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Mann bekommt eine Impfung

Impfungen kein Risikofaktor für Multiple Sklerose

Daten von über 12.000 Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose (MS) dienten als Grundlage einer Studie, die das Impfverhalten der deutschen Bevölkerung im Zusammenhang mit MS untersuchte, berichtete die Technischen Universität München (TUM) in einer Presseaussendung Ende Juli 2019. Sie zeigte, dass sich MS-Erkrankte fünf Jahre vor der Diagnose statistisch seltener impfen ließen als Vergleichsgruppen. Ein Zusammenhang zwischen Impfungen und dem Auftreten von MS scheint somit unwahrscheinlich, si die TUM zu ihrer Untersuchung. 

Man geht heute davon aus, dass die MS eine neurologische Autoimmunerkrankung ist, bei der das Immunsystem das Gehirn und Rückenmark attackiert, so die TUM. Sie tritt vermehrt bei jungen Menschen bis zum 40. Lebensjahr auf. Als Risikofaktoren werden auch Impfungen diskutiert. Prof. Dr. Bernhard Hemmer, Direktor der Neurologischen Klinik und Poliklinik am TUM-Universitätsklinikum rechts der Isar, hat mit einem Team aus Wissenschaftlerder medizinischen Fakultät und der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) nun einen großen bevölkerungsrepräsentativen Datensatz der KVB von über 200.000 Personen ausgewertet, darunter mehr als 12.000 MS-Erkrankte. Die Studie wurde im Fachjournal „Neurology“ veröffentlicht. 

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Geringere Impfraten bei MS-Erkrankten 

Es zeigte sich, dass Personen fünf Jahre vor einer MS-Diagnose weniger Impfungen bekommen hatten, als Vergleichsgruppen, die keine MS entwickelten. Dies galt für die untersuchten Impfungen gegen Pneumokokken, Meningokokken, Mumps, Masern, Röteln und Windpocken, das Humane Papilloma Virus (HPV), Hepatitis A und B, FSME und Grippe. Bei den drei letztgenannten Impfungen fiel der Effekt besonders deutlich aus: Hier ließ sich die Kontrollgruppe deutlich häufiger impfen als die späteren MS-Patientinnen und -Patienten.

„Die Ursachen kennen wir noch nicht. Vielleicht nehmen Menschen lange vor ihrer Diagnose die Krankheit wahr und verzichten deshalb auf zusätzliche Belastungen für das Immunsystem. Solche Effekte zeigen sich auch in unseren Daten. Oder die Impfung hat einen protektiven Effekt und hält das Immunsystem von Attacken gegen das Nervensystem ab. Letztlich können wir aufgrund der großen Datenmenge klar sagen, dass es keinen Hinweis darauf gibt, dass sich die Wahrscheinlichkeit für eine MS-Erkrankung oder das Auftreten eines ersten MS-Schubs durch Impfungen unmittelbar erhöht“; erklärt Dr. Alexander Hapfelmeier, Erstautor der Studie. 

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Effekt nicht bei Morbus Crohn und Schuppenflechte sichtbar 

Die Forscherinnen und Forscher wollten zudem ausschließen, dass die Ergebnisse ein grundsätzlicher Effekt von chronischen Krankheiten sein könnten. Sie werteten deshalb zusätzlich die Daten von zwei weiteren Patientengruppen aus: Menschen mit der entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn und mit der chronischen Hautkrankheit Schuppenflechte. Auch bei ihnen waren die Impfungen fünf Jahre vor ihrer Diagnose erfasst worden. 

Diese Patientinnen und Patienten ließen sich aber ähnlich oft impfen wie die gesunde Kontrollgruppe. „Die Ergebnisse sind nicht allein auf eine chronische Krankheit zurückzuführen, sondern ein MS-spezifisches Verhalten“, sagt Hemmer. Auch aus anderen Studien sei bekannt, dass MS-Erkrankte lange vor Diagnose gesundheitlich belastet seien: „Sie leiden zum Beispiel häufiger an psychischen Erkrankungen und bekommen seltener Kinder. All das macht deutlich, dass die MS lange vor den neurologischen Symptomen da ist. Wir müssen geeignete Marker finden, um sie früher zu diagnostizieren. Das sehen wir als eine unserer wichtigsten Aufgaben.“ 

Die Daten für die oben genannte Studie stammen von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB). Wichtig waren bei der Auswahl der MS-Gruppe auch die Kriterien: die Menschen mussten einen Neurologen besucht haben, eine zweimalige MS-Diagnose erhalten haben, in dem untersuchten Fünfjahreszeitraum in Bayern gelebt haben und es durfte in dieser Zeit auch kein Verdacht auf MS in ihrer Krankengeschichte aufgetreten sein. 


Mag. Christian Boukal / TUM

August 2019


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020