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Drei Chirurgen operieren im Operationssaal

Chronische Schmerzen nach Operationen verhindern

Schmerzen nach Operationen sind ein häufiges Phänomen. Damit sich daraus keine chronischen Schmerzen entwickeln, ist eine akute Schmerzversorgung nach der OP unbedingt nötig. Eine Studie zeigt auf, dass die tatsächliche Situation alarmierend ist: Selbst wenn die Wunden längst verheilt sind, leiden viele Patienten noch langfristig unter Schmerzen. 

Schmerzen nach einer Operation sollte man keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen, denn akute Schmerzen können dauerhaft werden. Eine aktuelle Studie von Univ.-Prof. Dr. Burkhard Gustorff, Vorstand der Abteilung für Anästhesie, Intensiv- und Schmerzmedizin des Wilhelminenspitals in Wien zeigt, dass nach Operationen ein Viertel der operierten Patienten chronische Schmerzen entwickeln. „Das ist eine sehr hohe Zahl, die wir anfangs selbst nicht glauben konnten, doch die Ergebnisse erwiesen sich als eindeutig“, sagt Gustorff. 

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Studie liefert Zahlen 

Ergebnisse der Studie in Zahlen: Im Aufwachraum litten 84 Prozent der Patienten unter leichten Schmerzen, am ersten Tag nach der Operation sanken diese Werte auf knapp 60 Prozent. 25 Prozent der Befragten gaben an, drei Monate nach der Operation immer noch an Schmerzen zu leiden, die Hälfte davon litt an moderaten bis starken Schmerzen. Als Lokalisation der Schmerzen wurde das Operationsgebiet angegeben. Ein Jahr nach der Operation wurden die Patienten neuerlich befragt und zu diesem Zeitpunkt gaben fünf bis acht Prozent an, immer noch an zumindest mittelstarken Schmerzen zu leiden. „Das bedeutet, dass jährlich zigtausende operierte Menschen an lange andauernden Schmerzen leiden. Eine so hohe Dimension hat niemand erwartet, es wurde deshalb bisher auch nicht genügend Augenmerk auf diese Tatsache gelegt“, räumt der Schmerzmediziner ein. 

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Bestimmte Operationen sehr schmerzanfällig 

Schmerzen können nach allen Arten von Operationen auftreten, allerdings gibt es bestimmte Eingriffe, nach denen sich chronische Schmerzen besonders häufig bilden. Das sind Operationen

  • an der Wirbelsäule
  • an der Hüfte (vor allem nach Schenkelhalsbrüchen)
  • Ersatz eines Knie- oder Hüftgelenks
  • Brustkorböffnungen (etwa bei Herz,- oder Lungenoperationen)
  • Amputation der Brust
  • Kaiserschnitt: Unterschätzt wird auch die Häufigkeit von Schmerzen nach einem Kaiserschnitt. Oft schmerzt es noch monatelang, wenn man zum Beispiel hustet.

Manche Operationen dagegen führen fast nie zu chronische Schmerzen (z.B. Operationen an der Schilddrüse). 

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Operation in Ordnung und dennoch Schmerzen 

Wird bei einer Operation ein Nerv beschädigt und heilt dann nicht, können bleibende Schmerzen im Bereich der Wunde entstehen. Laut Gustorff könne man dieses Szenario zwar nie ausschließen, Nervenschädigungen seien jedoch unwahrscheinlich. „Wenn man nach einer Operation Schmerzen hat, dann bedeutet das nicht automatisch, dass bei der OP oder bei der Wundversorgung Fehler gemacht wurden. Das ist ganz wichtig zu wissen, das Problem ist jedoch, dass Patienten mit postoperativen Schmerzen oft vom Gegenteil überzeugt sind. Viele gehen von einem Fehler des Chirurgen aus, selbst wenn die Narbe einwandfrei ist“, sagt der Schmerzmediziner. 

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Ursache zentrales Nervensystem 

Gustorff hält Umformungen im zentralen Nervensystem für viele Fälle chronischer postoperativer Schmerzen für verantwortlich: „Es hat sich gezeigt, dass, wenn jemand schon vor der Operation Schmerzen in der zu operierenden Gegend hatte, dies für das Entstehen chronischer Schmerzen nach der OP ein hoher Risikofaktor ist. Die alten Schmerzen wirken wie ein Trigger, also wie eine Verstärkung. Bei diesen Patienten sind zum Zeitpunkt der OP bereits Schmerzbahnungen vorhanden und durch die Operation werden die Schmerzimpulse verstärkt und die Schmerzbahnen quasi verbreitert und ausgebaut.“

Auch folgender Aspekt ist für die Schmerzentstehung nicht außer Acht zu lassen: Eine Operation an sich bringt viele Schmerzimpulse mit sich und das kann bewirken, dass sich das Zentralnervensystem umstellt, indem eine Überempfindlichkeit entsteht, welche das Entstehen chronischer Schmerzen begünstigt. „Durch die OP können auch neue Nervenbahnen gelegt werden, auf denen die Schmerzimpulse dann geleitet werden. Der Patient spürt den Eingriff selbst zwar nicht als schmerzhaft, denn in der Regel liegt er in Narkose oder hat eine örtliche Betäubung, dennoch ändert sich durch die von der Operation ausgelösten Schmerzreize das Zentralnervensystem“, ist Gustorff überzeugt. 

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Psychische Faktoren der Schmerzempfindung 

Auch psychische Faktoren tragen dazu bei, ob und in welchem Ausmaß Schmerzen entstehen und chronifizieren. So erhöht die Angst vor einer Operation das Risiko, dass sich tatsächlich Schmerzen bilden. „Ängstliche Menschen entwickeln häufiger chronische Narbenschmerzen als Nichtängstliche. Das lässt sich zum Teil vermeiden, indem man ängstliche Menschen vor der OP gut informiert und ihnen schon im Vorfeld sagt, dass sie anschließend eine gute Schmerztherapie bekommen“, sagt Gustorff.

Auch Menschen mit einer erhöhten Aufmerksamkeit für Schmerzreize sind stark gefährdet. Kommen nach der OP (die vom Patienten erwarteten) starken postoperative Akutschmerzen hinzu, beeinflussen diese ihrerseits die psychische Schmerzwahrnehmung. Ein Teufelskreis aus Schmerz und Schmerzerwartung/Schmerzangst kommt in Gang. 

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Schmertherapie nach Operationen 

Um einer Chronifizierung postoperativer Schmerzen vorzubeugen, empfiehlt der Schmerzmediziner folgende Maßnahmen:

  • Bereits vor der Operation sollte man die schon bestehenden Schmerzen ausreichend behandeln und die Patienten aufklären, dass die Wunde längere Zeit schmerzen kann und man daher diese Schmerzen ebenfalls therapieren sollte.
  • Eine kompetent durchgeführte, intensive Schmerztherapie nach der Operation ist die wichtigste Maßnahme zur Prävention. Nach einer Operation sollte frühzeitig eine Schmerztherapie eingeleitet werden, möglichst eine multimodale Schmerztherapie. Sie setzt sich aus Medikamenten, Bewegungstherapie und dem Erlernen von Entspannungsverfahren zusammen.
  • Gilt eine bestimmte Operation als besonders schmerzintensiv, besteht die Möglichkeit, schon während der Operation eine intraoperative Nervenblockade zu machen.

Vor allem Patienten mit starken Schmerzen vor und/oder nach einer Operation brauchen eine gute Akutschmerzbehandlung. Lassen die Schmerzen nach wenigen Tagen nicht deutlich nach, sollte dies ein Warnsignal sein und sofort eine intensive Schmerztherapie eingeleitet werden.

Ob und in welchem Umfang eine postoperative Schmerztherapie in Österreichs Spitälern angeboten wird, ist sehr unterschiedlich. „Die meisten Kollegen sind der Meinung, dass dies nicht ausreichend erfolgt. Oft nehmen die Patienten das Angebot einer postoperativen Schmerztherapie auch nicht in Anspruch, weil sie glauben, dass die Narben an ihren Schmerzen schuld sind. Sie fordern dann eine Behandlung der Narbe, statt sich einer Schmerztherapie zu unterziehen, die in der Behandlung der Nervenschmerzen besteht. Nervenschmerzen kann man recht gut therapieren, vor allem mit Capsaicin-Pflaster und Antikonvulsiva-Medikamenten“, sagt Gustorff.

 

Dr. Thomas Hartl

Juli 2016


Foto: shutterstock



Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020