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Junger Mann mit nacktem Oberkörper isst Joghurt

Gehirn im Bauch

Magen und Darm sind nicht nur für die Verdauung zuständig. Neueste Forschungen legen nahe, dass die beiden Organe auch unsere Gemütslage beeinflussen. Jeder kann selbst mit ausgewogener Ernährung dazu beitragen. 

"Der gesunde Darm ist die Wurzel aller Gesundheit.“ Das meinte bereits 300 Jahre vor Christus der berühmte Arzt Hippokrates. Seine Schlussfolgerung daraus lautete: „Ein kranker Darm ist die Wurzel allen Übels, weil dieses Zentrum den ganzen Körper bis in die kleinste Zelle versorgt.“ Und dennoch wurde der Magen-Darm-Trakt des Körpers unter diesem Gesichtspunkt lange nicht so genau betrachtet. Der Darm – sprichwörtlich unter der Gürtellinie – galt als Organ, das bloß für Verdauung und Ausscheidung zuständig ist. 

Zentrum des Körpers 

„Mittlerweile hat jedoch ein Umdenken stattgefunden und man erkennt immer mehr, dass der Darm tatsächlich das Zentrum des Körpers ist“, sagt Oberarzt Dr. Markus Sedlak, Internist und Leiter des EndoskopieZentrums am Kepler Universitätsklinikum Linz. Ein Organ der Superlative ist der Darm allemal: Er wird beim erwachsenen Menschen bis zu acht Meter lang, hat eine Oberfläche von 400 bis 500 Quadratmetern und verarbeitet im Leben eines Erwachsenen rund 30 Tonnen Nahrung und 50.000 Liter Flüssigkeit.

Damit alleine wäre er eigentlich schon gut beschäftigt. Aber er kann noch mehr, denn er ist von mehr als 100 Millionen Nervenzellen umhüllt, weshalb der Darm auch als „zweites Hirn“ bezeichnet wird. 

Dass sich Stress und Unwohlsein auf den Magen schlagen, ist bekannt. Viele Menschen bekommen Durchfall, anderen ist der Magen wie zugeschnürt, sie können gar nichts essen oder haben Schwierigkeiten, das Gegessene wieder loszuwerden. Die Forschung kommt jedoch immer mehr zur Erkenntnis, dass es auch umgekehrt eine Wechselwirkung gibt, dass also der Zustand des Darms das körperliche und seelische Wohlbefinden beeinflusst. 

Spanische Wissenschaftler untersuchten für eine große Studie sechs Jahre lang die Ernährungsgewohnheiten von mehr als 12.000 Freiwilligen. Zunächst litt keiner der Teilnehmer an Depressionen, am Ende 657. Die Forscher an den Universitäten von Navarra und Las Palmas fanden heraus, dass das Erkrankungsrisiko in jener Gruppe um 48 Prozent höher war, die viele gehärtete Transfette und gesättigte Fettsäuren, wie sie in Fastfood vorkommen, zu sich genommen hatten. „Das bedeutet natürlich nicht, dass man überhaupt nie Fastfood essen darf“, sagt Dr. Sedlak. Aber es sollte eben nicht nur Junkfood sein. Für den Experten ist „ausgewogene Mischkost“ der richtige Schlüssel, dies sei viel gesünder als Diäten. 

Verhaltensänderung 

Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Darmbakterien und Verhalten liefert auch eine Untersuchung eines irisch-kanadischen Forscherteams. Dafür wurde einer Gruppe von Mäusen das darmfreundliche Bakterium Lactobacillus rhamnosus gefüttert. Dieses kommt auch im Joghurt vor und gilt als bekömmlich für den Darm. Eine andere Gruppe von Mäusen bekam normales Futter. Beide Gruppen wurden dann in eine Art Labyrinth mit offenen und geschützten Bereichen gelassen. Die Mäuse, die Bakterien bekommen hatten, waren wagemutiger und trauten sich viel öfter auf die freien Flächen als ihre Artgenossen. 

Normalerweise meiden Mäuse Bereiche, in denen sie sich nicht verstecken können. Ähnliches zeigte sich bei einem Experiment mit „schwimmenden Mäusen“. Die Nagetiere wurden in ein Gefäß mit Wasser gesetzt, in dem sie den Boden nicht erreichen und nicht über den Rand klettern konnten, also schwimmen mussten, um zu überleben. Jene Mäuse, die zuvor die darmfreundlichen Probiotika erhalten hatten, gaben viel später auf und hatten auch weniger Stresshormone im Blut. 

Kein Stress 

Bisher nahm man an, für Stimmungen und Befindlichkeiten sei das Gehirn zuständig. Doch seit einigen Jahren wird verstärkt auf den Darm geschaut. Der renommierte amerikanische Biochemiker Rob Knight erklärt, die Forschung in diesem Bereich sei so vielversprechend wie die Stammzellenforschung. Sie befindet sich allerdings noch im Anfangsstadium.

Mit Interesse hat die Fachwelt eine Untersuchung von Emeran Mayer an der University of California in Los Angeles aufgenommen. Für diese bekamen Frauen vier Wochen lang regelmäßig ein probiotisches Joghurt zu essen. Eine andere Gruppe nahm normales Joghurt zu sich oder ernährte sich wie üblich. Es zeigte sich, dass die Hirnregionen des limbischen Systems, die negative Emotionen verarbeiten, in jener Gruppe weniger aktiv waren, welche das probiotische Joghurt zu sich genommen hatte. 

Auch Dr. Sedlak beobachtet in seiner Praxis, dass Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa bei Patienten mit ausgeglichener Psyche weniger dramatisch verlaufen als bei Patienten, die viel Stress haben. Denn, so Dr. Sedlak: „Der Darm mag keinen Stress“. Auch sehr stark gewürzte oder sehr fette Speisen tragen nicht zum Wohlbefinden bei. Es ist allerdings nicht so, dass der Mensch seine Darmgesundheit völlig in der eigenen Hand hat. „Vieles ist genetisch festgelegt und man bekommt von seiner Familie nun mal bestimmte Darmbakterien mit. Die einen sind gut, die anderen schlecht, sagt Dr. Sedlak. Aber 30 bis 50 Prozent des Wohlbefindens könne man selbst durch gesunde Ernährung und Lebensweise herstellen. 

Bestseller Darm 

Dass es mittlerweile großes Interesse an den Verdauungsvorgängen gibt, zeigt auch der Erfolg der deutschen Medizinstudentin Giulia Enders. Sie beschreibt in lockerem Ton und für jedermann verständlich, was da genau in unserem Inneren abläuft, wenn wir essen, verdauen und auch „kacken“, wie sie den Stuhlgang nennt.

Ihr Buch „Darm mit Charme“ wurde zum Bestseller. Darin schwärmt die angehende Medizinerin vom Darm als Ausnahme-Organ: „Er bildet zwei Drittel des Immunsystems aus, holt Energie aus Brötchen oder Tofu-Wurst und produziert mehr als zwanzig eigene Hormone“. Ihr Fazit über die Komplexität des „unterschätzten“ Organs: „Das bedeutet nicht, dass unser Darm unsere moralischen Gedanken steuert – es räumt ihm aber die Möglichkeit ein, diese zu beeinflussen.“ Und weil bei diesem Thema ihrer Meinung nach auch das letzte Tabu fallen muss, gibt es sogar ein Kapitel über die richtige Haltung beim Stuhlgang. Giulia Enders‘ Fazit: Wir sitzen nicht richtig auf dem WC. Denn unser Darmverschluss-Apparat sei „nicht so entworfen, dass er im Sitzen die Luke vollständig öffnet“. Geeigneter sei die Hockstellung, denn in dieser werde der Darmkanal gerade. Doch laut Enders müssen herkömmliche Toiletten jetzt nicht allesamt entsorgt werden. Sie rät aber dazu, manchmal – während man auf dem „Thron“ sitzt – die Füße auf einen kleinen Hocker zu stellen, um einen ähnlichen Effekt zu erzeugen. 

Manchmal wollen die größeren Geschäfte ja auch überhaupt nicht gehen. Für viele Betroffene ist das der Moment, in dem sie zu chemischen Abführmitteln greifen. Diese wirken zwar schnell, greifen aber langfristig die Darmflora an. Außerdem kann regelmäßige Anwendung zur Abhängigkeit führen. Besser bewährt haben sich bei Verstopfungen ohnehin alte Hausmittel: der Verzehr von eingeweichten Trockenfrüchten, Leinsamen, Sauerkraut und Hülsenfrüchten.     

Nicht alles ist bekömmlich 

Nur zwei Prozent der Bevölkerung leiden unter einer echten Nahrungsmittelallergie, sehr viel öfter aber treten Unverträglichkeiten auf. Die häufigsten Formen sind  Laktoseunverträglichkeit, Fruktosemalabsorption, Glutenunverträglichkeit und Histaminunverträglichkeit. Menschen, die unter Laktoseintoleranz leiden, vertragen keinen Milchzucker (Laktose), da ihre Schleimhaut im Dünndarm das Enzym Laktase zu wenig oder gar nicht produziert. Dieses ist dafür zuständig, den Milchzucker in seine Einzelteile aufzuspalten. Passiert dies nicht, dann kommt der Milchzucker unverdaut in den Dickdarm, wo es zur Gärung kommt. Typische Symptome für Laktoseintoleranz sind Durchfall, Blähungen oder krampfartige Bauchschmerzen. 

Diese Beschwerden können auch bei der Fruktosemalabsorption auftreten. In diesem Fall wird Obst, das ja eigentlich gesund ist, zum „Übeltäter”. Denn der Fruchtzucker, der darin enthalten ist, wandert unverdaut in den Dickdarm, weil der sogenannte Glukosetransporter (GLUT5) nicht funktioniert. Eigentlich sollte dieser die Fruktose durch die Zellen des Dünndarms in den menschlichen Organismus schleusen. Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) lässt sich nur mit einer glutenfreien Diät behandeln. Glutenhaltige Nahrungsmittel (Weizen, Roggen, Gerste) sollten vom Speiseplan gestrichen werden, weil sie sonst im Dünndarm zu einer Entzündung führen, die die Schleimhaut angreift. 

Von der Histaminunverträglichkeit sind Frauen stärker betroffen als Männer. Wer darunter leidet, verträgt das Histamin, das mit der Nahrung aufgenommen wird, nicht, da jene Enzyme, die Histamin abbauen, fehlen. Histaminhaltige Lebensmittel sind Wein, Käse, Fisch, Bier, Essig. Bemerkbar macht sich eine Histaminunverträglichkeit durch Migräne, Schwindel, Blähungen, Übelkeit oder Bauchschmerzen.  

Reizmagen 

Bei 30 bis 50 Prozent der Patienten, die wegen Magenbeschwerden zum Arzt gehen, wird ein sogenannter Reizmagen festgestellt. Es zeigen sich keine krankhaften Veränderungen, aber die Betroffenen werden von Durchfällen oder Schmerzen geplagt. Man geht davon aus, dass falsche Ernährung, Unverträglichkeiten von Lebensmitteln und psychische Belastungen die Ursachen sind. Dauern Beschwerden im Magen-Darm-Bereich länger oder treten sie immer wieder auf, sollte man einen Arzt aufsuchen, um abzuklären, ob eine ernsthafte Erkrankung vorliegt.

Schwerstarbeit in unserer Mitte 

„Gut gekaut ist halb verdaut“, sagt der Volksmund, und er hat damit nicht unrecht. Wer gut kaut, erspart dem Magen einiges an Arbeit, weil die Nahrung bereits als feiner Brei dort ankommt. Das Zerkleinern im Mund hat noch einen weiteren Vorteil: Man spürt früher ein Sättigungsgefühl und braucht nicht so viel Nahrung zu sich zu nehmen. Tatsächlich findet im Mund bereits der erste Verdauungsvorgang statt. Im Speichel ist das Enzym Alpha Amylase enthalten, dieses beginnt sofort in der Mundhöhle, die in der Nahrung enthaltenen komplexen Kohlehydrate in kleinere Zucker-Einheiten aufzuspalten. Das kann man sogar schmecken, wenn man ein Stück Brot isst: Je länger man kaut, desto süßlicher schmeckt es.

Nach dem Kauen wird der Brei über die Speiseröhre in den Magen transportiert. Dort bleibt er zwei bis neun Stunden, der Magensaft, bestehend aus Schleim, Salzsäure und eiweißspaltenden Enzymen, tötet Keime ab. Danach wird der Mageninhalt durch den Pförtner in den Zwölffingerdarm weitergeleitet. Jetzt kommen Bauchspeicheldrüse und Galle ins Spiel, die mit ihren Verdauungssäften Enzyme liefern, die wiederum Fett, Eiweiß und Kohlehydrate in kleine Einheiten spalten, damit diese durch die Darmwand ins Körperinnere gelangen können. Auch Mineralstoffe und Vitamine werden von hier aus verteilt. Die unverdaulichen Reste der Nahrung „wandern“ in den Dickdarm weiter und werden dann ausgeschieden.

Im Darm befinden sich rund 100 Billionen Bakterien, die insgesamt ein bis zwei Kilogramm wiegen und aus mehr als 1.000 Arten bestehen. Sie helfen, die Nahrung zu verdauen, Nährstoffe zu gewinnen und Krankheiten abzuwehren. Die Entwicklung der Darmflora ist bis zum dritten Lebensjahr weitgehend abgeschlossen. Danach bleibt sie stabil, selbst wenn wir im Laufe des Lebens unzählige neue Keime in uns aufnehmen.

Tipps für den Darm  

  • Viel Wasser trinken. Auch Kräutertees, verdünnte Obst- und Gemüsesäfte sind gut für
    den Darm. Weniger gern hat er gezuckerte Limonade. Alkohol gehört nicht zur täglichen Menge an Flüssigkeit. Er entzieht dem Körper Wasser. Wenn der Körper nicht genug Wasser bekommt, wird der Stuhl hart, und man tut sich auf der Toilette beim Ausscheiden schwer.
  • Anstatt mit Zucker zu süßen, sollte man lieber zu Honig greifen.
  • Besonders wichtig sind für den Darm Obst und Gemüse. Dieses sollte man in mehreren
    Portionen über den Tag verteilt essen, entweder roh oder schonend gegart.
  • Der Darm braucht Ballaststoffe und Vollkornprodukte, Weißmehl in Fertiggerichten hingegen sollte man meiden. Überhaupt sind Fertiggerichte belastend, da sie viel Fett enthalten. Nicht nur Brot, auch Nudeln und Reis sollen aus Vollkorn sein.
  • Empfohlen wird, manche Lebensmittel nur in Maßen zu genießen. Nebst Zucker sinddas Fett, Fleisch, Wurstwaren. Weißes Fleisch (Geflügel) ist günstiger als rotes (Rind, Schwein). Bei Milchprodukten sollte man fettarme bevorzugen.
  • Nicht zu vergessen:
    Auch Bewegung dient der Darmgesundheit.



Birgit Baumann

Juli 2016

    

Foto: shutterstock; privat


Kommentar

ommentarbild OA Dr. Markus Sedlak, Leiter des interdisziplinären Endoskopie Zentrums, Kepler Universitätsklinikum LInz„Der Darm ist ein Organ, das gepflegt werden will. Wenn es dem Darm gut geht, dann wirkt sich das auf das allgemeine Wohlbefinden des Menschen aus . Mit der richtigenErnährung kann man dies auch selbst beeinflussen.“

OA Dr. Markus Sedlak

Leiter des interdisziplinären EndoskopieZentrums, Kepler Universitätsklinikum Linz

      



Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020