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Der dicke Bauch von einem Mann wird mit einem Maßband abgemessen

Körperfett erhöht das Krebsrisiko

Wer zu viel Fett im Körper hat, trägt ein höheres Risiko für zahlreiche Erkrankungen – so auch für Krebs. Körperfett ist ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor für eine Tumorerkrankung. 

Ein Drittel der Menschheit ist zu dick. Übergewicht und Fettleibigkeit verbreiten sich wie eine Epidemie rund um den Globus. 2,1 Milliarden Menschen sind betroffen. Mit dem Übergewicht nimmt nicht nur das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen und Diabetes zu, auch das Risiko einer Tumorerkrankung steigt.

Manche Studien gehen davon aus, dass Übergewicht bzw. ein zu hoher Fettanteil für drei bis sechs Prozent der Krebserkrankungen ursächlich sind. „Wahrscheinlich ist der Anteil sogar noch höher. Das Problem wird momentan noch unterschätzt“, sagt OA Dr. Holger Rumpold, Facharzt für Innere Medizin und Onkologie im KH der Barmherzigen Schwestern Linz.

Forscher der Internationalen Agentur für Krebsforschung haben ermittelt, dass Übergewicht und Fettleibigkeit an der Entstehung von 17 der 22 häufigsten Krebserkrankungen beteiligt sind. In Großbritannien sind sie gemäß der 2015 in Lancet Oncology veröffentlichten englischen Studie für 43 Prozent der Tumore der Gebärmutter und für mindestens 10 Prozent der Tumore in Gallenblase, Niere, Leber und Dickdarm verantwortlich.

Zuviel Körperfett ist für Frauen noch riskanter als für Männer. Schon länger bekannt ist, dass fettleibige Frauen wesentlich häufiger an den körperfettsensiblen Tumorarten wie Gebärmutter- und Brustkrebs erkranken als Normalgewichtige. Fettleibige Männer haben erwiesenermaßen ein höheres Risiko an Prostatakrebs zu erkranken. 

Wissenschaftlich gesichert 

Es wird vermutet, dass jede Krebsart von Übergewicht bzw. Fettzellen beeinflusst werden kann. „Wissenschaftlich gesichert ist ein erhöhtes Krebsrisiko jedenfalls bezüglich Darmkrebs, Nierenkrebs, Speiseröhrenkrebs und Krebs in der Gebärmutter. Bei diesen Krebsarten steigt bei Menschen mit einem BMI ab 30 deutlich an“, sagt Rumpold.

Übergewicht wird mit dem Body-Mass-Index (BMI) gemessen, der sich aus Körpergröße und Körpergewicht ableitet. Wer einen BMI zwischen 25 und 29,9 hat, ist übergewichtig, bei Werten von 30 oder höher spricht man von Fettleibigkeit oder Adipositas. Über 670 Millionen sind demnach fettleibig. Je gravierender das Übergewicht ist, desto höher ist das Krebsrisiko. Zwischen einem erhöhten BMI und dem Auftreten einer Krebserkrankung wird ein zeitlicher Abstand von etwa zehn Jahren angenommen. 

Fettanteil aussagekräftiger als BMI 

Obwohl der BMI häufig als Richtwert für ein erhöhtes Krebsrisiko herangezogen wird, ist er nur bedingt aussagekräftig, denn er bezieht sich nur auf das Körpergewicht und nicht auf den Fettanteil. So kann zum Beispiel ein Mensch mit viel Muskelmasse sehr schwer sein und damit einen hohen BMI haben, obwohl er einen sehr niedrigen Fettanteil aufweist. Umgekehrt kann ein unsportlicher, hagerer, großer Mensch einen normalen oder niedrigen BMI aufweisen, obwohl er einen hohen Fettanteil zum Beispiel in Form eines „Schwimmreifen“ (Bauchfett) besitzt. „In beiden genannten Fällen ist der BMI hinsichtlich eines Tumorrisikos nicht aussagekräftig, denn der Fettanteil beeinflusst das Krebsrisiko und nicht das Gewicht an sich“, sagt der Onkologe. 

Fett messen 

Der ideale Körperfettanteil ist geschlechts- und altersabhängig. Frauen haben durchschnittlich einen höheren Fettanteil als Männer. Der Fettanteil steigt im Alter, da sich der Stoffwechsel verlangsamt. So erachtet man bei einem 50-jährigen Mann einen Körperfettanteil von über 20 Prozent als erhöht, bei einer gleichaltrigen Frau einen von über 30 Prozent.

Der Fettanteil im Körper lässt sich messen. „Methoden dafür reichen von mechanischen Methoden über Fettwaagen bis hin zur professionellen Messungen, wobei letztere für verlässliche Informationen angewendet werden sollten“, so. Rumpold. 

Gradmesser Bauchumfang 

Ein guter Gradmesser für den Fettanteil ist der Bauchumfang, da der Bauch vorwiegend aus Fettgewebe besteht. Vor allem das Bauchfett (viszerales Fett) gilt als Krebs-Risiko. Frauen sollten nicht mehr als 88 cm Bauchumfang und Männern nicht mehr als 102 Zentimeter besitzen. Gemessen wird im Stehen und mit freiem Oberkörper. Das Maßband in der Mitte zwischen dem unteren Rippenbogen und dem Beckenkamm anlegen, dann das Maßband um den Bauch herumführen. Den Bauchumfang in leicht ausgeatmetem Zustand ablesen.

In vielen Fällen bedarf es dieser Fettmessung jedoch nicht, da es bei vielen stark Übergewichtigen offensichtlich ist, dass sie kiloweise Fett am Körper angesammelt haben. 

Mechanismen unklar 

Übergewicht beeinflusst physiologische Prozesse im Organismus so maßgeblich, sodass in der Folge sogar Zellen entarten. Warum das geschieht und wie genau die Abläufe und Mechanismen sind, ist weiterhin nicht vollständig geklärt.

 

Für das erhöhte Krebsrisiko von Fettleibigen dürften mehre Prozesse eine Rolle spielen: 

  • Entzündungsprozesse: Man weiß, dass Fettgewebe bei Entzündungsprozessen eine aktive Rolle spielt. Die Ausschüttung entzündungsfördernder Proteine aus den Fettzellen dürfte die Bildung und das Wachstum von Tumoren fördern.
  • Insulin: Es gibt Hinweise, dass das Zuckerhormon Insulin oder Insulin-ähnliche Hormone eine Rolle spielen. Menschen mit Diabetes oder dessen Vorstufen haben deutlich erhöhte Insulinspiegel. Insulin ist ein Wachstumsfaktor – auch für Tumore. Da Übergewichtige häufig Diabetes oder dessen Vorstufen entwickeln, dürfte für sie die Krebsgefahr steigen.
  • Aktives Fettgewebe: Das Fettgewebe (vor allem das Bauchfett) ist kein passiver Energiespeicher, sondern produziert aktiv Botenstoffe, die daran beteiligt sind, dass Krebs entstehen kann.
  • Östrogen: Fettleibige Frauen haben meist hohe Östrogenspiegel, die bei Gebärmutter- und Brustkrebs eine wichtige Rolle spielen.

Ernährung 

„Einzelne Nahrungsmittel spielen im Rahmen eines möglichen Krebsrisikos eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist es, auf seine Ernährung im Ganzen zu achten, um Übergewicht zu vermeiden“, rät Rumpold. Dabei ist eine ausgewogene Ernährung radikalen Diäten vorzuziehen, um das Risiko von beispielsweise Mangelernährung zu vermeiden.

Neben den bekannten krebsfördernden Gewohnheiten wie Rauchen, haben sich auch die Hinweise auf ein erhöhtes Krebsrisiko durch rotes Fleisch und Wurstwaren verdichtet. Die Weltgesundheitsorganisation hat sie daraufhin auf die Liste der krebserregenden Substanzen gesetzt, wobei das vor allem für verarbeitetes Fleisch (zum Beispiel Selch-, Grillfleisch oder Wurst) gilt. Von ihnen geht also laut WHO ein erhöhtes Krebsrisiko aus. Rotes Fleisch wird vor allem für ein erhöhtes Darmkrebsrisiko verantwortlich gemacht. 

Einfluss des Lebensstils 

Der Lebensstil als Ganzes, also die Summe aller Faktoren, bestimmt das Krebsrisiko. Gemeint sind das Gewicht, der Fettanteil, die Ernährung, aber natürlich auch alle anderen Risikofaktoren wie Rauchen, genetische Vorbelastung, Toxine, wenig Bewegung und vieles mehr. „Die gute Nachricht ist, dass man es selbst in der Hand hat, sein Krebsrisiko zu senken. Eben indem man normalgewichtig ist, sich gesund ernährt, Bewegung und Sport betreibt und nicht raucht“, sagt Rumpold.

 

Dr. Thomas Hartl

April 2016


Foto: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020