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Frau füttert Mann mit Chili

Aber bitte mit Chili …

Capsaicin heißt der Wirkstoff, der uns auf der Zunge brennt, wenn wir Essen mit Chili würzen. Die Schärfe aus der Chilischote ist nichts anderes als Schmerz, der in unserem Gehirn die Ausschüttung von Glückshormonen anregt. 

Angelika H. ist chilisüchtig, wie sie von sich selbst behauptet. Die Musikerin nimmt Chili pur zu sich, wie andere Zucker. Löffelweise. Jeden Tag mindestens zwei Teelöffelchen. Was für die Künstlerin „Leben spüren“ ist, ist für andere völlig unvorstellbar. Denn an der Schärfe des Essens scheiden sich die Geister. Aber nicht nur an der Schärfe. Auch am Gesundheitsfaktor. Während die einen davon überzeugt sind, dass scharfe Gewürze wie Chili, Ingwer und Pfeffer dem Magen und Darm schaden, sind andere nicht davon abzubringen, dass Chili & Co. Gesundheitsförderlich sind. Ein Thema, das immer wieder Untersuchungen und Studien hervorbringt, die belegen wollen, dass scharfe Gewürze entzündungshemmende, schmerzlindernde, antioxidative, immunstärkende und sogar appetitzügelnde Eigenschaften haben. Wissenschaftler in „scharfen Ländern“ wie China, Indien oder Mexiko schwören zudem nicht nur auf den Schärfe-Kick, sondern schreiben der Schote sogar herzstärkende und krebshemmende Eigenschaften zu. 

Im Vorjahr sorgte eine im British Medical Journal veröffentlichte Studie eines internationalen Forscherteams für Aufsehen. Die Wissenschaftler waren der Frage nachgegangen, ob Menschen, die häufig scharf gewürztes Essen zu sich nehmen, länger leben. Und kamen zum Ergebnis, dass „Scharfesser“ tatsächlich ein geringeres Risiko hatten, im Verlauf der siebenjährigen Studie zu sterben. Ihr Risiko war um 14 Prozent gesunken. Das zusammenfassende Ergebnis der Studie war, dass Menschen, die täglich oder nahezu täglich scharfe Speisen verzehren, länger leben. Da es sich aber um eine umfassende Beobachtungsstudie handelte, ließ sich auch aus dieser Studie nicht klar belegen, dass tatsächlich Chilis das Leben verlängern oder nicht vielmehr auch viele andere Faktoren zusammenwirken. 

Europäische Experten sehen die gesundheitsförderliche Wirkung von Chili ein wenig skeptisch. „Scharfe Gewürze sind mit Sicherheit eine Bereicherung für unsere Ernährung, ob sie tatsächlich die oft beschriebene gesunde Wirkung haben, ist unklar.“ Ernährungswissenschaftlerin Mag. Karin Musch aus Wels räumt im gleichen Atemzug auch gleich mit einem weit verbreiteten Missverständnis auf: „Scharf ist keine Geschmacksrichtung wie salzig, süß, bitter, sauer oder umami, sondern eine Schmerzempfindung, ausgelöst durch bestimmte Stoffe in den Gewürzen.“ Genau durch diesen Schmerzreiz werden Endorphine ausgeschüttet, denen man eine glücklich machende Wirkung zuschreibt. Ganz konkret reizt der Stoff Capsaicin in Chilischoten die Nerven in der Mundschleimhaut, die für die Empfindung von Wärme und Schmerz zuständig sind. Das Hitzeempfinden „scharf“ wird vom Gehirn als Schmerzreiz interpretiert und löst die Ausschüttung der Glückshormone aus – ähnlich wie beim Laufen, wo die körperliche Anstrengung zum selben Effekt führt. 

Dass scharfes Essen Depressionen vorbeugt und automatisch zur Gewichtsreduktion führt, kann die Ernährungsexpertin nicht nachvollziehen. Aber sie räumt ein: „Wir essen in Österreich nicht scharf und vergleichsweise langweilig. Für eine gesunde Ernährung lohnt es sich, sich weniger mit der fleischbetonten Küche und mehr mit der Welt des Würzens zu beschäftigen. Denn dadurch eröffnen sich einem neue Geschmackswelten.“ Nicht umsonst wird sogar Schokolade mittlerweile mit Chili verfeinert. 

Unumstritten haben Scharfmacher wie Capsaicin im Chili, Piperin im Pfeffer, Allicin in Knoblauch, Gingerol in Ingwer und Senföl in Merettich und Senf auch noch andere nachgewiesen positive Eigenschaften. Sie wirken keimtötend und regen die Produktion der Verdauungssäfte an. Einen interessanten Effekt hat das Capsaicin noch: Es regt die Schweißbildung an – ein Umstand, den sich die Bewohner heißer Regionen zu Nutze machen. Durch das Schwitzen wird die Körpertemperatur gesenkt und der Körper abgekühlt. Und eine Bestätigung der vermuteten antibakteriellen Wirkung von Chili & Co. könnte sein, dass bei der Aufbewahrung von Lebensmitteln die Entwicklung von Mikroorganismen gehemmt wird, was in heißen Ländern die Haltbarkeit von Lebensmitteln erleichtert. 

Schärfe ist individuell 

Mag. Karin Musch rät bei scharfem Essen zu einem individuellen Hinspüren. „Auch Kinder dürfen durchaus scharf essen, sofern sie es vertragen, allerdings in einer etwas abgemilderten Form.“ Gleiches gilt für ältere Menschen und Schwangere. „Vorsichtig umgehen sollten mit scharfen Speisen all jene, die unter Sodbrennen und Magenproblemen, etwa Gastritis leiden“, sagt Musch. Manche Menschen reagieren auf Chili auch mit Durchfall. In einigen Fällen sei es durchaus sinnvoll, ganz auf scharfe Speisen zu verzichten. Generell gilt wie bei vielen anderen Lebensmitteln: In Maßen genossen ist die Wirkung positiv. 

Schärfe ist übrigens messbar: Die sogenannte Scoville-Einheit gibt an, wie viel Milliliter Wasser man braucht, um die Konzentration so zu verdünnen, dass sie gerade noch scharf schmeckt. So hat eine Gemüsepaprika einen Schärfegrad von null bis zehn Scoville, Tabasco dagegen bereits einen von 2.500 bis 8.500 Scoville. Reines Capsaicin bringt es auf unglaubliche 16 Millionen Scoville. Ziemlich scharf also!
 

Mag. Conny Wernitznig

Jänner 2017


Foto: shutterstock; privat

   


Kommentar

Kommentarbild Mag. Karin Musch

„Ob Chili & Co. unserer Gesundheit zuträglich sind, müssen wir individuell entscheiden. Grundsätzlich spricht nichts dagegen.“

Mag. Karin Musch

Ernährungswissenschaftlerin aus Wels

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020