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Eine Frau hält eine Rose vor einem Sarg mit Blumen

Letzte-Hilfe-Kurs – Hilfe bei Begegnungen mit dem Tod

Der Tod gehört zum Leben, er ist unausweichlich. Jeder hat den Verlust von geliebten Menschen zu verkraften, es kann daher sinnvoll sein, sich mit dem Thema zu befassen, damit man nicht völlig unvorbereitet ist, wenn es soweit ist. 

„Ebenso wie jedermann einen Erste-Hilfe-Kurs machen sollte, ist auch ein Letzter-Hilfe-Kurs wichtig. Anders als man denken könnte, nehmen viele Menschen solche Informationsveranstaltungen sehr gut an, denn sie haben ein Bedürfnis, sich mit dem Thema Tod auseinanderzusetzen und es nicht zu verdrängen. Es sind stets interessante und intensive Treffen, in denen es aber auch lustig zugeht, auch wenn das vielleicht absurd klingt“, sagt Dr. Martin Prein, Notfallpsychologe, ehemaliger Bestatter und Vortragender von Letzte-Hilfe-Kursen.

Folgende Punkte sind Schwerpunkte dieser Kurse: Abschied vom Verstorbenen, Leichentabu, selbstbestimmt die Verabschiedung gestalten, Umgang mit den Hinterbliebenen. 

Das Leichentabu 

Der Leichnam eines Menschen ist mit einem Tabu belegt. Dieses Tabu ist tief in der Menschheitsgeschichte verankert. Zum einen bestehen irreale Ängste, man findet einen Toten unheimlich und fürchtet sich vor seinem Geist. Mythen aller Art kamen und gingen, etwa, dass der Tod eines Menschen im sozialen Umfeld immer zwei weitere Todesfälle nach sich ziehen würde und man sich daher besser von dem Toten fernhalten solle. Zum anderen sollte dieses Tabu die Menschen vor Krankheiten schützen, da man lange Zeit an das Vorhandensein von Leichengiften glaubte oder man gar meinte, man könne sich am Tod eines anderen anstecken. „Früher durften etwa Schwangere einen Toten nicht einmal ansehen, denn dies sei gefährlich, hieß es. Selbst heute noch haben erfahrene Pfleger, die die Toten waschen, oft tiefsitzende Ängste, wie etwa, dass der Tote die Augen öffnen könnte und sie zu Tode erschrecken würde. Unabhängig davon gehen viele Menschen davon aus, dass der Geist des Toten noch im Raum sei und fürchten sich vor ihm“, so Prein, Doktor der Psychologie und Thanatologe (Wissenschaft vom Sterben und Tod). 

Abschied vom toten Körper 

In den Medien wird man zwar mit Bildern von Toten überschwemmt, doch in der Realität sind Tote unsichtbar. Sobald ein Mensch gestorben ist, wird er weggeschafft, damit ihn niemand sieht. Auch Angehörige bekommen einen Verstorbenen oft nicht mehr zu Gesicht. Während die einen den Verstorbenen so in Erinnerung behalten möchten, so wie sie ihn als Lebenden gekannt haben, ist für andere der Abschied vom toten Körper jedoch wichtig, um den Tod des geliebten Menschen besser zu realisieren und schließlich verarbeiten zu können. Prein: „Für die meisten Menschen ist es eine Herausforderung, einen Raum zu betreten, in dem sich eine Leiche befindet. Manche möchten den Leichnam sehen und ihn auch berühren. Das Betrachten und Berühren eines toten Körpers ist ein sehr seltener Augenblick im Leben und eine ungewöhnliche Erfahrung. Ob man das tun möchte, ist eine höchst private Entscheidung, die jeder Mensch für sich alleine treffen soll. Man sollte ihm diese Möglichkeit zwar anbieten, ihn jedoch in keiner Weise dazu drängen oder abraten.“ 

Angst vor dem Leichnam 

Oft ist es so, dass Angehörige den geliebten Verstorbenen noch ein letztes Mal vor der Beerdigung gerne berühren würden, es aber nicht tun, weil sie glauben, dass man das einfach nicht darf oder weil sie Angst oder sogar Ekel vor dem toten Körper haben, obwohl sie den Menschen geliebt haben. Bei manchen können deswegen auch Schuldgefühle aufkeimen. „Vielen geht es so und diese Empfindungen sind psychologisch gesehen normal und völlig in Ordnung. Es bedeutet nicht, dass ihre Beziehung nicht gut war oder dass keine Liebe vorhanden gewesen wäre. Das zu hören, ist für die Menschen immer sehr erleichternd“, sagt Prein. 

Das Recht sich zu verabschieden 

Stirbt jemand in der Familie, besteht oft hoher Zeitdruck, die Beerdigung zu planen und durchzuführen. In dieser emotionalen Ausnahmesituation ist man schnell überfordert. Prein: „Man wendet sich an ein Bestattungsunternehmen und dieses bestimmt oft die Vorbereitungen und den Ablauf der Beerdigung. Manche Angehörige sind erleichtert, dass ihnen die Verantwortung abgenommen wird, andere würden diese selbst gerne übernehmen. Oft trauen sich die Angehörigen nichts gegen den Bestatter zu sagen. Immer wieder höre ich Angehörige klagen, dass sie den Leichnam eigentlich noch einmal sehen wollten und ihnen ihr Wunsch verwehrt wurde mit der Begründung, es sei zu spät dafür. Dieser unerfüllte Wunsch bleibt dann für immer offen wie eine kleine Wunde. Leider lassen sich viele diese Behandlung gefallen. Diese Menschen wissen leider nicht, dass sie das Recht haben, sich vom Verstorbenen zu verabschieden und dass ein Bestatter dieses Recht nicht verwehren darf.“ 

Bestatter assistiert 

Rechtlich gesehen haben nahe Angehörige ein sogenanntes Totenfürsorgerecht. Es beinhaltet das Recht, den Ort der Grabstätte und auch die Gegebenheiten der Bestattung zu bestimmen (falls der Verstorbene das nicht selbst bestimmt hat). Dieser juristische Anspruch ist die eine Seite, die Realität oft eine andere. Der Schock und die Trauer machen einen oft hilflos. „Um seine Ansprüche durchzusetzen, muss man selbstbewusst auftreten. Es sollte einem klar sein, dass der Bestatter nur assistiert und für seine Leistungen gut bezahlt wird. Kurz gesagt: Wer zahlt, schafft an. Das ist bei Beerdigungen nicht anders als sonst im Leben“, hält Prein fest. 

Solidarität und Hilfe 

Wenn jemand stirbt, stehen die nächsten Angehörigen oft unter Schock und fühlen sich hilflos. In dieser Lebenssituation ist die Solidarität des sozialen Umfelds besonders wichtig. „Wenn man etwa als Freund oder Nachbar bemerkt, dass ein Angehöriger Hilfe braucht, dann sollte man seinen Beistand anbieten. Wenn man etwa hört, dass jemand klagt, dass die Beerdigung nicht so ablaufen wird, wie er sich das eigentlich wünscht, sollte man ihm helfen und seine Handlungsfähigkeit stärken“, so Prein.

Hilfe ist gut, Ratschläge dagegen kommen meist nicht gut an. Trauernde sind oft wie betäubt, manche können auf Ratschläge aber auch aggressiv reagieren. „Für Außenstehende mag das unangenehm sein, doch es wichtig, den Trauernden zuzugestehen, ihre Trauer und die Emotionen auch auszudrücken“, sagt der Notfallpsychologe. 

Umgang mit Hinterbliebenen 

Die meisten Menschen fühlen sich im Umgang mit Trauernden unsicher. Sie wissen nicht, was sie sagen sollen und wie sie sich verhalten sollen. Viele verspüren den Druck, etwas Tröstendes sagen zum müssen, sind aber sprachlos. „Am besten ist es, dem Betroffenen ehrlich und authentisch zu begegnen, ihm vielleicht zu sagen, dass man auch nicht weiß, was man sagen soll und selbst hilf- und sprachlos ist. Weder braucht man die eigene Hilflosigkeit zu verstecken, noch kann man dem anderen seinen Schmerz nehmen, egal was macht sagt oder tut. Man braucht also nichts besonders Kluges oder Mitfühlendes zu sagen, sondern dem anderen einfach seine Anteilnahme signalisieren. Keinesfalls sollte man dem Trauernden aus dem Weg gehen. Das fühlt sich für diesen und für einen selbst gleichermaßen schlimm an“, so Prein.

 

Buchtipp (Erscheinungstermin: 30. September 2019):

Prein, Martin, Groß, Anita: Letzte Hilfe Kurs. Weil der Tod ein Thema ist; Wien: Styria, 2019

 

Dr. Thomas Hartl

Juni 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020