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Epilepsie: Neues in Diagnose und Therapie

Fortschritte in Diagnose und Therapie ermöglichen bessere Heilungschancen und eine Reduktion von Schwere und Häufigkeit epileptischer Anfälle. 

Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen des Nervensystems, die durch eine Neigung des Gehirns zur Bildung von epileptischen Anfällen und das wiederholte Auftreten von Anfällen gekennzeichnet ist. Bei Epilepsie handelt es sich nicht um eine einzige Erkrankung, vielmehr sind epileptische Anfälle nur Symptom vieler verschiedener Erkrankungen bzw. Veränderungen des Gehirns, wobei epileptische Anfälle in vielen, unterschiedlichen Formen auftreten können. Häufig tritt sie nach vorangegangenen Erkrankungen oder Verletzungen des Gehirns (Schlaganfall, Trauma, Hirnhautentzündung) auf. So erleiden rund ein Viertel aller Schlaganfallpatienten in der Folge auch epileptische Anfälle. Bei rund einem Prozent der Bevölkerung treten epileptische Anfälle wiederholt auf, sodass die Diagnose einer Epilepsie gestellt werden kann.

Die diagnostizierten Fälle steigen seit Jahren an. In Österreich gehen die Schätzungen von bis zu 80.000 Betroffenen aus, jährlich kommen rund 3.000 Neuerkrankungen hinzu. Während die Anzahl der betroffenen Kinder stabil bleibt, nehmen die Neuerkrankungen der über 60-jährigen stark zu. Aufgrund der demographischen Entwicklung ist somit ein weiterer Anstieg in den kommenden Jahren zu erwarten. 

Ursachen besser verstehen 

Epilepsien können viele verschiedene Ursachen haben, wie etwa Störungen in der Hirnentwicklung, Stoffwechselstörungen, Störungen in der Zellregulation oder vorangegangene Schädigungen des Gehirns etwa durch Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Hirnhautentzündung etc. Auch Schwermetallbelastungen im Gehirn wurden nachgewiesen. „Dass Umweltbelastungen ursächlich sein könnten, wurde aber bisher nicht nachgewiesen. Insgesamt verstehen wir die Erkrankung immer besser und können daher besser therapieren“, sagt Univ.-Prof. Mag. Dr. Eugen Trinka, Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie in Salzburg und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie. 

Neue Diagnosemöglichkeit mit Magnetenzephalografie 

Üblicherweise wird zur Diagnose ein EEG (Elektroenzephalogramm) durchgeführt, wobei man die elektrische Aktivität des Gehirns messen und hier Zeichen einer „Übererregbarkeit“ von Nervenzellen, die epileptischen Anfällen zu Grunde liegt, feststellen kann. Mit dem MRT (Magnetresonanztomogramm) können zudem detaillierte Schichtbilder vom Gehirn angefertigt werden, um so mögliche strukturelle Veränderungen (Störungen der Hirnentwicklung, Tumore, zurückliegende Schlaganfälle, Gefäßveränderungen) zu entdecken, die ebenfalls epileptischen Anfälle verursachen.

Zu diesen und anderen bewährten Diagnosemöglichkeiten könnte sich in Zukunft auch die Magnetenzephalografie (MEG) gesellen, die die magnetische Aktivität des Gehirns erfasst. Mittels Sensoren lassen sich teils sogar schwache magnetische Felder in tieferen Hirnregionen messen. „Magnetische Felder im Gehirn sind gut messbar. Der Vorteil dieser Methode ist, dass man zum Teil mehr erkennt als im EEG. Wo das EEG versagt, kann das MEG die betroffenen Teile oft sichtbar machen“, sagt Trinka.

MEG kommt dann zur Anwendung, wenn eine Operation erwogen wird, weil mit Medikamenten keine Anfallskontrolle erzielt werden konnte. Sie dient zur Lokalisation des Herdes, der für die epileptischen Anfälle verantwortlich sein dürfte. „Diese Art der Untersuchung ist für den Patienten ungefährlich und erspart so manchen eine risikoreichere Untersuchung, etwa wenn ansonsten Elektroden unmittelbar auf oder in die Tiefe des Gehirns mittels eines operativen Eingriffs eingebracht werden müssten“, sagt der Neurologe.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist ein Diagnoseverfahren mittels Magnetenzephalografie jedoch noch nicht üblich, in Österreich befindet sich ein solches Gerät bisher ausschließlich in Salzburg. „Es handelt sich um eine innovative Technik mit Zukunft, allerdings ist sie aufwändig und nur für bestimmte Patienten geeignet. Diesen eröffnen sich hierdurch bessere Behandlungsmöglichkeiten“, sagt Trinka. 

Neues aus der Therapie 

Dank der Fortschritte in Diagnostik und Therapie kann immer mehr Patienten geholfen werden. Etwa zwei Drittel der Patienten erreichen durch die tägliche Einnahme von Antiepileptika Anfallsfreiheit. Die Hälfte dieser Menschen kann wiederum die Medikamente mit der Zeit reduzieren und schließlich absetzen, ohne Rückfälle zu erleiden. Bei jenem Drittel, das trotz adäquater Einnahme von Medikamenten nicht anfallsfrei wird, besteht jedoch ein hoher Leidensdruck und eine wesentliche Einschränkung der Lebensqualität. Darüber hinaus haben diese Patienten auch eine erhöhte Sterblichkeit. „Bei diesen Menschen sollte man unbedingt eine Operation in Betracht ziehen. Dadurch kann bei etwa der Hälfte dieser Patienten Anfallsfreiheit erzielt werden“, so Trinka.

CBD: Eine neue Option in der medikamentösen Therapie epileptischer Anfälle stellt der Cannabis-Inhaltsstoff Cannabidiol (CBD) dar. Eine kürzlich publizierte randomisiert-kontrollierte Studie bescheinigt dem CBD-Medikament Epidiolex bei zwei seltenen und schweren frühkindlichen Epilepsiesyndromen eine vergleichbare Wirksamkeit, wie sie etablierte und gut wirksame Antiepileptika aufweisen. Das neue Medikament dürfte bald auch in Österreich erhältlich sein. Prof. Trinka warnt – im Gegensatz zu diesem Medikament, das ausschließlich den Wirkstoff Cannabidiol in vordefinierter Dosis enthält – vor den frei verkäuflichen CBD-Produkten, die in Hanfshops und im Internet beworben und angeboten werden: Diese seien teuer, würden aber nicht wirken. Problematisch sei vor allem, dass die tatsächliche Menge des Wirkstoffes Cannabidiol in diesen Produkten nicht konstant sei und teils starke Schwankungen aufweise.

Ketogene Diät: Ergänzend zur medikamentösen Therapie kann bei bestimmten Patienten auch eine ketogene Diät versucht werden. Hierbei handelt es sich um eine Ernährungsform mit extrem hohem Fettanteil, die durch Spezialisten (Ärzte, Diätologen) zusammengestellt und kontrolliert werden muss. Durch die reduzierte Zufuhr von Kohlenhydraten stellt sich der Stoffwechsel auf die optimale Energiegewinnung aus Fetten um. Sogenannte Ketonkörper werden aus Fetten gebildet, die das Gehirn direkt zur Energiegewinnung nutzen kann. Hierdurch können Anfälle, wie Studien belegen, insbesondere bei Kindern mit speziellen Epilepsiesyndromen reduziert werden. „Diese Diät kann bei ausgewählten Patienten dann ausprobiert werden, wenn Medikamente nicht ausreichend helfen. Sie ist also nicht die erste Wahl der Therapie. Manche Kinder mit speziellen Epilepsiesyndromen sprechen sehr gut darauf an, aber auch Erwachsenen kann dies in Einzelfällen sehr gut helfen“, sagt Trinka. 

Operation 

Eine operative Epilepsiebehandlung kommt in Betracht, wenn durch eine medikamentöse Therapie keine Anfallskontrolle erzielt werden kann. Der Kernpunkt einer gelungenen Operation ist die sorgfältige Evaluierung vor dem Eingriff. Dabei sind laut Trinka drei Kriterien entscheidend, die auch Voraussetzung für einen operativen Eingriff sind: Der Anfallsursprung im Gehirn muss (zweifelsfrei) gefunden werden. Zweitens muss die betreffende Stelle, der „Anfallsherd“, entfernt werden können, ohne dass wichtige Hirnfunktionen verletzt werden. Drittens muss die realistische Chance auf Herstellung einer Anfallsfreiheit bestehen.

Die Beurteilung dieser Kriterien bedarf einer genauen Diagnostik in einem dafür spezialisierten Epilepsie-Zentrum. Die Entscheidung, ob alle drei Kriterien erfüllt sind, wird im Rahmen einer interdisziplinären Besprechung in einem Team bestehend aus Neurologen, mit Erfahrung auf dem Gebiet der Epilepsie, Neurochirurgen, Neuroradiologen und Neuropsychologen getroffen.

„Patienten, Angehörige und auch Ärzte haben oft große Vorbehalte gegen die Operation. Wenn Medikamente aber nicht wirken, empfehle ich dringend, diese Möglichkeit in Erwägung zu ziehen. Eine Operation stellt im Gegensatz zur medikamentösen Therapie eine mögliche Heilungschance dar und kann auf Dauer die jahrelange Einnahme einer Vielzahl von Medikamenten und viel Leid ersparen. Leider wird diese Möglichkeit zu selten und oft erst sehr spät ergriffen. Wer sich für eine operative Behandlung interessiert, sollte sich von einem Arzt an eines der darauf spezialisierten Zentren in Salzburg, Wien, Linz oder Innsbruck überweisen und dort beraten lassen“, rät Trinka. 

Vagus-Nerv-Stimulation 

Führt keine der genannten Methoden zu einer zufriedenstellenden Anfallskontrolle, oder lässt sich kein Anfallsherd identifizieren, der einem operativen Eingriff zugänglich ist, gibt es eine weitere nicht medikamentöse Therapie, um die Anfallssituation zu verbessern: die Vagus-Nerv-Stimulation. Bei dieser etablierten Methode erfolgt die regelmäßige Reizung des Vagus-Nervs mittels elektrischer Impulse, die durch ein elektrisches Gerät, das unterhalb des Schlüsselbeins unter die Haut implantiert wird, erzeugt werden. Der Vagus-Nerv bildet als Teil des Parasympathikus zusammen mit dem Sympathikus das vegetative (oder auch autonome) Nervensystem. Dabei handelt es sich um jenes Nervensystem, das ohne unser willentliches Zutun wichtige Prozesse im Körper, wie Blutdruck, Herzfrequenz, Verdauung etc. steuert. Im Gegensatz zum Sympathikus, der unseren Körper in „Alarmbereitschaft“ versetzt, indem er Herzschlag und Blutdruck erhöht, übernimmt der Parasympathikus den „Entspannungsteil“. Durch die regelmäßige elektrische Reizung dieses Nerven werden die „Übererregbarkeit“ im Gehirn und somit Anfälle reduziert, auch wenn Anfallsfreiheit alleine durch diese Methode nicht erzielt werden kann. „Bei 50 Prozent der Patienten, bei denen diese Methode versucht wird, hat sie Erfolg und verringert die Anfallshäufigkeit“, sagt der Neurologe. Seit kurzem ist eine Vagus-Nerv-Stimulation auch nicht-invasiv (ohne Implantat) möglich. Ebenfalls relativ neu sind Methoden der Hirnstimulation, bei denen Elektroden direkt ins Gehirn implantiert werden.

 

Dr. Thomas Hartl

Juli 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020