DRUCKEN
Pillen Tabletten

Nahrungsergänzungsmittel: Geschäft mit der Angst um die Gesundheit

Gesund bleiben oder werden ist eines der wichtigsten menschlichen Bedürfnisse. Die damit verbundene Sorge um die Gesundheit und die Angst vor Krankheiten lassen viele zu Nahrungsergänzungsmittel greifen. Eine oft teure Investition, die sich aber nur lohnt, wenn ein tatsächlicher Mangel vorliegt. 

Nahrungsergänzungsmittel (NEM) dienen der Ergänzung der normalen Ernährung. Darunter fallen Vitamine und Mineralstoffe, aber auch Fettsäuren (Omega 3, Omega 6), vitaminähnliche Substanzen (wie Coenzym Q10), Eiweißbestandteile (wie L-Carnitin), Ballaststoffe und sonstige Inhaltsstoffe wie Algen oder probiotische Kulturen. Es handelt sich generell um Nährstoffe, die auch in Lebensmitteln vorkommen, jedoch in konzentrierter Form und oft in hoher Dosierung. Schüssler-Salze und Bachblüten zählen nicht zu den NEM. 

up

Keine Medikamente 

Nahrungsergänzungsmittel sind keine Medikamente. Anders als Arzneimittel sind NEM nicht zur Heilung oder Vorbeugung von Krankheiten geschaffen. Ein Nahrungsergänzungsmittel darf keine pharmakologische Wirkung haben. Hätte ein Produkt eine derartige Wirkung, müsste es als Arzneimittel zugelassen werden. Da NEM als Lebensmittel gelten, durchlaufen sie auch nicht das aufwändige Zulassungsverfahren von Medikamenten, bevor sie auf den Markt gelangen. Eine Anmeldung oder Registrierung von NEM ist in Österreich nicht verpflichtend. Alle diese Präparate sind hierzulande frei verkäuflich, also nicht nur in Apotheken erhältlich. 

up

Werbung wirkt 

NEM werden offensiv beworben. Egal ob Fernsehen, Zeitung oder Internet, diese Mittel sind allgegenwärtig. „Es ist ein Riesengeschäft und ein großer Werbefaktor der pharmazeutischen und der Lebensmittelindustrie. Auch die Apotheken verdienen damit viel Geld. Diese Sachen werden sehr gut vermarktet. Man sollte sich von der Werbung aber nicht einreden lassen, dass man all diese Produkte wirklich benötigen würde. Nur wenn ein bestimmter Mangel erwiesen ist, machen diese Produkte Sinn“, sagt OA Dr. Stefan Ebner, Interimistischer Leiter der Klinik für Interne 2 am Kepler Universitätsklinikum Linz. 

up

Krankheitsängste ausgenützt 

Gesünder, fitter und sogar jünger sollen NEM machen, so lauten die unterschwelligen oder offenen Werbebotschaften. Diese Versprechen treffen auf offene Ohren, denn Gesunde wollen gesund bleiben und Kranke gesund werden. Sehr häufig werden diese Mittel auch genommen, wenn man sich nicht wohl fühlt und hofft, dass die Pillen und Pulver dies ändern.

In vielen Fällen werden diese Produkte auch dann gekauft und eingenommen, wenn keinerlei Nährstoffmängel vorliegen und deren Nutzen daher fragwürdig ist. Ein häufiges Motiv dafür sind Krankheitsängste. Diese Ängste können nur leicht ausgeprägt sein, aber auch in den Bereich schwerer Hypochondrie fallen. Menschen mit Krankheitsängsten geben oft viel Geld aus, um ihre Ängste durch die Einnahme von NEM aller Art zu beruhigen. 

up

Ausgewogene Ernährung 

Wirklich wichtig ist eine ausgewogene, bewusste und daher gesunde Ernährung. Ebner: „Wer sich ausgewogen ernährt, braucht im Normalfall keinerlei Supplemente. Umgekehrt kann eine Einnahme von Nahrungsergänzungsmittel eine abwechslungsreiche Ernährung nicht ersetzen oder ausgleichen.“ 

up

Mängel feststellen lassen 

Wenn man NEM einnehmen möchte, sollte man das nur nach Rücksprache und Empfehlung eines fachkundigen Arztes oder Diätologen tun. Dieser wird anhand einer Blutuntersuchung feststellen, ob ein bestimmter Mangel an Vitaminen etc. vorliegt oder nicht. „Man sollte Nahrungsergänzungsmittel nur dann einnehmen, wenn ein Mangel auch nachgewiesen wurde. Da ein solcher aber nur selten vorliegt, ist der Kauf solcher Präparate in vielen Fällen reine Geldverschwendung“, sagt Ebner. 

up

Sinnvoller Einsatz von Supplementen

In bestimmten Fällen kann der gezielte Einsatz von Supplementen jedoch durchaus sinnvoll oder sogar nötig sein. Das betrifft:

  • Schwangere: Hier ist häufig die Einnahme von Eisen und manchmal von Vitaminen angebracht.
  • Menschen nach einem chirurgischem Eingriff bei Adipositas. Hier ist eine Supplementierung immer nötig.
  • Generell dann, wenn ein Mangel festgestellt wurde. Häufige Mängel zeigen sich vor allem bei Vitamin D in den Wintermonaten. „Vor allem ältere Frauen, die zur Osteoporose neigen, sind von einem Mangel betroffen. Man sollte sich jedoch vor einer Übersubstitution hüten, denn auch davon kann man krank werden“, sagt Ebner.
  • Vegetarier und Veganer: Bei ausgewogener Ernährung mit viel Gemüse, Hülsenfrüchte etc. besteht meist kein Bedarf an Nahrungsergänzungsmitteln. Eine Ausnahme ist Eisen, hier liegt häufig ein Mangel vor, der ausgeglichen werden sollte. Fallweise liegt auch ein Mangel an B-Vitaminen vor. 
up

Fragwürdige Einsatzgebiete 

Vitamin C: Viele Menschen nehmen vor allem in der kühleren Jahreszeit immunstärkende Präparate, vor allem Vitamin C, zu sich. „Gegen Vitamin C-Präparate kann man aus medizinischer Sicht nichts einwenden, man kann da nichts falsch machen, denn der Körper scheidet überflüssiges Vitamin C einfach wieder aus. Die Frage ist aber, ob es wirklich nützlich ist und auch hier lautet die Antwort der evidenzbasierten Medizin: Nur wenn ein Mangel festgestellt wurde. Und das ist bei Vitamin C kaum einmal der Fall, da es in Obst und Gemüse ausreichend vorhanden ist“, sagt Ebner.

Entzündungen: Häufig wird behauptet, dass bestimmte Nahrungsergänzungsmittel Entzündungen im Körper vorbeugen oder vermindern könnten. „Es gibt jedoch keine Daten, die diese Behauptung belegen würden“, so der Internist.

Chronische Schmerzen: Patienten mit jahrelanger Schmerzerfahrung nehmen auf der verzweifelten Suche nach Linderung ihrer Qualen häufig viele verschiedene Nahrungsergänzungsmittel ein. Sie tun das, weil fallweise die Ansicht publiziert wird, dass Schmerzpatienten an verschiedenen Mängeln leiden würden. „Das trifft in der Regel aber nicht zu. Schmerzen verursachen keine Mängel an Vitaminen und Spurenelementen. Oft wird auch behauptet, das Vitamin B die Schmerzwahrnehmung senkt, dafür gibt es aber keine wissenschaftlichen Daten“, sagt Ebner. 

up

Gefahr von Überdosierung und Wechselwirkungen 

Liegt kein Nährstoffmangel vor, können NEM unerwünschte Wirkungen mit sich bringen. „Man sollte sich der Gefahr von Überdosierungen und Wechselwirkungen mit Medikamenten bewusst sein, denn es besteht die reale Gefahr, davon krank zu werden. Oft kommt es zwar bloß zu Verdauungsproblemen, es kann aber auch zu Elektrolytstörungen, Muskelkrämpfen oder Herzrhythmusstörungen kommen. Häufig treten sehr unspezifische Symptome auf und nur selten kommt man dann auf die Idee, dass diese Probleme von der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln herrühren könnten“, hält Ebner fest.

Ein weiteres Problem ist, dass viele Menschen mehrere NEM gleichzeitig einnehmen. Treten Beschwerden auf, lässt sich nicht nachvollziehen, woher konkret das Problem kommt. Wegen möglicher Wechselwirkungen mit NEM sollte man einem Arzt bei der Verschreibung von Medikamenten immer auch alle Nahrungsergänzungsmittel aufzählen, die man einnimmt. Und zwar gleichgültig, ob die diese vom Arzt verschrieben oder rezeptfrei in Drogerien oder Apotheken gekauft wurden.

 

Dr. Thomas Hartl

März 2020


Bild: shutterstock



Zuletzt aktualisiert am 04. März 2020