DRUCKEN
Frau trainiert mit Bällen

3 Bälle gegen Alzheimer

Es schaut so einfach aus und ist gleichzeitig ästhetisch, atemberaubend, außergewöhnlich: Jonglieren ist ein Hobby, ein Sport – und Gesundheitsprophylaxe. Es schult das Gehirn, trainiert die Geschicklichkeit und macht obendrein noch Spaß. 

Für mich seid ihr die besten Jongleure, die ich je gesehen habe“. Dieter Bohlen ist ja nicht gerade bekannt als lobender Juror. Aber das Jongleur-Quartett „Jonglissimo“ hat es ihm in der Sendung „Das Supertalent“ offenbar wirklich angetan. Zu Recht. Denn was die vier jungen Männer aus Oberösterreich mit Ringen und Keulen zeigen, ist wirklich beeindruckend. Nicht umsonst können sie sich vor Lob und Auszeichnungen bis hin zu Weltmeister-titeln und Weltrekorden kaum erwehren. Gegründet hat die Gruppe das Geschwisterpaar Christoph und Manuel Mitasch. Als junge Buben lernten sie die Grundlagen des Jonglierens – ein netter Zeitvertreib, den sie vor neun Jahren zu ihrem Beruf gemacht haben. Seitdem begeistern die Jonglier-Profis das Publikum im In- und Ausland und halten aktuell bei 15 Weltrekorden in verschiedenen Team-Formationen, darunter auch die Rekorde für die meisten Keulen – nämlich 13 (!) – und die meisten Ringe – nämlich 15 (!) –, die ein Duo je jongliert hat.

Daniel Raum aus Vorarlberg darf sich auch Weltmeister nennen, allerdings in einer anderen Jonglier-Kunst: Er ist Joggling-Weltmeister. Joggling heißt jonglierend laufen. Aber nicht ein paar hundert Meter, sondern kilometerweit. Unter seinem Künstlernamen „Laufende Nase“ hält Daniel Raum den bestätigten Weltrekord im 50-Meilen-Joggling. Er ist 8:23:52 Stunden mit drei Bällen jonglierend gelaufen! On top sein Weltrekord mit 106,22 Kilometer ... 

Aller Anfang ist schwer ...

Doch um solche Höchstleistungen zu vollbringen, bedarf es eines großen Talents und einer großen Ausdauer. Aber auch diese Herren haben einmal klein begonnen: mit drei Bällen. Wer es ausprobiert, merkt gleich: Was so einfach ausschaut, ist ein komplexer Vorgang, und ohne Übung geht gar nix. Dafür sind die Vorteile riesig und es empfiehlt sich, Jonglieren zu erlernen. Die meisten Anfänger beginnen mit einer sogenannten Kaskade, das ist das einfachste zu erlernende Jongliermuster mit einer ungeraden Zahl von Gegenständen (Bällen, Keulen oder Ringen). Ein Ball wird aus der einen Hand in die Luft geworfen, und wenn er am höchsten Punkt ist, wird der nächste Ball aus der anderen Hand geworfen, der erste gefangen, der nächste geworfen … Einmal links, einmal rechts, einmal links, einmal rechts … Bis man es mit drei Bällen schafft, werden verschiedene Wurf- und Fangübungen empfohlen und am Anfang ist man mehr mit dem Aufheben der Bälle als mit dem Werfen beschäftigt. Gelingen aber dann die ersten Jonglierversuche, spornt es an, weiterzumachen.

Nahrung fürs Gehirn

Eigentlich sollte Jonglieren ein Unterrichtsfach sein oder zumindest in der Schule gefördert werden, denn es ist eine komplexe und fein abgestimmte Leistung von Körper und Gehirn. Es ist Training für die Muskeln, den Gleichgewichtssinn, den Tastsinn, das Konzentrationsvermögen, die Reaktionsschnelligkeit, das räumliche Vorstellungsvermögen, das Zeit- und Rhythmusgefühl. Und es ermöglicht durch die beinahe meditative Gleichförmigkeit den Stressabbau.

Für Univ.-Prof. Dr. Jürgen Sandkühler, Leiter des Zentrums für Hirnforschung an der MedUni Wien, ist Jonglieren eine geniale Beschäftigung und Nahrung fürs Gehirn: „Beim Jonglieren muss man sich fokussieren und sich gleichzeitig motivieren, dass man nicht aufgibt. Das ist hilfreich für andere kognitive Leistungen. Auch bei denen braucht man Motivation und Interesse. Das kann man durch Jonglieren mitverbessern.“ Forscher haben festgestellt, dass sich durch das Jonglieren das Hirnvolumen vergrößert. Ist man deshalb schlauer? „Ein größeres Hirnvolumen ist ein Hinweis, dass das Gehirn mehr leisten könnte, aber nicht muss“, so der Experte. „Jonglieren macht nicht direkt schlau, aber das Gehirn kann besser genutzt werden.“ Alle Schüler, die also hoffen, dass sie sich das Vokabellernen ersparen und es durch Jonglieren ersetzen können, muss er enttäuschen. „Vor einer Schularbeit zu jonglieren verstärkt das Potenzial, aber es ersetzt nicht das Lernen.“

Intelligenz, so der Hirnforscher, hat einen hohen genetischen Anteil, bei Kindern rund 40 Prozent, bei Erwachsenen 60 bis 80 Prozent. Der Rest kann durch „Bausteine“ aufgefüllt werden. Ernährung ist etwa so ein Baustein. Oder aerobe Bewegung inklusive Schwitzen, geistige Herausforderungen und eben auch feinmotorische Tätigkeiten wie zum Beispiel Jonglieren. Das Zusammenspiel aller Bausteine ist für die Entwicklung des Gehirns nicht nur in jungen Jahren wichtig, sondern auch im Erwachsenen und sogar im Greisenalter. Nervenverbindungen werden wieder aktiviert und gestärkt. Jonglierbälle daher nicht nur in die Schule, sondern auch ins Seniorenheim! „Es gibt Untersuchungen bei Patienten mit einer milden Form von Alzheimer. Durch regelmäßige motorische Tätigkeiten wie zum Beispiel Jonglieren kann der Verlauf der Krankheit hinausgezögert werden“, so Professor Sandkühler.

Die positiven Aspekte des Jonglierens sind erst in der Neuzeit erforscht worden. Aber schon im antiken Ägypten, bei den Griechen und Römern, aber auch bei den Chinesen, Indern oder Azteken wurde jongliert. Freilich waren Jongleure nicht immer sehr angesehen, wurden sogar als Taugenichtse beschimpft. Das hat sich zum Glück gewandelt. Besonders seit man weiß, welch positive Auswirkungen Jonglieren auf Körper und Geist hat.


Mag. Lisa Ahammer

Juli 2018


Bilder: shutterstock, privat


Kommentar

 3_Baelle_gegen_Alzheimer_Sandkuehler-Juergen02_H02_150x150.png„Jonglieren ist Nahrung fürs Gehirn und daher für Kinder und Senioren  gleichermaßen geeignet. Es kann sogar  Alzheimer hinauszögern.“

Univ.-Prof. Dr. Jürgen Sandkühler

Zentrum für Hirnforschung, MedUni Wien




Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020