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Schwangere mit Maske

Schwanger durch die Corona-Krise

Nur wenige Daten gibt es bisher zur Frage, ob und wie eine SARS-CoV-2-Infektion eine Schwangerschaft und die Gesundheit von Mutter und Kind beeinflusst. Bleibt als Vermutung, dass Schwangere weder häufiger erkranken als gleichalte, nicht schwangere Frauen, noch dass die Infektion bei ihnen schwerer verlaufen würde, berichtet die deutsche Ausgabe der Medizinplattform medscape.com.

Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und des bundesdeutschen Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF), die sich an Ratschlägen des britischen Royal Board and College for Obstetrics and Gynecology orientieren, stützen sich auf bislang veröffentlichte Daten. 

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Kein erhöhtes Risiko durch die Schwangerschaft 

Aber das reicht nicht aus: „Sämtliches Wissen über COVID-19 und Schwangerschaft, über das wir verfügen, stützt sich auf 55 publizierte Schwangerschaften und 46 Neugeborene“, erläuterte Dr. Carsten Hagenbeck, Oberarzt am Perinatalzentrum des Universitätsklinikums Düsseldorf. „Man hat das Gefühl, fast keine Daten zu haben“, so der Experte. „In groben Umrissen können wir im Moment allerdings sehen, dass unsere eigenen Erfahrungen diese Publikationen bisher bestätigen.“

Hagenbeck zählt auf:

  • Die Infektionsraten scheinen bei Schwangeren im Vergleich zu gleichaltrigen, nicht schwangeren Frauen nicht erhöht zu sein.
  • Es wird zwar über schwere Krankheitsverläufe einschließlich Pneumonien berichtet. Aber die Infektion scheint – anders als Influenza – kein erhöhtes Risiko für Schwangere zu bergen.
  • In einer der Publikationen wurde von einer hohen Rate an Kaiserschnitten und einer erhöhten Rate an Frühgeburten berichtet. Da es sich aber nur um wenige Patientinnen handelte und die Indikationen für den Kaiserschnitt teilweise nicht veröffentlicht wurden, ist eine Verallgemeinerung der Erkenntnisse vorläufig nicht möglich.
  • Schwere Krankheitsverläufe scheinen eher im 3. Trimenon zu liegen als im 1. und 2. Trimenon.
  • Infektionen und Pneumonien von Neugeborenen kommen vor. Alle Kinder erholten sich von der Infektion allerdings rasch. 
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Keine Coronaviren in Fruchtwasser oder in Nabelschnurblut 

Die wichtigste Frage ist, ob es zu einer Übertragung des Virus auf das ungeborene Baby kommen kann, zu einer sogenannten „vertikalen Transmission“, und ob dies dem Feten eventuell schadet.

Dazu erklärt Prof. Dr. Frank Louwen, Leiter des Perinatalzentrums der Universitäts-Frauenklinik Frankfurt und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: „Noch nie wurde bisher in Fruchtwasser, Nabelschnurblut oder Vagina SARS-CoV-2 gefunden. Alle Tests an Neugeborenen in China, bei denen der Erreger nachgewiesen wurde, wurden erst einige Tage nach der Geburt durchgeführt, so dass eine Infektion nach der Geburt wahrscheinlicher ist als eine intrauterine Übertragung.“

Allerdings besteht Unklarheit darüber, wie man spezifische Immunglobuline (IgM) im Nabelschnurblut von 3 Neugeborenen interpretieren muss. IgM sind Immunglobuline, die eine frische Immunreaktion auf einen Erreger anzeigen.

Dazu Hagenbeck: „Es könnte sich bei den nachgewiesenen IgM um eine Art biologisches Artefakt handeln, also um mütterliche IgM, die eventuell die Plazentaschranke überwunden haben könnten, im Blut der Neugeborenen zirkuliert sind, um dann aber schnell abgebaut zu werden.“ 

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Getrennte Wege im Kreißsaal und auf der Wochenstation 

Für die aktuelle Situation in Kreißsälen gelte, so Hagenbeck, was für das ganze Krankenhaus gelten sollte: Getrennte Bereiche für positive und negative Patienten zu schaffen. „Das Personal im Kreißsaal sollte nicht zwischen den Bereichen wechseln, die Wege sollten sich nicht kreuzen, und auch die Begleitperson, die zur Geburt mitgebracht wird, sollte sich strikt an diese Einschränkungen halten.“ 

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Streicheln ja, Schmusen nein 

Wichtig ist, werdende Mütter umfassend zu informieren. Besonders das Prozedere nach der Geburt sollte geplant eingeübt werden. Die infizierte Mutter und ihr Baby müssten für die Dauer des Aufenthalts von den nicht infizierten Müttern und Kindern sorgfältig getrennt werden.

Stillen, so Hagenbeck, sei unproblematisch: Bis zum Ende der Erkrankung und der Quarantäne müsse die Mutter im Kontakt mit ihrem Kind eine Gesichtsmaske tragen, sich sehr sorgfältig und häufig die Hände waschen und auf intensiven Körperkontakt verzichten.

„Streicheln mit frisch gewaschenen Händen ja, Schmusen und Küssen nein. Die Mütter müssen dazu ausführlich und mit Geduld aufgeklärt und geschult werden. Da es sich aber meist nur um eine kurze Zeitspanne handelt, sollte eine solche Einschränkung machbar sein.“

 

Der gesamte Artikel wurde am 14. April 2020 auf Medscape Deutschland veröffentlicht und ist (nach kostenloser Registrierung) in voller Länge hier abrufbar.

 

Mag. Christian Boukal / medscapemedizin.de

Mai 2020


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 06. Mai 2020