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Junge Frau hält die Fingern vor Schmerz an die Stirn

Migräne bringt Hirn und Herz in Gefahr

Bekannt ist, dass Migräne mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko verbunden ist. Eine große Studie im BMJ (British Medical Journal) wies nun nach, dass bei Patientinnen mit dieser Schmerzerkrankung das kardiovaskuläre Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung insgesamt um 50 Prozent erhöht ist und nicht nur Hirn-, sondern auch Herzinfarkte vermehrt auftreten, berichtet die deutsche Ausgabe der Medizinplattform medscape.com.

„Frauen mit Migräne sollten auf ihr vaskuläres Risiko gescreent werden“, schreiben deshalb die Autoren um Prof. Dr. Tobias Kurth, Institut für Public Health der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Harvard Medical School, Boston, in ihrer Publikation.

Eine Forderung, der Prof. Dr. Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel, zustimmt. Gegenüber Medscape sagt er, dass die Studie frühere epidemiologische Untersuchungen bestätige. „Migräne ist nicht nur eine Schmerzerkrankung, sondern stellt einen bedeutsamen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Krankheiten dar“, so der Experte. „Die aktuelle Studie unterstreicht die Bedeutung einer kontinuierlichen Überwachung der Betroffenen.“ 

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Studie mit über 115.000 Migränepatientinnen 

Die Analyse von Kurth und seinen Mitarbeitern basiert auf den Daten von 115.541 Krankenschwestern aus der 1989 gestarteten Nurses’ Health Study II. Das Durchschnittsalter der Frauen lag bei Studienbeginn zwischen 25 und 42 Jahren. Keine litt zu dem Zeitpunkt unter Angina pectoris oder einer anderen symptomatischen kardiovaskulären Erkrankung. Der Beobachtungszeitraum für die vorliegende Auswertung endete im Jahr 2011.

Angaben zu ärztlich diagnostizierten Migränen wurden von den Teilnehmerinnen in den Jahren 1989, 1993 und 1995 per Fragebogen eingeholt. Im 2-jährigen Abstand wurden sie zudem zu neu aufgetretenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen befragt. 

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Herz-Kreislauf-Erkrankungen von Migräne-Patientinnen 

Insgesamt 17.531 der Frauen berichteten zu Beginn der Studie von Migräne. Rund 20 Jahre später zeigte sich bei der Analyse von Kurth und seinen Kollegen, dass die Kopfschmerzattacken nicht nur als ein isoliertes Schmerzproblem auftraten.

So wiesen die von Migräne geplagten Frauen im Vergleich zu Frauen ohne Migräne ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf.

In der Analyse unter Einbeziehung von Einflussfaktoren wie Alter, Raucherstatus, Einnahme von Empfängnisverhütungsmittel und Hormontherapie nach der letzten Menstruation erwiesen sich dabei sowohl die Zahl der Herzinfarkte und der koronaren Revaskularisationen als auch die Zahl der Schlaganfälle und die kardiovaskuläre Mortalität als signifikant erhöht. 

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Migräne – Risiko für das gesamte Gefäßsystem? 

„Nicht alle diese Ergebnisse sind neu“, schreiben Dr. Rebecca C. Burch, Harvard Medical School, Boston, und Prof. Dr. Melissa L. Rayhill, University at Buffalo, New York, in ihrem Editorial. So sei beispielsweise das erhöhte Schlaganfallrisiko bei Migränepatienten bereits bekannt. Dieser Effekt sei allerdings früheren Studien zufolge auf die etwa 30 Prozent der Migränepatientinnen mit Aura begrenzt. Ob dies auch hier zutreffe, ließe sich aufgrund fehlender Informationen nicht überprüfen, bedauern Burch und Rayhill.

Trotzdem: „Die neuen Daten unterstützen die These, dass Migräne ein Risikofaktor für vaskuläre Erkrankungen ist“, so die Autorinnen, „und zwar nicht nur für solche, die das Hirn betreffen.“ Deshalb sei es jetzt auch angebracht, die Migräne als einen frühzeitigen Indikator für spätere kardiovaskuläre Risiken anzusehen.

Auf welche Weise die Kopfschmerzen mit den Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammenhängen ist derweil noch weitgehend unbekannt. „Es weist einiges darauf hin, dass die Pathophysiologie der Migräne als Teil einer systemischen Störung zu betrachten ist, die das endovaskuläre System beeinträchtigt“, schreiben Kurth und seine Kollegen.

Dafür spreche auch, dass Migränepatienten häufig unter Morbus Raynaud, einer Gefäßkrankheit, die durch anfallsartige Gefäßkrämpfe gekennzeichnet ist, litten, ergänzt der Kieler Schmerz-Experte Göbel. 

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Einfluss der Migränemedikamente auf das Gefäßsystem 

Wenn aber das gesamte Gefäßsystem betroffen ist, müssten dann nicht Therapien, die die Häufigkeit und Schwere von Auren und Kopfschmerzen verringern, auch das spätere kardiovaskuläre Risiko verringern? Burch und Rayhill zeigen sich bei dieser Frage skeptisch und zitieren in dem Zusammenhang Ergebnisse der Women’s Health Study aus 2011 (ebenfalls u.a. von Prof. Dr.Tobias Kurth), nach denen sich das Herzinfarktrisiko bei Migränepatientinnen mit der Einnahme von Aspirin sogar erhöhte.

Und Göbel erklärt, dass die häufig zur Therapie schwerer Kopfschmerzattacken eingesetzten gefäßaktiven Substanzen (heute vor allem Triptane, die die Freisetzung des gefäßerweiternden Peptids CGRP – engl. „Calcitonin Gene-Related Peptide“ – hemmen) selbst mit Nebenwirkungen wie u.a. verlangsamter oder erhöhter Herztätigkeit, Herzrhythmusstörungen, Angina pectoris, vorübergehendem Blutdruckanstieg verbunden seien. Schon allein deshalb sei die kontinuierliche Überwachung der Patienten auf (weitere) kardiovaskuläre Risikofaktoren wichtig. 

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Verträgliche Langzeittherapien dringend gesucht 

Letztlich steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen also einmal durch die Migräne (bzw. durch die davon vermutete Störung des Gefäßsystems) als auch durch die dagegen eingesetzten Wirkstoffe an. Besonders besorgniserregend ist für Burch und Rayhill, dass sich die Risikofaktoren dabei scheinbar multiplizieren und nicht bloß addieren.

„Die Studie zeigt, wie wichtig es ist, neue verträgliche Therapien für Patienten mit der schweren Schmerzerkrankung zu finden“, sagt auch Göbel.

Doch mit der Anwendung neu entwickelter Antikörpertherapie (gegen das Peptid CGRP bzw. dessen Rezeptor), so der Kieler Experte, würde wieder nicht nur allein die schmerzhafte Erweiterung der Hirngefäße blockiert, sondern das gesamte Gefäßsystem der Patienten beeinflusst. Die Folgen dieser – zum Teil jahrzehntelang notwendigen – Therapie seien derzeit noch nicht genau absehbar. Risiken für das Gefäßsystem müssten dementsprechend auch bei dieser Behandlung dauerhaft und engmaschig kontrolliert werden.

 

Der gesamte Artikel wurde am 10. Juni 2016 auf Medscape Deutschland veröffentlicht und ist (nach kostenloser Registrierung) in voller Länge hier abrufbar.

 

Mag. Christian Boukal / medscapemedizin.de

Juli 2016


Foto: shutterstock



Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020