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Brennesseln

Nesseln essen

Wenn es ums Essen geht, dann gilt im Frühling: Das Gute ist immer und überall. Und selten zeigt sich das deutlicher als an der Brennnessel. Richtig zubereitet schmeckt sie so, wie man sich das von Spinat oft wünschen würde: grüner, kräftiger, würziger als das zahme Blattgemüse, mit einem ordentlichen Schuss Nesselaroma. Gleichzeitig ist sie so allgegenwärtig, dass selbst der Stadtbewohner selten mehr als zehn Minuten von einer Brennnessel entfernt ist. 

Brennnessel Tee

Schon ab Mitte Februar reckt sie ihre ersten Triebe gegen den heller werdenden Himmel und spätestens im April gibt es für sie kein Halten mehr: Wer einmal auf sie achtet, der sieht sie plötzlich überall aus dem Boden schießen, in Gärten und Parks, an Straßenecken, auf Grünstreifen und am Waldrand. Der Nessel-Connaisseur muss nichts weiter tun, als kurz spazieren zu gehen und sich zu bedienen. 

Wer Brennnesseln verspeist, der kommt nicht nur in den Genuss ihres einzigartigen Geschmacks, sondern auch einer Reihe anderer Vorzüge: Die Brennnessel enthält jede Menge Vitamin C und Vitamin B2, wertvolle Omega-3-Fettsäuren und eine für Pflanzen ungewöhnlich hohe Menge an Eiweiß – in getrockneten Blättern bis zu 25 Prozent des Gesamtgewichts. 

Brennnessel Smoothie

Lange war die Brennnessel kulinarisch verkannt. Schon die Römer verspeisten das wilde Kraut gelegentlich, allerdings galt es ihnen nicht als Delikatesse. „Muss ich denn an einem Feiertag wirklich Nesseln kochen lassen?“, lässt Horaz einen Dichter in einem seiner Theaterstücke fragen. Noch einige Jahrhunderte später wünscht Shakespeares Richard II.: „Bringe meinen Feinden Brennnesseln“, und selbst im 19. Jahrhundert bemerkt der Autor eines Buchs über Wildpflanzen, dass es wohl „das Genie eines französischen Kochs“ brauche, um die Brennnessel gut schmecken zu lassen. 

Lange wurde die Pflanze eher außerhalb der Küche genützt: als Heilkraut, als Faserlieferant – und als Wärmespender. Cäsars Legionäre sollen Brennnesseln auf ihren Feldzügen nach Britannien mitgebracht haben, um sich mit den stechenden Blättern einzureiben – das Brennen sollte ihnen helfen, die beißende Kälte zu ertragen und ihre frierenden Gliedmaßen zu wärmen. Und vom Bronzezeitalter bis ins 19. Jahrhundert wurden aus Brennnesseln Fasern gesponnen, ganz ähnlich wie aus Hanf oder Flachs. 

Kulinarische Rehabilitation

In den vergangenen Jahren hat die Brennnessel eine kulinarische Rehabilitation erfahren. Seit es wieder schick geworden ist, sein Essen selbst zu sammeln, widmen sich auch Spitzenköche verstärkt der Brennnessel. Dabei braucht es gar nicht viel, sie köstlich zu machen – ein bisschen Zwiebel, Knoblauch und Obers reichen völlig aus. Beim Sammeln sollten Sie ordentlich zugreifen: Wie alles andere Blattgemüse auch fallen Brennnesseln, einmal gegart, in sich zusammen, aus einem einst stattlichen Sack wird ein mageres Häufchen. Vergessen Sie die Gummihandschuhe bei der Ernte nicht, sonst macht die Nessel schnell ihrem Namen alle Ehre. Zu Hause waschen Sie die Beute ebenfalls mit Handschuhen gründlich – nach dem Dämpfen oder Kochen können die Brennnesseln dann gefahrlos berührt werden. 

Sollten Sie außerdem das seltenere Sammlerglück haben, bei Ihrer Brennnesseljagd (oder später auf dem Markt) auf ein paar Morcheln zu stoßen, greifen Sie ebenfalls beherzt zu: Der Frühlingspilz und das Kraut vertragen sich ganz hervorragend. Braten Sie die Morcheln ordentlich in etwas Butter und mischen Sie sie unter den Brennnesselspinat.

 

Tobias Müller

August 2018


Bilder: shutterstock

 

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020