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Alte Frau liegt in der Wohnung am Boden

Schwindel, eine Volkskrankheit im Alter?

Im Alter werden die meisten Menschen unbeweglicher, unsicher im Gang und ihr Reaktionsvermögen lässt nach. Dazu kommen chronische Erkrankungen, die zu Schwindel führen können. Teppichkanten oder Türschwellen werden leicht zur Stolperfalle. Das Trainieren von Gleichgewicht und Beweglichkeit hilft Senioren Stürze zu vermeiden. 

Instabilität, Immobilität, Inkontinenz und intellektueller Abbau sind Begriffe, die man mit vielen alten Menschen verbindet. Senioren sind häufig multimorbid, was bedeutet, dass sie mindestens drei Erkrankungen gleichzeitig haben. „Schwindel ist beim älteren Menschen eines der häufigsten Probleme. Bis zu 38 Prozent der 70-jährigen geben an, darunter zu leiden. Jenseits der 80 sagt beinahe jeder Zweite, dass er immer wieder schwindlig beziehungsweise gangunsicher ist und deshalb den Arzt aufsucht. Stürze als Folge können fatal sein und sollten verhindert werden“, sagt der Linzer Internist und Geriater OA Dr. Thomas Schickmair vom Departement Akutgeriatrie der Elisabethinen in Linz. Man unterscheidet Dreh-, Schwank und Liftschwindel, aber auch Benommenheit gehört dazu. Definiert wird Schwindel als gestörte Körper-Raum-Beziehung, die mit Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Hörstörungen, Kopfschmerzen, Lähmung und Sprechstörungen kombiniert sein kann. Einfache Tests von Gang, Gleichgewicht und Augenbewegung sind in der Ursachenfindung meist richtungsweisend. „In drei von vier Fällen kann man durch eine sorgsame Anamnese die richtige Schwindel-Diagnose stellen“, sagt Schickmair.

Aussagekräftig sind:

  • Art des Schwindels (Dreh-, Schwank-, unspezifisch)
  • Zeitlicher Verlauf, Dynamik (Attacken, anhaltend)
  • Auslösbarkeit (Kopfbewegung, Gehen, Situationen)
  • funktionelle Einschränkung (Gehfähigkeit)
  • Begleitsymptome (Tinnitus, Angst, Hörminderung, Lähmungen, Gefühlsstörungen)  

Symptom mit vielen Ursachen  

Für Balance und sicheren Gang müssen Sensorik, zentrales Nervensystem und das Muskelsystem synchron arbeiten. Probleme in einem dieser Bereiche können das Gleichgewicht beeinträchtigen, wobei unser Gehirn in der Lage ist vieles mit der Zeit zu kompensieren. -Zig Ursachen können Vertigo (Schwindel) hervorrufen. Störungen im Innenohr, aber auch ein Schlaganfall, Blutdruckprobleme, seelische Störungen, Panikattacken, Herzschwäche und bestimmte Medikamente sind nur einige der Gründe. Bei extremem Schwindel, der plötzlich und erstmalig auftritt, soll rasch gehandelt werden – d.h. Rettung rufen und eine stationäre Abklärung veranlassen, da es lebensbedrohliche Ursachen wie Herzinfarkt und Schlaganfall auszuschließen gilt. Besteht der Schwindel schon längere Zeit – über Wochen, Monate hinweg – ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner. 

Hauptgruppen von Schwindel bei Senioren 

  • Vertigo (echter Drehschwindel): Diese Formen, die mit Erkrankungen im Innenohr zusammenhängen, kommen eher bei jüngeren Menschen vor.
  • Verlust des Gleichgewichts, Unsicherheit: Balanceschwierigkeiten können verschiedene Ursachen haben. „Man spricht von multiplen sensorischen Defiziten, die sich zu einer Balancestörung summieren, die vom Betroffenen oft als Schwindel beklagt wird“, sagt Schickmair.
  • Gründe können sein: Periphere Nervenschmerzen durch Diabetes, Vitamin B12 Mangel, Schilddrüsenunterfunktion, Arthrosen, Myalgie, Sarkopenie (Verlust an Muskelmasse im Alter), Abnützung der Halswirbelsäule. Sehstörungen und eine generelle Sturzangst kann die Unsicherheit noch verstärken. Behandelt wird gezielt je nach Priorität der Defizite.
  • Orthostatische Präsynkope: Diese plötzlich auftretende Kreislaufinstabilität kommt sehr häufig bei älteren Menschen vor. Das Orthostase-Syndrom ist eine bei Wechsel in die aufrechte Körperlage (Orthostase) auftretende Regulationsstörung des Blutdrucks. Dieser fällt beim Aufstehen aus dem Sitzen ab, weil die Gefäße nicht mehr so elastisch sind und das Blut in den Beinen versackt. „Behandelt wird, wenn der erste Wert, der systolische, um rund 20 mm HG und der zweite, der diastolische, um 10 mm HG sinkt. Medikamente, Stützstrümpfe und eine Bauchpresse kommen zur Behandlung in Frage“, sagt Schickmair. Ein individuell angepasstes Kreislauftraining ist hilfreich.
  • Benommenheit, „Dizziness“: Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Panikattacken können zu Benommenheit führen.  

Die meisten Stürze sind vermeidbar 

Beinahe jeder Dritte, der älter als 65 ist, stürzt mindestens ein Mal im Jahr. Man geht davon aus, dass rund 90 Prozent dieser Stürze zu verhindern wären. Muskelkräftigung, Gangschulung und Gleichgewichtsübungen, passende Sehhilfen, stabiles Schuhwerk mit rutschfesten Sohlen, Gehhilfen und Hüftprotektoren können dabei helfen. Auch die häusliche Umgebung soll sturzsicher gestaltet werden. Fünf Prozent der Stürze führen zu Frakturen, zehn Prozent ziehen Weichteil- und Kopfverletzungen nach sich. Bei einem Prozent wird eine Schenkelhalsfraktur diagnostiziert.

Stürze von Senioren häufen sich nachts. Wegen Blasenschwäche oder Prostataproblemen müssen viele ältere Menschen oft raus aus dem Bett. Schlechtes Sehen, ein instabiler Kreislauf, eingenommene Schlaftabletten etc. erhöhen die Sturzgefahr. Viele vergessen zudem das Aufdrehen von Licht. Bewegungsmelder können daher die Sicherheit erhöhen. Sehschwache Leute übersehen Stufenenden leicht. Man kann diese mit Farbstreifen bekleben, um sie gut sichtbar zu machen.

Locker sitzende und rutschige Hauspatschen sind völlig ungeeignet. Die Schuhe müssen guten Halt bieten und sollen keinen Absatz haben. Klettverschlüsse sind von Vorteil. 

Medikamentenliste durchforsten 

Die meisten chronisch Erkrankten schlucken in Alter mehrere Medikamente täglich, bei denen sich Nebenwirkungen addieren und/oder Wechselwirkungen auftreten können. Laut aktuellen Studien nehmen Personen ab dem 75. Lebensjahr im Schnitt 7,5 Medikamente zur Behandlung ihrer Leiden ein. Bei den über 60 Jährigen erhält, laut Hauptverband der Sozialversicherungsträger, mehr als ein Fünftel aller Österreicher über 60 Jahre fünf oder mehr verschiedene Medikamente. In diesem Fall spricht man von Polypharmazie, die zusätzliche Symtpome wie Schwindel oder Verwirrtheit hervorrufen kann. Senioren sollten vom Hausarzt in regelmäßigen Abständen ihre umfangreiche Medikamentenliste durchforsten lassen. „Der Mediziner schaut dabei auf Nutzen, Verträglichkeit und mögliche unerwünschte Wirkungen“, erklärt Schickmair. 

Rufhilfe gibt Sicherheit 

Für alleinlebende Senioren ist die Rufhilfe oder Notruftelefon (Rotes Kreuz, Samariterbund) eine gewisse Art der Beruhigung. Ein einfacher Druck auf den Alarmknopf des Handsenders, der wie eine Armbanduhr getragen wird, reicht aus, um einen Notruf abzusetzen. Der Rufknopf sollte Tag und Nacht am Handgelenk getragen werden – auch in der Dusche und beim Baden.

 

Mag. Christine Radmayr

August 2016


Foto: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020