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Bub sitzt am Boden alleine

Mode-Diagnose Autismus?

Am 2. April ist Welt-Autismus-Tag. Die Entwicklungsstörung scheint in Schulen und Kindergärten überhand zu nehmen. Ein Linzer Experte klärt auf. 

Das Kind hat bestimmt Autismus." Immer öfter interpretieren Eltern, Erzieher und Lehrer das auffällige Verhalten von Mädchen und Buben in diese Richtung. "So einfach kann man das aber nicht sagen", möchte Primar Johannes Fellinger vom Konventspital der Barmherzigen Brüder in Linz für das Thema sensibilisieren. Im Gespräch mit den OÖNachrichten beantwortete der Leiter des Instituts für Sinnes- und Sprachneurologie die wichtigsten Fragen zum Thema Autismus:

 

Was ist Autismus?

Bei Autismus-Spektrum-Störungen ist die soziale Interaktion gestört. Betroffene können sich schlecht in andere Menschen hineinfühlen oder Freude teilen – sehr wohl aber Freude empfinden. Auch sich wiederholende Verhaltensmuster sind typisch.

Warum wurde der ursprüngliche Begriff um die Worte "Spektrum-Störung" erweitert?

Der Ausprägungsgrad ist von hellgrau bis ganz schwarz. Diese Spannbreite sollte einem immer bewusst sein.

Trügt der Eindruck, dass es heute mehr Betroffene gibt?

Diagnosen werden heute häufiger gestellt, weil das Bewusstsein für Autismus gestiegen ist. Inwieweit Umweltfaktoren oder höheres Alter von Vätern eine Rolle spielen, wird diskutiert. Etwa ein Prozent der Bevölkerung hat eine Autismus-Spektrum-Störung. Manche Experten sprechen von zwei Prozent, ich halte das aber für übertrieben. Da werden Diagnosen zu schnell gestellt.

Wie erkennen Eltern die Störung?

Diese Kinder teilen Freude und Interessen oft nicht. Sie scheinen nicht auf ihren Namen zu hören, spielen gerne allein. Sie werden oft als pflegeleicht wahrgenommen, reagieren aber heftig auf Veränderungen und Stress. Das Verhältnis Buben zu Mädchen ist 4:1.

Ab wann kann man eine Diagnose stellen?

Je früher, umso besser. Unser sehr effizientes Therapieprogramm ESDM (Early Start Denver Model) etwa richtet sich bereits an Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren. Leider haben wir viel zu wenige Plätze für betroffene Kinder, aber auch für Ältere. Die Diagnose sollte immer ein multiprofessionelles Team stellen.

Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung leben oft in ihrer eigenen Welt. Soll man sie dort einfach in Ruhe lassen?

Nein, es ist schon sinnvoll, die Kinder herauszufordern. Es geht darum, ihnen die Freude an menschlicher Kommunikation zu eröffnen. Ich erlebe, dass Betroffene gerne Teil der Gemeinschaft sind – aber auf ihre Weise.

Sind alle Autisten intelligent?

Nein, da gibt es die ganze Bandbreite. Die Hälfte lebt mit einer Intelligenzminderung. Autismus tritt auch oft in Kombination mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung), Depressionen oder Epilepsie auf.

Kann und soll ein Autist arbeiten?

Ja, gerade im Computerbereich ist das häufig der Fall, aber auch in anderen Teilen der Arbeitswelt. Entscheidend ist, dass der Chef von Herzen will, dass der Betroffene dort arbeitet. Man kann Begabungsgold in jedem Menschen mit Autismus entdecken. Wichtig ist es, Brücken zu bauen und nicht zu verurteilen. Familien mit autistischen Kindern brauchen viel Unterstützung, die Belastung für die Eltern ist hoch.

Kann Autismus auch durch das Umfeld entstehen?

Nein, die Störung ist genetisch bedingt. Doch wenn ein Kind vernachlässigt wird, kann es eine Form von Pseudo-Autismus entwickeln, die schwer von der eigentlichen Störung zu unterscheiden ist. Deshalb ist es so wichtig, schon mit dem Baby zu kommunizieren.

 

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Dietlind Hebestreit

Gesundheitsmagazin der OÖNachrichten

27. März 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020