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Baby wird gestillt

Im Schlaraffenland

Gestillten Babys fließt der Gesundbrunnen, wann immer es sie danach dürstet. Muttermilch ist richtig temperiert und enthält alle Nährstoffe, die der Säugling braucht. Das Stillen bietet Trost, Beruhigung und erleichtert die innige Bindung zur Mama.

Muttermilchernährung bietet einen einmaligen Schutz vor Infektionen, Allergien und Krankheiten – für Mutter und Kind. Neben der stärkenden, genau auf die Bedürfnisse abgestimmten Nahrung bekommt der Säugling beim Stillen „ganz viel Mama“ mitgeliefert. Alle Sinne werden angeregt, das Baby sieht, hört, spürt, riecht und schmeckt die Mutter. „Frauen, die vor der Geburt fachgerecht beraten werden, neigen dazu, länger und mit größerer Zufriedenheit zu stillen. Mütter sollten die Geduld nicht verlieren, wenn es mit dem Stillen nicht sofort optimal klappt“, sagt die international zertifizierte Still- und Laktationsberaterin (IBCLC) DGKS Gertraud Stöbich vom Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern. 

Frauen müssen in den neuen Fulltime-Job hineinwachsen, das kann verunsichern. „Jede Mama will das Beste für ihr Baby und muss in ihrem Bemühen bestärkt werden. Sie braucht Selbstvertrauen und Gelassenheit“, sagt Stöbich. Die Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde sowie Baby-Care-Beraterin Regina Pflügl vom Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern fügt hinzu: „Ob das Stillen funktioniert, beginnt auch im Kopf. Alles Wissen aus dem Internet oder gutgemeinte Tipps sind nicht nur förderlich, sondern tragen oft zur Verwirrung bei.“ Viele Mütter machen sich selbst Erfolgsdruck. „Stillberatung, Stillgruppe, Mutterberatung, Hebamme – das Hilfsnetz ist ein gutes und keine Frau soll sich scheuen, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Es gibt zwischen dem ausschließlichen und Gar-nicht-Stillen viele Möglichkeiten“, sagt Oberärztin Pflügl. Die WHO und UNICEF empfehlen, bis zum sechsten Lebensmonat ein Kind voll zu stillen. Wer mag, kann neben Beikost über das erste Lebensjahr des Kindes hinaus zusätzlich weiter stillen.

 

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200 Inhaltsstoffe

Das Kind sollte sofort nach der Geburt in der Bonding-Phase Hautkontakt mit der Mama haben. Sobald sich der Säugling etwas erholt hat, sucht er Mamas Brust. Diese Zeit und Ruhe sollte man den beiden gönnen.

Ein Tropfen Muttermilch enthält etwa 4.000 lebende Zellen, die Krankheitserreger erkennen und zerstören können. Mehr als 200 Bestandteile und Inhaltsstoffe sind mittlerweile erforscht, die meisten können nicht künstlich hergestellt werden. Grundsätzlich wird ein häufiges Stillen – achtmal und mehr innerhalb von 24 Stunden – angestrebt. Stillhütchen sollen nur gezielt, etwa bei Saugproblemen von Frühgeborenen oder bei schmerzenden, entzündeten Mamillen, eingesetzt werden. 

Für die Vorteile des Stillens gibt es eine lange Liste von wissenschaftlichen Belegen und immer wieder kommen neue Fakten dazu: 

  • Milch passt sich mit Mineralstoffen, Enzymen und Vitaminen immer präzise an die Entwicklung des Kindes an. Eiweiß, Fette und Kohlenhydrate sind ideal dosiert. Energie und Wasserhaushalt werden gut unterstützt. Der Eiweißgehalt fördert das Wachstum und ist leicht verdaulich.
  • Optimal für die Entwicklung des Gehirns und des Zentralnervensystems sind enthaltene langkettige, ungesättigte Fettsäuren.
  • Das Saugen an der Brust unterstützt eine optimale Ausbildung des Kiefers und Kräftigung der Mundmuskulatur – dies wiederum fördert die Sprachentwicklung.
  • Der sogenannte Bifidusfaktor sorgt für eine gesunde Darmflora.
  • Da das Immunsystem noch nicht vollständig ausgeprägt ist, kann das Baby aus der Muttermilch Antikörper gegen Krankheitserreger direkt aufnehmen. Das ist ein guter Infektionsschutz. Das enthaltene Lactoferrin erhöht diesen noch und verbessert die Aufnahme des Eisens aus der Muttermilch.
  • Gestillte Kinder erkranken seltener an Infektionen des Mittelohres und Magen-Darm-Traktes oder zum Beispiel an Neurodermitis.
  • Mindestens viermonatiges ausschließliches Stillen beugt Allergien vor.
  • Gestillte Kinder haben ein geringeres Risiko, in ihrem Leben übergewichtig zu werden oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie etwa hohen Blutdruck zu bekommen. Sie erkranken seltener an Diabetes.
  • Gestillte Kinder erleiden seltener den plötzlichen Kindstod. Wissenschaftler vermuten, dass gestillte Kinder stressresistenter sind.

 

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Keine Katastrophe

Trotzdem ist es keine Katastrophe, wenn eine Mutter nicht stillen kann. „Trotz aller Vorteile heißt es nicht, dass Kinder, die nicht gestillt werden können, schlechtere Voraussetzungen für ihre spätere Gesundheit haben“, sagt Stillberaterin Stöbich.  Stillen hat nicht nur Vorteile für die Babys, sondern auch für die Mütter: 

  • •Beim Stillen schüttet die Mutter die Hormone Prolaktin und Oxytocin aus, die die Milchbildung fördern, Kraft und Gelassenheit geben. Oxytocin fördert die Rückbildung der Gebärmutter.
  • •Die Mütter verlieren nach der Geburt schneller an Gewicht, da das Stillen zusätzlich 500 bis 600 kcal verbraucht. Sie sollten keinesfalls unter 1.800 kcal pro Tag zuführen.
  • •Stillen senkt das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs, für Diabetes Typ 2 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
  • •Eine schwedische Studie zeigte, dass Frauen, die mindestens ein Jahr lang gestillt haben, nach den Wechseljahren ein geringeres Risiko für rheumatoide Arthritis aufweisen.
  • •Stillen senkt das Risiko für Wochenbettdepression.
  • •Stillen spart nicht zuletzt auch Geld. 

Stillenden Frauen ist ausgewogene Mischkost empfohlen. „Wenn die Mutter krank wird, gibt es meist eine Therapie, die das Weiterstillen erlaubt. Ist eine Stillpause erforderlich, kann durch Abpumpen die Laktation aufrechterhalten werden“, erklärt Gertraud Stöbich.

Sobald das Baby mit wenig Hilfe aufrecht sitzen kann und sich der Zungenstoßreflex abgeschwächt hat, ist es Zeit für die ersten Löffelchen gedünsteter, fein pürierter Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Kartoffeln oder Fleisch. Rund um das sechste Monat reicht die Muttermilch als alleinige Energie- und Nährstoffquelle nicht mehr aus. Aber man sollte nicht vor der 17. und nach der 26. Woche mit Beikost beginnen. Dann können dem Baby verschiedene Lebensmittel und Geschmacksvariationen angeboten werden.

Neuere Studien zeigen, dass das späte Einführen spezieller Lebensmittel die Allergien nicht reduziert. So können Hühnereier – gut erhitzt – bereits im ersten Lebensjahr gegeben werden. Sie enthalten hochwertiges Eiweiß und Zink. Ab dem sechsten Monat dürfen auch schon 100–200 ml Kuhmilch im Milch-Getreide-Brei einmal pro Tag angeboten werden. Der Verzehr von fein vermahlenen Nüssen und Erdnüssen im ersten Jahr erhöht das Risiko für Allergien nicht.


Mütter, die nicht stillen, brauchen umfassende Information zur Baby-Ernährung. Ein Stufensystem der Säuglingsmilchnahrung gewährleistet, dass das Kind die auf das jeweilige Alter abgestimmte Ernährung erhält. Nahrung, die mit „pre“ oder „1“ gekennzeichnet ist, kann dem Baby von Anfang an gegeben werden und ist in der Nährstoffzusammensetzung der Muttermilch am ähnlichsten. Ob gestillt oder mit der Flasche ernährt – sollte das Baby über einen längeren Zeitraum schlecht trinken, muss ein Kinderarzt konsultiert werden.

 

Mag. Christine Radmayr

Dezember 2018


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Kommentar

Gertraud Stöbich„Wir wollen Mütter gut begleiten und das Zutrauen in
ihre neue Rolle und das Stillen stärken.“

Gertraud Stöbich

International zertifizierte Still- und Laktationsberaterin
(IBCLC) DGKS, Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern

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Info

Hungersignale

Erste Hungerzeichen sind:

  •  Such- und Saugbewegungen oder Sauggeräusche
  •  Bewegung der Hand zum Mund
  •  rasche Augenbewegungen
  •  Schlecken an den Lippen
  •  Unruhe
  •  Weinen

    Nach dem Stillen ist der Säugling zufrieden. Unruhe bei satten Kindern kann auf Koliken oder andere
    Beschwerden hindeuten. Das Baby soll pro Woche 170 g oder mehr an Gewicht zunehmen. Nach drei, vier
    Monaten sollte es das Geburtsgewicht verdoppelt haben.


Bildquelle: shutterstock, privat

Zuletzt aktualisiert am 21. Dezember 2018