, bleibt das Cytomegalievirus nach dem ersten Kontakt des Menschen ein Leben lang im Körper“, erklärt Baumann vom Institut für medizinisch-chemische Labordiagnostik des Landeskrankenhauses Steyr. Die Viren befallen zunächst meist die Zellen des Speicheldrüsengewebes. Von dort können sie sich auf den gesamten Körper ausbreiten. Befallene Zellen vergrößern sich – daher auch der Name Cytomegalie (gr. kytos: Zelle, megalo: groß). 

Unspezifische Beschwerden

„Der Mensch und das Virus sind seit Millionen von Jahren aneinander gewöhnt. Daher verursacht die Infektion normalerweise kaum Beschwerden“, so die Medizinerin. Die Symptome ähneln denen einer Erkältung. Dazu zählen Kopf- und Gliederschmerzen, Fieber, Abgeschlagenheit und eine Schwellung der Lymphknoten. Anders bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem – etwa nach einer Tumorerkrankung oder Organtransplantation. Hier können die Viren zu Netzhaut-Entzündungen (Retinitis), Appetitlosigkeit, Nierenentzündung (Nephritis), Herzmuskelentzündung (Myokarditis), Lungenentzündung (Pneumonitis), Gehirnentzündung (Enzephalitis) oder Leberentzündung (Hepatitis) führen. 

Drei von Tausend Neugeborenen betroffen

Vorsicht ist ebenfalls in der Schwangerschaft geboten: Wird die Infektion von der Mutter auf das Ungeborene übertragen, kann dies zu Fehlgeburten und Fehlbildungen führen. „Eine CMV-Infektion ist derzeit die häufigste Infektionserkrankung, die bereits im Mutterleib auf das Ungeborene übertragen werden kann. Drei von Tausend Kindern werden in Österreich damit geboren“, so Baumann. Doch wie erfolgt die Ansteckung? „Das Cytomegalievirus wird durch engen Kontakt zwischen Menschen übertragen. Die Wahrscheinlichkeit einer Infektion hängt daher von der Bevölkerungsdichte und den Lebensumständen ab. Je enger die Menschen zusammenleben, umso früher können sie mit dem Virus infiziert werden. Damit besteht jedoch die Gefahr, dass Frauen der Mittel- und Oberschicht erst in einem Alter mit dem Virus angesteckt werden, in dem eine Schwangerschaft möglich ist oder bereits besteht“, so die Medizinerin. 

Häufige Infektionsquelle: Kleinkinder

Cytomegalieviren sind in Körperflüssigkeiten wie Sperma, Vaginalsekret, Urin, Tränenflüssigkeit, Blut und Speichel enthalten. Die Übertragung erfolgt durch Tröpfchen- oder Schmierinfektion – also beim Niesen, Husten, Küssen oder Geschlechtsverkehr sowie durch Organtransplantationen und Blutprodukte. Zudem können sich Neugeborene während des Geburtsvorgangs oder beim Stillen infizieren. „Eine der häufigsten Infektionsquellen für Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch sind Kleinkinder, vor allem wenn diese eine Krabbelstube oder einen Kindergarten besuchen“, klärt Baumann auf. Wie wirkt sich die Krankheit aus? „Eine Lebervergrößerung, eine Beeinträchtigung der Lunge oder Einblutungen in die Haut können ein Hinweis auf eine angeborene CMV-Infektion des Neugeborenen sein“, sagt die Fachärztin. Die Symptome können aber auch erst Jahre später auftreten. Geistige beziehungsweise körperliche Entwicklungsverzögerungen, Entzündungen der Ader- oder Netzhaut des Auges und Beeinträchtigungen des Gehörs sind möglich. 

Gefährlichere Erstinfektion

Nach einer Infektion ist man jedoch nicht gegen die Viren immun: Erneute Ansteckungen, sogenannte Re-Infektionen, sind möglich. Grundsätzlich ist eine Erstinfektion der Mutter in der Schwangerschaft für das Ungeborene gefährlicher als eine Re-Infektion. „Hat die Frau schon vor der Schwangerschaft eine CMV-Infektion durchgemacht, so ist ein Schutz durch die Abwehrkräfte der Schwangeren gegeben. Dieser Schutz durch Antikörper reduziert das Risiko einer Übertragung auf das Kind. Bei einer Zweitinfektion tritt daher eine Übertragung auf das Kind bei nur jeder zehnten Frau auf“, so die Medizinerin. Schwere Folgen der Ansteckung sind zu Beginn und im zweiten Drittel der Schwangerschaft wahrscheinlicher als im letzten Drittel. Ob das ungeborene Kind infiziert ist, lässt sich durch eine Untersuchung des Fruchtwassers ab der 20. Schwangerschaftswoche feststellen. 

Wirksame Präventionsmaßnahmen

Bei Menschen mit intaktem Immunsystem ist in den meisten Fällen keine Behandlung notwendig. Verläuft die Erkrankung jedoch schwer, können Virostatika verabreicht werden. Diese verhindern die Vermehrung der Viren. Schwangere dürfen diese Medikamente allerdings nicht nehmen. Hier können Hyperimmunglobuline helfen. Das sind spezielle Antikörper, die die Ausbreitung der Infektion verhindern. Baumann: „Nach bisherigen Erfahrungen wird eine derartige Therapie von Schwangeren gut vertragen. Zu beachten ist allerdings, dass Hyperimmunglobuline derzeit noch nicht zur Vorbeugung oder Behandlung von Cytomegalievirus-Infektionen in der Schwangerschaft zugelassen sind. Unter bestimmten Bedingungen dürfen sie aber verabreicht werden.“ Der Prävention kommt daher eine wichtige Rolle zu: Schwangere, die Kleinkinder versorgen, sollten sich nach dem Füttern, Baden, Reinigen des Kindermundes, Putzen der Nase oder Wechseln der Windeln die Hände gründlich mit Seife und warmem Wasser waschen. Das Trinken aus einer Tasse oder die gemeinsame Nutzung von Besteck, Zahnbürsten und Handtüchern sollte vermieden werden. Dazu gehört auch, nicht vom Brot des Kindes abzubeißen. Und – was vielen Müttern wohl am schwersten fallen wird – sollten sie ihre Kinder nicht auf den Mund küssen.

 

MMag. Birgit Koxeder-Hessenberger

März 2016


Foto: shutterstock

 

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020