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Chirurg operiert

Wie Baby "Paul" Mediziner trainiert

Mit dem Frühgeborenen-Simulator Paul lassen sich schwierige Situationen trainieren – weil er realistisch aussieht und sich auch so verhält, ist das Training besonders effektiv.

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Frühgeborene brauchen besondere Behandlung – mit dem Patientensimulator kann man Notfallsituationen trainieren.

Jedes zehnte Kind kommt zu früh zur Welt. Oftmals haben diese Babys mit schweren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen: Gehirn, Augen, Lunge, Herz und/oder der Magen-Darm-Trakt sind oft noch nicht vollständig entwickelt. Die Neugeborenen brauchen besondere Therapie und Betreuung. Vor allem die Versorgung dieser Kinder nach der Geburt ist hochkomplex, zeitkritisch und damit sehr anspruchsvoll. Da muss jeder Handgriff sitzen.

"Um zum Beispiel ein Frühgeborenes zu intubieren, also einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre zu legen, braucht man viel Geschick und Erfahrung", erklärt Kinderarzt Jens-Christian Schwindt. Er hat 15 Jahre im AKH Wien in der Akut-Neonatologie tagtäglich kritisch kranke Früh- und Neugeborene versorgt. Von Beginn an hat er sich auch mit Fragen der Ausbildung und Patientensicherheit beschäftigt. Um kritische Situationen trainieren zu können, brauche man realistische Patientensimulatoren. "Und weil es diese für Frühgeborene einfach nicht gab, haben mein Team und ich Paul entwickelt", sagt der Mediziner.

Zuerst war es ein Uni-Projekt, 2012 gründete er die Firma SIMCharacters in Wien, Baby Paul kam 2017 zur Welt. Er ist 35 Zentimeter lang, etwa 1000 Gramm schwer: "Paul entspricht einem Frühgeborenen der 27. Schwangerschaftswoche mit hochtechnologischem Innenleben", sagt Schwindt. Seine äußere und innere Anatomie sei hochrealistisch. Aber nicht nur das. Paul sieht aus wie ein echtes Baby und verhält sich auch so. "Die meisten Patientensimulatoren erinnern eher an Puppen. Das Training selbst wird daher häufig als wenig realistisch wahrgenommen. Wir wollten einen Simulator entwickeln, der ein Training unter hochrealistischen Bedingungen erlaubt. Dann lässt sich das Gelernte in der Realität auch viel leichter abrufen", erklärt der Neonatologe.

Paul heißt er übrigens, "weil ich den Namen nett fand und weil er von seinem lateinischen Ursprung ,der Kleine’ bedeutet", so Schwindt. Das passe gut zu einem Frühgeborenen.

Dass es ein Bub und nicht ein Mädchen wurde, hat auch einen Grund. "Frühgeborene Buben haben ein schlechteres Outcome, also geringere Überlebenschancen und auch mehr Folgeerkrankungen." Paul bleibe aber kein Einzelkind. "Der nächste Simulator wird auch sicher ein Mädchen."

Weltweit sind derzeit rund 50 Paul-Simulatoren im Einsatz, vier davon in Österreich: in Wien, Salzburg, Klagenfurt und St. Pölten. "Regelmäßiges Simulations-Training ist in anderen Hochsicherheitsbereichen wie der Luftfahrt ein entscheidender Faktor in der Aus- und Weiterbildung. In der Luftfahrt ist das Training sogar verpflichtend vom Gesetzgeber vorgeschrieben", sagt Schwindt, der eine Mission verfolgt. "Die moderne Medizin ist so komplex geworden, dass sie medizinische Teams jeden Tag in schwer beherrschbare Situationen bringt. Diese seltenen Notfallsituationen müssen auch in der Medizin zwingend regelmäßig trainiert werden."

Mit dem Frühgeborenen-Simulator Paul lassen sich schwierige Situationen trainieren – weil er realistisch aussieht und sich auch so verhält, ist das Training besonders effektiv.

 

Logo OÖNachrichtenClaudia Riedler

Gesundheitsmagazin der OÖNachrichten

17. Juli 2019 

 

Bild: SIMCharacters

 

 

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020