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Mann im Büro zerreißt Schriftstück

Wut darf sein

Blind sein vor Wut, außer sich sein vor Wut, heulen können vor Wut, ohnmächtige Wut …  Wut hat viele Gesichter und jeder kennt dieses Gefühl, hat irgendwann im Leben schon einmal Wut verspürt. Auf den Partner, den Nachbarn, den Chef oder sich selbst.

Wut ist wichtig, denn sie hilft, Stress abzubauen, zu handeln, Dinge zu klären. Aber sie kann auch fatale und krankmachende Folgen haben.

„Die menschliche Basisemotion Wut hat in unserer Gesellschaft ein schlechtes Image“, konstatiert die bekannte Gerichtspsychiaterin Prim. Dr. Adelheid Kastner aus Linz. „100 Prozent aller verfügbaren Bücher zu diesem Thema beschäftigen sich allerdings mit dem Nicht-Ausleben dieses Gefühls“, so die Expertin. Seinem Ärger Luft zu machen, werde oft kritisch gesehen und etwa als undiszipliniert wahrgenommen.

Grundsätzlich ist Wut aber eine vitale Emotion, die zum Leben dazugehört. Sie erzeugt körperliche Reaktionen, die Stress verursachen. Während eines Wutanfalls werden die Hormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol in erhöhtem Ausmaß ausgeschüttet, die Atmung wird schneller, die Herzfrequenz beschleunigt sich und der Blutdruck steigt. Damit bereitet sich der Körper auf ein Ärgernis vor, er ist quasi auf Kampf ausgerichtet.

„Wenn man Wut gezielt äußert, dann kann man etwa in Beziehungen eine Grenzbereinigung machen“, weiß die Psychotherapeutin Mag. Heidi-Nicole Schuh von der Psychiatrischen Tagesklinik am LKH Freistadt. Sie beschreibt Aggression als ein zielgerichtetes Zugehen auf jemanden oder etwas, mit der Absicht, eine Veränderung herbeizuführen.

Der entscheidende Aspekt ist, ob man konstruktiv oder destruktiv mit Aggression umgeht. „Indem ich meine Wut wahrnehme und mir überlege, wie gehe ich damit um, setze ich einen gesunden Akt. Denn ich muss ja dieses Gefühl nicht ausleben“, erläutert die Praktikerin.

Schattenseiten der Wut

Gerät Wut außer Kontrolle, kann das in Aggressionen und Gewalt münden. Oft ist Hilflosigkeit spürbar, soziale Problemstellungen erscheinen im Augenblick der höchsten Rage schwer lösbar. Seiner Wut freien Lauf zu lassen, hilft auch nicht gegen die körperlichen Begleiterscheinungen, der Stresspegel bleibt hoch. Nicht zuletzt deshalb führt aufbrausende Wut häufig zu Überreaktionen, die letztlich aber nur noch mehr Ärger verursachen. Durch regelmäßige Ausraster werden laufend Stresshormone ausgeschüttet, die zusätzlich zu den Grundthemen gesundheitliche Probleme wie Bluthochdruck auslösen können. Nicht selten reduziert sich die sogenannte Erregungsschwelle, also der Punkt, an dem kontrolliertes Handeln entgleitet und unkontrollierbar wird. Diese Schwelle sinkt immer tiefer, Betroffene sind innerhalb weniger Sekunden „auf tausend“, und die Fähigkeit, sich zu entspannen, geht verloren. Als Folge können sich etwa Muskelverspannungen und Kopfschmerzen einstellen, ganz abgesehen von sozialen Konsequenzen. Daran ändert auch das Gefühl der Scham nichts, das sich bei vielen Menschen nach einem Wutanfall einstellt.

„Ganz schlecht wäre es aber“, so Mag. Heidi-Nicole Schuh, „die Wut zu unterdrücken, sie quasi immer wieder zu schlucken.“ Denn wird das Gefühl zurückgehalten, hört es damit ja nicht auf. Im Gegenteil, dieses Ausklammern von Emotionen führt langfristig zu Leere und Depressionen. Menschen, die dazu tendieren, beim geringsten Anlass zu explodieren, oder jähzornig veranlagt sind, empfiehlt die Psychotherapeutin, einen Abstand zwischen das Empfinden und Ausleben der Wut zu bringen. „Das kann man lernen und es gibt individuelle Möglichkeiten, das zu schaffen.“ Die einen brauchen Bewegung, die anderen ein Buch oder einen Pinsel. Die Auseinandersetzung mit der Wut – egal, auf welche Art – ist der Schlüssel dazu, handlungsfähig zu bleiben, ohne die Wut in negative oder zerstörerische Bahnen entgleiten zu lassen.

Kaum Aggressionskultur

Unserer Gesellschaft mangelt es an Aggressionskultur. Die Basis dafür wird aber nicht erst im Erwachsenenalter, sondern schon im Kindesalter gelegt. Wenn die Erwachsenen mit Wut und Konfliktlösung nicht umgehen können, überträgt sich das oft auf die Kinder. Über Eltern, Großeltern und andere Kontakte im Kindesalter lernen Kinder, ihre Wut zu kontrollieren oder eben nicht. Hier entsteht das Spektrum an Handlungsoptionen in gefühlten Extremfällen. Das Ausleben der Emotion Wut sei grundsätzlich eine Gratwanderung, es dürfe nicht übermächtig oder destruktiv werden, sind sich Experten einig. Egal, in welchem Alter. Kommunikation ist dabei einer der Schlüssel für Lösungsansätze. Solange es möglich ist, Kommunikation aufrechtzuerhalten – und das ist mit laut wütenden Menschen oft einfacher als mit schweigenden – gibt es auch Wege aus der Wut. Alarm muss aufblinken, wenn Demütigungen oder ein körperlicher Übergriff auf andere Menschen erfolgen.

Professionelle Hilfe ist – so Mag. Heidi- Nicole Schuh – auf jeden Fall angezeigt, wenn die Wut zum Dauerzustand wird, sie zu gewalttätigem Verhalten führt oder jemand nicht mehr in der Lage ist, seinen Ärger zu fühlen oder zu zeigen. Gleiches gilt bei der gegen sich selbst gerichteten Wut, die sich oft in selbstschädigendem Verhalten äußert. Wut, die nie ausgelebt wird, über lange Zeit „geschluckt wird“, führt hingegen selten zu äußerlichen Verletzungen, sondern eher zu krankhaften Ersatzhandlungen oder zu Suchtverhalten. In der Therapie wird nicht nur an der Emotion gearbeitet. Oft verstecken sich hinter der Wut Ängste. Der Therapeut muss versuchen, dem Patienten wieder einen Zugang zu den eigenen Emotionen zu verschaffen. „Wir arbeiten auf der individuellen Ebene, schauen, was hinter der Wut steckt. Viele Menschen wurden vernachlässigt oder gedemütigt und leben ihren Mangel dann über Wut aus“, sagt die Psychotherapeutin. Manche Menschen haben auch lange Jahre Wut und Verbitterung aufgebaut, was sich letztlich in einer chronischen Verbitterungsstörung äußern kann. Für den richtigen Umgang mit der Emotion Wut ist es laut Mag. Heidi-Nicole Schuh wichtig, auch den „kleinen Ärger“ ernst zu nehmen. Sich erlauben, wütend zu sein, ist in Ordnung. Wichtig ist es, möglichen Auslösern auf den Grund zu gehen und Konflikte zu bereinigen. „Es bricht keine Welt zusammen, wenn man laut sagt, was man denkt. Und wenn Entschuldigungen angebracht sind, sollen auch diese ausgesprochen werden.“ Auch Primaria Adelheid Kastner plädiert dafür, den Emotionen wie Wut, Zorn und Ärger einen Platz einzuräumen, ihre Funktion zu erkennen und sie für unser Fortkommen im rechten Maß zu nutzen. Wut hat viele Funktionen, sie vermittelt klare Grenzen, setzt Warnsignale, befreit von der Spannung, die aus Kränkung entsteht, vermittelt den Menschen Einsichten in ihre Schwachstellen und fordert sie zu Veränderung auf – entweder bei sich selbst oder an den Lebensumständen.

Ursachen von Wut

Während kleine Kinder wütend werden, wenn ihnen beispielsweise Geschwister das Lego-Haus zerstören, entwickeln Erwachsene Wut vor allem in folgenden Situationen:

  • Ungerechtigkeit
  • Respektlosigkeit
  • Angriff auf die eigene Persönlichkeit
  • Ausnutzen der Gutmütigkeit
  • Maßlose Enttäuschung
  • Unangemessene Kränkung
  • Verletzung des Selbstwertgefühls
  • Überforderung und Belästigungen
  • Unerfüllte Erwartungen

Kommt es aus diesen oder anderen Gründen zu Wutanfällen, ist das ein meist kurzzeitiger teilweiser oder völliger Verlust der Kontrolle über das Gefühl der Wut, ein Affekt. Wutanfälle richten sich gegen Menschen, Tiere, Institutionen oder Dinge und haben oft einen konkreten Auslöser. Er wird auch als Überreaktion bezeichnet und gilt daher in den meisten Kulturkreisen als Charakterschwäche. Sich dagegen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und die Contenance zu bewahren, gilt als Charakterstärke. Grundsätzlich kann in Ausnahmesituationen und unter Stress jeder Mensch einen Wutanfall bekommen. Und daran gibt es nichts auszusetzen. Nicht die Wut ist verpönt, sondern die nachfolgende Handlung, wenn sie aggressiv und zerstörerisch ist.

Berühmte Wutanfälle

Nikita Sergejewitsch Chruschtschow

Am 12. Oktober 1960 ergriff Nikita Sergejewitsch Chruschtschow (ehemaliger Staatschef der UdSSR) in der UN-Vollversammlung während der Rede des philippinischen Delegierten Lorenzo Sumulong seinen Schuh, schlug damit auf den Tisch und ereiferte sich lautstark. Nichtsnutz, Speichellecker und Fatzke waren nur ein paar der Ausdrücke, die dabei fielen. Das Verhalten Chruschtschows war vielen unbegreiflich, wurde ihm als Unzurechnungsfähigkeit ausgelegt, die Bilder gingen um die Welt. Für Primaria Dr. Adelheid Kastner nicht ungebührlich. „Ungewohntes Verhalten, aber auf jeden Fall eine Abgrenzung, eine Positionierung nach emotionalen Diskussionen.“

Pierluigi Collina

Der Italiener galt als bester Schiedsrichter der Welt, doch als er 2002 für seine Verdienste mit dem „Sport-Oscar“ ausgezeichnet werden sollte, kam es zum Eklat. Denn auf einen Witz des TV-Moderators über seine Kahlköpfigkeit hat der Schiri mit einem Wutanfall reagiert und den „Oscar“ empört in den Mülleimer geschmissen. Der Grund: Collina leidet seit seiner Kindheit an Alopezie, einer Stoffwechselerkrankung.

Naomi Campbell

Das Super-Model ist für sein Aussehen ebenso berühmt wie für seine Super-Wutanfälle. Die Palette reicht von Stutenbissigkeit auf dem Laufsteg, Balgereien in Bars, Wutanfällen vor laufender Kamera bis zu wüsten Beschimpfungen von anderen Menschen in der Öffentlichkeit. Campbells „fliegende Fäuste“ hatten das Model mehrmals in die Bredouille gebracht und dazu geführt, dass sie vor Gericht musste. Letztlich hat Campbell sogar Wut-Therapien absolviert, um ihre Emotionen unter Kontrolle zu bringen.

 

Mag. Conny Wernitznig

September 2017

 

Bilder: shutterstock; privat



Kommentar

Wut darf sein, Kommentarbild Mag. Heidi-Nicole Schuh„Wut wahrzunehmen und zu überlegen, wie ich damit umgehe, was ich brauche, damit ich diese Emotion kontrollieren kann, ist gesund. Das gibt mir die Möglichkeit, Wut nicht über mich und mein Handeln bestimmen zu lassen.“

Mag. Heidi-Nicole Schuh

Klinische Psychologin und Psychotherapeutin an der Psychiatrischen Tagesklinik, LKH Freistadt

 



Wut fordert und fördert Lebendigkeit

Interview mit Primaria Dr. Adelheid Kastner 

Darf Wut sein? „Ja, sie soll sogar“, meint Primaria Dr. Adelheid Kastner. Die Linzer Gerichtspsychiaterin hat sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Ihr Buch „Wut – Plädoyer für ein verpöntes Gefühl“ ist im Verlag Krenmayr & Scheriau erschienen.

 

Sie halten immer wieder Plädoyers für Wut. Hat Wut überhaupt Sinn?

Natürlich hat Wut einen Sinn, denn sie ist eine unserer Basisemotionen, die wir brauchen, um als Menschen adäquat zu funktionieren. Durch Wut wird unsere Handlungsfähigkeit in bestimmen Situationen reaktiviert und sie macht Energie frei, Energie zum Handeln. Es liegt an uns, zu entscheiden, wie wir diese Energie einsetzen. Erst unser Handeln wirkt positiv oder negativ.

 

Wann ist Wut zu viel?

Sobald Wut handlungsbestimmend wird und die Vernunft sich ausschaltet, ist eine Dimension erreicht, die nicht mehr lenkbar ist und in einem gesellschaftlichen Kontext nicht funktionieren kann. Grundsätzlich ist Wut aber eine Emotion, die wie jedes andere Gefühl reflektier t werden kann, um sich zu distanzieren, Dinge zu klären. Notwendig und wichtig.

 

Kann Wut als Emotion so stark werden, dass sie Krankheiten verursacht?

Wut, die man nicht auslebt, jahrelang unterdrückt, kann zu symptomatischen Erkrankungen führen, das ist seit langem bekannt. Kürzlich wurde aber eine Studie veröffentlicht, die davor warnt, Sport zu betreiben, um Wutanfälle in den Griff zu bekommen. Also nicht in voller Rage laufen gehen oder auf dem Hometrainer abstrampeln. Denn das könnte ein Zuviel an Belastung für das Organsystem sein. Andererseits ist ein überdauernder chronischer Wutzustand wohl kaum vorstellbar, die Gefahr, durch lang anhaltende Wut eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu bekommen, also eher gering.

 

Kann man Wut behandeln?

Grundsätzlich wäre zu erwarten, dass wir schon im Kindesalter lernen, wie man Wut ausleben kann und wie nicht. Zu vermitteln, dass Wut nicht sein darf, ist der falsche Weg. Wenn ein Kind wütend ist, und ich öffne das Fenster, um die Wut rausfliege zu lassen, dann ist das ein Irrelevantmachen dieser Emotion. Wichtiger wäre, zu zeigen, dass Kopf an die Wand oder auf den Boden schlagen als Handlung inadäquat ist und nichts bringt. Umgehen lernen mit dem, was man spürt, ohne sich selbst oder andere(s) zu (be)schädigen, ist das Ziel. Der komplett falsche Weg wäre, jemandem eine runterzuhauen, der mir zu fest auf die Zehen gestiegen ist, denn damit breche ich die Kommunikation ab. Und ohne Kommunikation gibt es keine Klärung.

 

Haben Wutbürger nie gelernt, ihre Wut unter Kontrolle zu bringen?

Mit Wutbürgern habe ich ein echtes Problem, denn das sind Menschen, die notorisch unzufrieden sind, herummotzen und alles runtermachen. Das ist aber kein Lösungsansatz, sondern ein Verhalten, das eines erwachsenen und mündigen Menschen nicht würdig ist. Und das hat auch nicht zwingend mit Bildungsstandard zu tun, sondern mit etwas, das aus der Mode gekommen ist, nämlich Herzensbildung. Hier kann man ziemliche Defizite verorten, was allein am Ausmaß an Bösartigkeit und Häme sichtbar wird, die im Web und in Social Media über andere Menschen ausgegossen werden. Dass ein Präsidentschaftskandidat Morddrohungen bekommt, ist kein sozial verträglicher Umgang mehr. Natürlich kann ich Wut haben, aber das sind völlig untaugliche Mittel, damit umzugehen.

 

Wut darf sein, Kommentarbild Prim. Dr. Adelheid Kastner„Morddrohungen und Bösartigkeit sind kein sozial verträglicher Umgang und vor allem völlig untaugliche Mittel, mit Wut umzugehen. Wir müssen lernen, mit dem, was wir spüren, handlungsfähig zu sein, ohne andere oder uns selbst zu beschädigen.“

Prim. Dr. Adelheid Kastner

Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, Leiterin der Klinik für Psychiatrie mit forensischem Schwerpunkt, Kepler Universitätsklinikum, Linz




Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020