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Mann wird von Hautarzt untersucht

Krebsstatistik: Zu wenige Melanom-Fälle gelistet

Neue Studienergebnisse geben Hinweise darauf, dass die Daten der österreichischen Krebsstatistik zumindest beim malignen Melanom nicht stimmig sein können. Kurz vor dem Welt-Krebs-Tag am Mittwoch, 5. Februar 2016, ist im European Journal of Cancer eine wissenschaftliche Arbeit erschienen, wonach 47 Prozent der Melanom-Fälle in Österreich gar nicht in den offiziellen Statistiken (Krebsregister) auftauchen, berichtet die Austria Presse Agentur (APA). 

Fundierte Daten zur Häufigkeit und zum Verlauf von Erkrankungen sind für die gesundheitspolitische Planung enorm wichtig. Das gilt auch speziell für Krebs. Deshalb existiert in Österreich seit Jahrzehnten das offizielle Krebsregister der Statistik Austria. Doch zumindest in einem Aspekt, beim Melanom („Schwarzer Hautkrebs“), hat es offenbar bedeutende Lücken, so die APA. 

Weniger als die Hälfte vermerkt 

„Im Jahr 2011 sind im zentralen Krebsregister für Österreich 1.534 invasive Melanom-Erkrankungen vermerkt. Wir haben aber in unserer Studie 3.295 neue Fälle nachweisen können. Das entspricht einem Fehlbestand von mehr als 50 Prozent“, sagte Univ.-Prof. Dr. Klemens Rappersberger, Primar der Hautabteilung an der Wiener Rudolfstiftung, der die Untersuchung geleitet hat. An der Publikation war auch Dr. Monika Hackl von der Statistik Austria beteiligt, die das offizielle Krebsregister seit Jahrzehnten betreibt. 

Hinter den divergierenden Zahlen könnte ein mit der Zeit entstandener klassischer Systemfehler stecken, so die Meldung. Vor Jahrzehnten bedeutete eine Krebserkrankung in den allermeisten Fällen eine Diagnose und die entsprechende Therapie im Spital. Auf diesen Spitalsmeldungen beruht das Österreichische Krebsregister.

Doch gerade beim Melanom trifft das nicht zu. Rappersberger: „Abhängig von der geografischen Region werden 80 Prozent der Melanom-Erkrankungen bei niedergelassenen (Haut-)Ärzten diagnostiziert und behandelt. Wir in den Spitälern sehen vor allem die Patienten mit fortgeschrittenen Erkrankungen mit Metastasen oder wir bekommen Patienten im Frühstadium zur Nachoperation, bei denen der Tumor bereits von einem Dermatologen entfernt worden ist.“ Dies erfolge zumeist zur Begutachtung, ob der erste Eingriff groß genug erfolgt sei oder zur weiteren Abklärung. „Wir sehen an meiner Abteilung pro Woche vielleicht ein neues Melanom, aber vier neue Patienten kommen aus der niedergelassenen Praxis voroperiert zu uns.“ 

Melanom gut heilbar 

Das Melanom ist im Frühstadium bei rechtzeitiger Entfernung fast zu hundert Prozent heilbar. Ist der Tumor aber bereits durch die Haut durchgebrochen und hat Metastasen gesetzt, ist die Erkrankung trotz aller Fortschritte der Medizin mit moderner zielgerichteter Therapie und den neuen Möglichkeiten zur Immuntherapie unheilbar.

An der fundierten Datenbasis der wissenschaftlichen Arbeit ist kaum zu rütteln. Rappersberger: „Wir haben alle 53 Stellen und Pathologen, die derartige Befunde erstellen, gebeten, uns die Befunde der Patienten aus dem Jahr 2011 zu schicken. Dabei traten die Differenzen zwischen dem Österreichischen Krebsregister und den von uns erhobenen Zahlen ans Tageslicht.“

Seit Jahrzehnten heißt es unter österreichischen Sozialmedizinern sinngemäß: „Woran die Österreicher leiden, wissen wir ganz bestimmt nach deren Tod (Pathologie; Anm.), schon weniger gut im Spital – und sehr wenig in der niedergelassenen Praxis.“

Gleiche Verteilung 

2011 wurden österreichweit 5.246 maligne Melanome, in situ (nicht invasiv; Anm.) und invasiv, diagnostiziert: 2.581 betrafen Männer und 2.665 Frauen. Die Statistik Austria registrierte nur 1.534 Meldungen. Nimmt man aus den Zahlen der Dermatologen und Dermato-Pathologen die Tumore im Frühstadium heraus, kommt man immer noch auf die 3.295 Melanom-Erkrankungsfälle – und deutlich mehr als die offizielle Statistik.

Rappersberger: „Das Melanom zählt zu den häufigsten malignen Tumoren in Österreich, und das hat nicht nur eine große Bedeutung für unser Fach der Dermatologie und Venerologie, sondern birgt auch wichtige gesundheitspolitische Informationen.“ 

Wichtig für Gesundhietsplanung 

Für die Gesundheitsplanung sind solche Daten enorm wichtig. Der Experte: „Immerhin kostet die Therapie eines Patienten mit einem metastasierten Melanom mit den modernsten Medikamenten zwischen 150.000 und 200.000 Euro pro Jahr.“ Zur Verbesserung der österreichischen Statistiken wünschen sich Rappersberger und die Co-Autoren der Studie vor allem mehr Geld für die Statistik Austria, damit die Gesundheits-Epidemiologen dort aktiver bei der Erfassung der Melanom-Erkrankungen sein können.

 

Mag. Christian Boukal / APA

April 2016


Foto: APA

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020