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Oma und Mutter küssen Mädchen

Körperkontakt: Jeder Mensch braucht Berührung

Ohne Berührungen kann ein Mensch nicht leben. Um emotionell und körperlich gesund zu sein, ist ein Mindestmaß an Hautkontakt nötig. Bekommt ein Mensch in einer Beziehung zu wenig Berührung, sucht er sich andere Quellen. 

Der Mensch ist ein Beziehungswesen, das bedeutet, er kann für sich allein nicht existieren. Er nimmt mit seinen fünf Sinnen Kontakt zur Welt auf und entwickelt sich durch gegenseitige Begegnung und Beziehung mit anderen Menschen. Ein Mangel an Beziehung und Berührung bringt einen Mangel an emotionaler und auch körperlicher Gesundheit mit sich. 

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Berührung stärkt Wohlbefinden 

Bei einer angenehmen Berührung kommt es zur Ausschüttung von Botenstoffen, die das Wohlbefinden stärken, wie zum Beispiel die „Glückshormone“ Dopamin und Serotonin. Zudem wird das Hormon Oxytocin freigesetzt, das ein Bindungsgefühl zwischen den sich berührenden Menschen bewirkt. 

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Fehlende Berührung kann krankmachen 

Der Mensch ist auf eine gewisse Stimulierung von außen angewiesen, ansonsten verkümmert er. Das zeigt sich deutlich bei Säuglingen, die keinen Körperkontakt bekommen. Bei ihnen verzögert sich die gesamte Entwicklung (Deprivation). „Ohne liebevollen Kontakt drohen psychische Störungen wie Ängste, Kontaktunfähigkeit, Bindungslosigkeit, geistige und körperliche Verkümmerung“, sagt Franz Brunner, Psychotherapeut am Institut für Psychotherapie des Kepler Universitätsklinikums.

Aber nicht nur Säuglinge und Kinder brauchen körperliche Zuwendung, der Mensch ist in jedem Alter darauf angewiesen. Mögliche Auswirkungen fehlender positiver Berührungen sind:

  • Mangelnde Entwicklung und langsames Wachstum
  • Süchte (z.B. Magersucht, Alkoholsucht, Drogen, Spielsucht)
  • Negative Auswirkung auf Selbstwert und Selbstvertrauen
  • Affektive Störungen wie Depressionen
  • Ein lang andauernder Mangel an Berührungen kann zu Stress (Ausschüttung durch Cortisol) und auf Dauer zu hohem Blutdruck führen und schwächt das Immunsystem.

 

Ob mangelnde Berührung einen Menschen krankmacht, hängt auch davon ab, inwieweit der Mensch in seinen anderen Fähigkeiten (hören, schmecken, riechen, sehen) eingeschränkt oder gestört ist. Ein Mangel an Berührung kann aber nur bis zu einem gewissen Maß durch andere Sinneseindrücke kompensiert werden. 

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Paare und Singles 

Menschen in guten Paarbeziehungen haben in der Regel ausreichend Körperkontakt und sie sind daher oft auch zufriedener und gesünder als alleinstehende Personen. Dass Menschen in Paarbeziehungen generell glücklicher und gesünder leben als Singles, lässt sich aber nicht sagen, es kommt immer auf die Qualität der Beziehungen an. Zudem haben viele Singles durchaus häufig ausreichend positiven Körperkontakt, oft viel mehr als Menschen in Beziehungen. Anders sieht es bei alleinstehenden, betagten Menschen aus. Sie leiden oft unter Kontakt- und Berührungsarmut und werden dadurch depressiv.

 

Möglichkeiten und Begegnungsräume für körperliche Berührung 

  • Soziales Netzwerk: Partner, Familie, Freunde
  • Sport, vor allem aktiv, aber auch passiv (wenn sich z.B. Fans beim Torjubel um den Hals fallen.)
  • Tiere: Katzen und Hunde brauchen Zuwendung, wollen gestreichelt werden, schmiegen sich auch aktiv an
  • Tanzen
  • verschiedene Aktivitäten im Vereinsleben
  • Gesundheitssystem: Arzt, Krankenschwester, Pflegepersonal
  • Wellness, Massagen etc.

 

Weil viele Menschen in ihrer sozialen Umwelt nicht ausreichend Berührung finden, werden externe Quellen immer wichtiger. „Das ist auch deshalb so, weil die Gesellschaft immer mehr vereinzelt und damit die Möglichkeiten von Berührungen im Umfeld weniger werden“, sagt Brunner. 

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Leben in der virtuellen Welt 

Die zunehmende Virtualisierung ist insofern eine Gefahr für ein achtsames Miteinander, als der Einzelne dadurch oft mehr mit seinem Touchscreen als mit seinen Mitmenschen in Kontakt tritt. „Mit einer extensiven Nutzung der neuen Medien geht ein Rückgang der unmittelbaren Begegnungsfähigkeit einher. Das Tippen und Lesen von Nachrichten ersetzt nicht den direkten Blickkontakt, das persönliche Gespräch und die körperliche Berührung“ sagt der Psychotherapeut. 

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Senioren fehlt oft körperliche Berührung 

Bei Senioren ist Prävention besonders wichtig: Es gilt soziale Netzwerke aufzubauen bzw. aufrecht zu halten. Wichtig ist, weiterhin viel Kontakt mit der eigenen Familie zu haben und generationenübergreifend den Kontakt zu den Enkeln zu pflegen. „Eine gute Beziehung von Oma/Opa zu den kleinen Enkelkindern bringt oft viel Körperkontakt mit sich, Kontakt, der für beiden Seiten sehr wichtig und fördernd ist“, sagt Brunner.

Wer in einem Senioren- oder Pflegeheim lebt, für den ist eine berührungsintensive Pflege wichtig (natürlich nur, wenn diese von den Betroffenen gewollt ist und achtsam durchgeführt wird). Dies gilt vermehrt, wenn die geistigen Kräfte schwinden und die Sprache verloren geht. Hier bleibt oft nur mehr die leibliche Berührung als Kontaktmöglichkeit mit der sozialen Außenwelt.

Senioren ohne Partner suchen den nötigen körperlichen Kontakt oft beim Arzt. Der Arztbesuch mitsamt der körperlichen Untersuchung ist für viele die einzige Möglichkeit, überhaupt noch berührt zu werden. Viele Arztbesuche sind auch unter diesem Aspekt zu sehen. Die Untersuchung, die Zuwendung dient bei gesunden Senioren dann als emotionale und auch körperliche Prävention, um gesund zu bleiben. 

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Aktives berühren 

Nicht nur das passive Berührt-werden ist angenehm und gesundheitsfördernd, auch das aktive Berühren. Brunner: „Es ist immer ein Wechselspiel zwischen berühren und berührt werden, im Grunde kann man das nicht trennen. Für eine gute gegenseitige Berührung ist es wichtig, sein Gegenüber achtsam wahrzunehmen, sie oder ihn nicht als Objekt, sondern als Subjekt anzuerkennen und die Wünsche und Bedürfnisse seines Gegenübers respektvoll zu achten.“ 

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Selbstberührung 

Selbstberührung ist gut und wichtig! Die Möglichkeiten sind vielfältig und reichen von sich die Hände reiben, sich sie Schultern kneten, sich eincremen, die Haare zu waschen, duschen bis hin zur Selbstbefriedigung. 

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Positive und negative Berührung 

Die Qualität der Berührung ist entscheidend über ihre Wirkung. Positive Berührung führt über das vegetative Nervensystem zu Beruhigung und Entspannung und hat sogar schmerzlindernde Wirkung. Die Immunabwehr und das Herz-Kreislauf-System werden gestärkt und bei Kindern wird das Wachstum angeregt.  Auf psychischer Ebene bringt ausreichend positive Berührung ein Gefühl der Sicherheit, des Vertrauens, der Verbundenheit, der Identitätsstärkung und der Kooperationsbereitschaft mit sich.

Umgekehrt kann jede Berührung, wenn sie nicht gewollt ist oder sogar erzwungen wurde, unangenehme bis traumatische Folgen haben. Ein Schulterklopfen kann anerkennend und damit positiv sein, es kann aber auch eine Geste der Beschwichtigung und Gängelung sein. 

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Wellness boomt 

Die Wellnessindustrie boomt nicht zuletzt deswegen, weil sie körperliche Berührung bietet. Massagen und andere Anwendungen sind grundsätzlich positiv und bieten eine geeignete Hilfsfunktion, wenn man in Beziehungen zu wenig Berührung bekommt. „Die Angebote der Wellnessindustrie können hier zu einem gewissen Ausmaß Abhilfe schaffen, freilich können sie echte Beziehungen niemals ersetzen“, so Brunner.

 

Dr. Thomas Hartl

Mai 2016


Foto: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020