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Frau geht über eine lange Hängebrücke

Konfrontationstherapie: Schritt für Schritt aus der Angst

Sich den eigenen Ängsten zu stellen, braucht Mut. Im Rahmen einer Konfrontationstherapie kann man lernen, sich Schritt für Schritt aus seinen Ängsten zu befreien, um wieder mehr Vertrauen und Lebensfreude zu erlangen. 

Man unterscheidet eine Vielzahl an Angststörungen, angefangen von spezifischen Phobien (Angst vor bestimmten Dingen oder Situationen wie beispielsweise vor Höhe, Dunkelheit oder dem Fliegen) bis hin zur generalisierten Angststörung. Auch die Palette von Therapiemöglichkeiten ist breit gestreut, sie reicht von verschiedenen Formen der Psychotherapie bis hin zur medikamentösen Therapie. 

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Angst vor dem eigenen Befinden 

Eine der erprobtesten Therapieformen bei Angststörungen ist die Konfrontationstherapie. Sie wird vor allem bei Phobien eingesetzt, speziell bei der Agoraphobie (mit und ohne Panikattacken). Bei einer Agoraphobie fürchtet man verschiedene Situationen ohne sofortige Fluchtmöglichkeit bzw. ohne Vertrauenspersonen – wie etwa Menschenmengen, bestimmte Räume oder Orte im Freien, vor allem auch allein Reisen und Reisen mit weiter Entfernung von zu Hause.

„In Wahrheit fürchtet man sich aber weniger vor der Situation oder dem Ort an sich, sondern vielmehr vor den eigenen Symptomen, die auftreten könnten, wenn man die Situation oder den Ort aufsuchen würde. Die Angst bezieht sich auf die eigenen potenziellen Beschwerden, und die auf Unfähigkeit, damit umzugehen. Im Grunde fürchtet man sich vor sich selbst: Davor, dass man Angstsymptome bekommt und diese nicht ertragen kann“, sagt Dr. Hans Morschitzky, Psychotherapeut und Angstspezialist in Linz.

Typische Beschwerden, die durch Angst ausgelöst werden können und vor denen man sich daher fürchtet sind: erhöhte Herzfrequenz, Schweißausbruch, Beklemmungsgefühl, Zittern, Atembeschwerden, Übelkeit, Schwindel, das Gefühl, neben sich zu stehen (Depersonalisation), Angst vor Kontrollverlust, Angst, verrückt zu werden, Angst vor Panikattacken bis hin zur Angst zu sterben. 

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Schritt für Schritt 

Eine mögliche Konfrontation mit den gefürchteten Situationen kann Angstpatienten erst recht Angst machen. Oft reicht ein bloßer Gedanke daran aus, um körperliche Beschwerden zu spüren. Morschitzky: „Es ist daher wichtig, diese Therapiemöglichkeit zu verstehen, um sie für sich nutzbar machen zu können. Es geht nicht darum – wie es in manchen Fernsehshows vermittelt wird –, dass man sich sofort eine Riesenspinne auf die Hand setzt oder auf den höchsten Turm steigt. Solche Aktionen sind meist sogar kontraproduktiv. Pure Konfrontation mit Angstsituationen hat wenig Sinn und ist nicht heilsam.“ Sich der gefürchteten Situation tatsächlich zu stellen, sollte erst der letzte Schritt der Therapie sein. Zuerst stellt man sich im Geist seinen Ängsten, dann trainiert man mental, und erst dann kann man sich an der Realität erproben, falls man dazu wirklich bereit ist. 

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Konfrontation mit sich selbst 

Zunächst bedeutet Konfrontation, sich selbst zuzuwenden. Man konfrontiert sich mit den eigenen Gefühlen und den unangenehmen Körperempfindungen, die bei Angst auftreten. Man sieht sich die eigenen Ängste offen und ehrlich an, stellt sich der eigenen Verletzlichkeit und der Möglichkeit des Verlustes auf allen Ebenen; also dem Verlust von Gesundheit, Ansehen, Beziehung, Besitz und auch Leben. Man sollte sich gedanklich auch dem Risiko stellen, dass alles schief gehen kann, wenn man mutig ist, etwas zu wagen. Und man sollte das Szenario durchdenken, was passieren wird, wenn man sich nie ändern würde. All das bedeutet echte Konfrontation mit sich selbst und dem eigenen Leben. 

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Mentales Training 

Der Weg heraus aus seinen Ängsten besteht darin, zu erlernen, mit den Symptomen besser umzugehen. Auch dies geschieht zuerst in der Vorstellung. Der zweite Baustein einer guten Konfrontationstherapie besteht daher in mentalem Training. Dabei lernt man mit den bedrohlichen inneren Bildern, den angstbesetzten Situationen und den gefürchteten Symptomen im Geiste besser umzugehen.

„Ich ermutige meine Patienten, sich den verschiedenen Situationen des Lebens zu stellen. Dazu ist es nötig, dass sie sich wieder selbst zu vertrauen lernen. Das kann man mit bestimmten Übungen durchaus lernen. Auf sich selbst zu vertrauen heißt, die angstbesetzte Situation selbstständig zu meistern und nicht mehr auf Medikamente, pflanzliche Mittel, Handy, Psychotherapeuten, Verwandte oder Partner angewiesen zu sein“, sagt Morschitzky. 

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Handeln statt vermeiden 

Das Gegenteil von selbstbestimmtem Agieren heißt Vermeiden. Ständiges Vermeiden macht einen letztendlich depressiv, weil man nicht das gemacht hat in seinem Leben, was man eigentlich wollte, sich aber nicht traute. Man sollte sich folgende Fragen stellen: Wonach sehne ich mich? Was würde ich gerne tun, habe es aber aufgrund meiner Ängste unterlassen? Will ich leben oder weiterhin vermeiden?

Der dritte Schritt der Therapie besteht daher darin, das eigene Vermeiden hinter sich zu lassen und ins Handeln zu kommen. „Der Patient kann das Hineingehen in bestimmte Situationen auch üben, entweder allein oder in Begleitung eines Therapeuten. Wichtig ist es nicht, dabei keine Angst zu haben, sondern mit der Angst mutig zu handeln und der Angst auf diese Weise bewusst ins Gesicht zu blicken. Das nimmt der Panik alle Macht“, sagt der Therapeut. 

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Handeln trotz und mit Angst 

Bei der realen Konfrontation, also dem Schritt in die vermeintlich gefährliche Situation, sollte aber nicht die Angst im Fokus stehen, sondern die Freude. Freude, endlich wieder das zu tun, was einem wichtig ist. Es geht darum, wieder positive Eindrücke und Erfahrungen zu bekommen. Man lernt dabei, seinem Körper wieder zu vertrauen und bekommt die Gewissheit, dass man die Symptome aushält und dass sie mit der Zeit leichter werden und sogar verschwinden.

„Man darf Angst haben, toleriert die möglichen Beschwerden, aber man macht es trotzdem, weil es einem eben wichtig ist. Dieses Tolerieren und das Handeln trotz und mit den Angstsymptomen ist ein entscheidender Schritt. Mit jedem Sich-der-Angst-Stellen lernt man besser mit der Situation und möglichen Beschwerden umzugehen. Das ist der Weg zu Freiheit und Autonomie“, sagt Morschitzky. 

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Fokus auf Erfreuliches lenken 

Ziel einer Konfrontationstherapie ist letztendlich, wieder positive Erfahrungen zu machen. Eine Konfrontation hat umso mehr Sinn, je deutlicher man weiß, wofür man diese eingeht, welche Wünsche man sich dann erfüllen kann, wenn man der „Gefahr“ nicht aus dem Weg geht, sondern sie aufsucht.

Kommt man ins Handeln, ist es wichtig, sich nicht auf das eigene Befinden zu konzentrieren, sondern darauf, was für einen wichtig ist. Will man beispielsweise Ski fahren und muss dafür in eine Gondel einsteigen (wovor man sich fürchtet), dann sollte man sich auf die herrliche Landschaft, die Sonne und die Schwünge im Schnee fokussieren. Man sollte sich auf die Situation auch schon im Voraus einstimmen und sich etwa sagen: In meiner Jugend war das Betreten einer Gondel kein Problem. Ich habe diese Tage immer genossen. Ich will das wieder erleben und ich werde es wieder erleben. Sollten Beschwerden auftreten, werde ich diese ohne Zweifel aushalten. Sie werden mich nicht davon abhalten, wieder Spaß und Freude in meinem Leben zu haben.


Dr. Thomas Hartl

März 2020


Bild: shutterstock



Zuletzt aktualisiert am 09. März 2020