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Physiotherapeut zeigt Bewegungsübung mit EMS

Unter Strom

Der neunfache Olympiasieger Usain Bolt tut es. Und auch Hermann Maier hat es schon gemacht. Die Rede ist von elektrischer Muskelstimulation, kurz EMS – mit wenig Aufwand soll man zu einem durchtrainierten Körper kommen. Was ist dran am Training aus der Steckdose? Ein Selbstversuch.

Mittwoch, 18 Uhr. Ich habe mir einen Termin in einem EMS-Studio im 6. Wiener Gemeinde-bezirk ausgemacht. Geschäftsführer Alex Fuchs-Robetin erwartet mich schon, erklärt mir die wichtigsten Dinge und gibt mir eine Funktionswäsche.

Baumwoll-Leiberl und Dreiviertel-Hose soll ich anziehen, darüber kommt dann der Anzug mit den Elektroden. Ich habe mich im Vorfeld natürlich schlaugemacht, was elektrische Muskelstimulation genau ist, aber trotzdem taucht plötzlich die bange Frage auf: Worauf habe ich mich da nur eingelassen? Ich lasse tatsächlich eine Ladung Strom durch meinen Körper jagen, um meine Muskeln aufzubauen, meinen Körper zu stählen, zu definieren? Ich komme nicht dazu, mir eine Antwort zu geben, da schüttelt mir Valentin die Hand. Valentin ist mein Personal Coach. Ohne ihn geht nichts. Valentin ist die ganze Zeit über neben mir, gibt mir Anweisungen, zeigt mir Übungen. Und hat den Finger am Display, um die Stromintensität zu regulieren. Doch bis wir so weit sind, hilft er mir erst einmal in den mit Wasser besprühten Anzug. Ich steige hinein wie in einen Klettergurt, an den eine ärmellose Weste montiert ist. Die Elektroden sind für die bessere Leitfähigkeit befeuchtet worden. Valentin zurrt noch hie und da etwas fest, dann stehe ich da und fühle mich wie Lara Croft. Nur unbeweglicher.

Ich stelle mich barfuß auf eine Matte, vor mir ein Pult mit integriertem Touchpad. Dann kommt das Kabel, und zack – ich bin mit dem Strom verbunden. Wie wird sich das anfühlen, wenn Valentin auf den Knopf drückt? So wie ein Stromschlag bei einem Weidezaun? Ob das weh tut? „Bereit?“ „Ja ...“ Die Impulsfrequenz des Stroms beträgt 85 Hertz, Valentin stellt die Impulsstärke Muskelgruppe für Muskelgruppe ein. Er beginnt mit den Oberschenkeln, dann fährt ein großflächiger Stromstoß durch meine Muskeln, die sich sofort zusammenziehen. Es ist wie ein Mega-Kribbeln, ein intensives Bremseln; es tut nicht weh, aber angenehm ist es auch nicht. Vier Sekunden Stromstoß, zwei Sekunden Pause. Wie viel Prozent halte ich aus? Valentins Finger wandert auf dem Touchpad Richtung 100 Prozent. „Au, Stopp“, rufe ich. Man muss es ja beim ersten Mal wirklich nicht übertreiben.

„Es soll auf keinen Fall weh tun“, sagt Alex. Beim Bauch und beim Gesäß überlege ich, das Ganze abzubrechen. Aber Ehrgeiz und Neugier sind größer. Und jetzt gehts an die Übungen, das eigentliche EMS-Training. Bei jeder Übung, ob leichte Bauchmuskelübung oder Kniebeuge oder Arme nach hinten strecken, intensiviert Valentin nochmals die Impulsstärke. Und reduziert sie zum Glück auch wieder. Der Gedanke an Folter schleicht sich bei mir ein, abgelöst vom Bild des durchtrainierten Körpers. Ich muss mich konzentrieren, meine Muskeln wollen sich gegen den Stromstoß wappnen; ich spanne an, zusätzlich zum Reiz. Genau das ist gewollt. 15 Minuten dauert dieses Training. Es kommt mir vor wie eine Stunde. Danach gibt’s noch fünf Minuten Ausdauer – ich darf in leichten Trab verfallen – mit einer anderen Frequenz, dann zehn Minuten Entspannen, am Boden liegend „klopft“ der Strom die Muskeln ab. Das wars. Ich bin schweißgebadet.

15 Minuten

EMS kommt eigentlich aus dem Therapiebereich. Dort wird dieses Strom-Training schon länger für den gezielten Aufbau von Muskeln eingesetzt, zum Beipiel um bei verletzten Sportlern Muskelschwund zu vermeiden. Irgendwann haben auch Leistungssportler diese Methode als Trainingsergänzung entdeckt. Der neunfache Olympiasieger Usain Bolt postet Fotos im EMS-Outfit. Nur: Was für Spitzensportler gilt, soll auch für Otto Normal-verbraucher gut sein? „Normalerweise gibt das Gehirn den Befehl, dass sich Muskeln zusammenziehen und eine Bewegung ausführen. Das Gehirn schickt schwache elektrische Impulse über Nervenbahnen an spezielle Muskelgruppen. Bei EMS übernimmt der Strom den Befehl mit dem Unterschied, dass tiefere Muskelfasern erreicht werden“, erklärt Sport-wissenschaftler Univ.-Prof. Dr. Erich Müller, Vizerektor an der Universität Salzburg. Bei Querschnittgelähmten habe sich gezeigt, dass es bereits möglich ist, mittels EMS gezielt Bewegungen durchzuführen.

Aus der Therapie

Auch im Leistungssport hat ein Training aus der Steckdose durchaus seine Berechtigung, allerdings nur als Ergänzung zum herkömmlichen Training, wie Müller kritisch anmerkt: „Tatsache ist, dass durch EMS ein Muskelaufbau stattfindet, allerdings werden nur einzelne Muskelschlingen stimuliert. Das kann dazu beitragen, dass Kalorien verbrannt werden und dass die Muskeln größer werden, aber nicht die Kraft verbessert wird.“ Denn Kraft, so der Sportwissenschaftler sei eingebettet in eine komplexe Bewegungskette, und da seien einzelne Muskeln nur ein Teil davon. Müller vermisst beim EMS-Training auch noch den koordinativen Faktor als Teil des Fitness-Prinzips aus Kraft, Koordination und Ausdauer. Er würde sich im Zweifel für ein herkömmliches Training entscheiden, kann aber verstehen, wenn Menschen, die wenig Zeit haben, sich statt einer Stunde ins Fitness-Studio zu stellen, lieber nur 20 Minuten trainieren. Und es habe sich auch als Krafttraining für Menschen mit Rückenschmerzen bewährt, da es zur Rumpfstabilisierung beiträgt.

Ich habe mich inzwischen aus dem Anzug geschält, mit wackeligen Beinen geduscht und noch 1.000 Fragen gestellt. Wie wird es mir morgen gehen? Wie oft soll man eigentlich trainieren? Welche Risiken birgt EMS?

„Anfänger sollen einmal die Woche trainieren, weil die Regeneration lange dauert“, erklärt Alex, „Fortgeschrittene zwei- bis dreimal.“ Menschen mit Herzschrittmacher oder Herzmuskelerkrankung, Schwangere, Diabetiker oder Epileptiker sollten EMS nur mit ärztlicher Bewilligung ausüben. Und über welche Risiken sollte ich noch Bescheid wissen? Da fällt das Wort „Creatinkinase“, ein Enzym, das für den Energiestoffwechsel der Muskelzellen wichtig ist. Erhöhte Werte sind nach dem Sport völlig normal, da sie ein Indikator für den Grad der Muskelbeanspruchung sind. Jedoch wurden vereinzelt nach einem EMS-Training um das x-fach erhöhte Werte gemessen. Das ist eindeutig zu viel. Dieses Enzym wird über die Nieren abtransportiert, darum vor und nach dem Training viel trinken.

Einmal pro Woche

Nachwirkung: Tag eins nach dem Training: Ich kann mich kaum rühren. Muskelkater, besonders im Gesäß ... Tag zwei: Ich kann mich immer noch kaum rühren, bücken ist nur mit höchster Anstrengung möglich. Tag drei: detto. Tag vier: Es wird besser. Ich gehe eine Runde laufen ... Vielleicht sollte ich es doch nochmal versuchen?

 

Mag. Lisa Ahammer

August 2017


Bild: XBODY  EMS-TRAINING; privat



Kommentar

Unter Strom, Kommentarbild Univ.Prof. Dr. Erich Müller„EMS kommt aus dem Rehabilitationsbereich und hat auch im Leistungssport Einzug gehalten. Für Menschen mit wenig Zeit ist es eine Alternative zum herkömmlichen Krafttraining. Allerdings schult EMS nicht Koordination und Ausdauer.“

Univ.-Prof. Dr. Erich Müller

Sportwissenschaftler, Vizerektor, Universität Salzburg

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020