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Frau schläft

Nachtaktives Gehirn – An Schlaf nicht zu denken

Etwa ein Drittel unseres Lebens verbringen wir mit Schlafen. Der Körper stellt auf Sparflamme und das Bewusstsein schaltet sich ab. Das Gehirn jedoch ist während des Nachtschlafes hoch aktiv: Es verarbeitet Eindrücke, Gelerntes und Emotionen. Zudem träumt das Gehirn jede Nacht während einem Fünftel unserer Schlafenszeit. 

Früher glaubte man, das Gehirn sei in der Nacht inaktiv, mache eine Pause; es würde in gewisser Weise selbst schlafen. Doch dem ist absolut nicht so. Während unser Bewusstsein abgeschaltet ist, arbeitet unser Gehirn sehr aktiv. In der REM-Phase ist das Gehirn teils sogar noch aktiver als im Wachzustand des Tages. REM steht für Rapid Eye Movement, also für schnelle Augenbewegungen hinter den Lidern. „In dieser Phase ist das Nervensystem besonders aktiv. Sie dient dem Gehirn der Verarbeitung von Emotionen und Gedächtnissen“, sagt Univ.-Prof. Dr. Manuel Schabus, Leiter des Labors für Schlaf-, Kognitions- und Bewusstseinsforschung am Zentrum für Kognitive Neurowissenschaften des Fachbereichs Psychologie der Universität Salzburg. 

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Gelerntes wird gespeichert 

Während des Schlafens speichert, verarbeitet, ordnet das Gehirn all die Eindrücke, Reize und Informationen, die den ganzen Tag über auf uns einprasseln. Alles Erlebte und Erlernte wird verarbeitet. Neue Lernerfahrungen werden in der Nacht noch einmal wiederholt, verfestigt und anschließend ins Langzeitgedächtnis integriert. Am Tag Gelerntes kann daher am Folgetag besser abgerufen werden als sofort nach dem Lernen. Denn das Gedächtnis wird während des Schlafes insofern gestärkt, dass frisch Erlerntes mit altem, bereits vorhandenem Wissen vernetzt wird. Das Wiederholen von Gelerntem vor dem Schlafengehen ist also durchaus effektiv. 

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Lösungen im Schlaf 

Durch die nächtlichen Verarbeitungsprozesse ist es auch möglich, dass man während des Schlafes Einsichten gewinnt. „So kann es dazu kommen, dass man am Morgen plötzlich Lösungen für ein Problem parat hat, über das man am Vortag noch ergebnislos gegrübelt hat“, sagt Schabus. 

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Emotionen werden verarbeitet 

Der Ratschlag „Schlaf erst eine Nacht darüber“ an emotional aufgewühlte Menschen ist aus Sicht der Schlafforschung ein guter. Es werden in der Nacht nicht nur neue Informationen des Tages gespeichert, sondern es werden auch Emotionen reflektiert, verarbeitet und dadurch gewissermaßen gedrosselt. Gab es am Vortag zum Beispiel einen aufwühlenden oder verletzenden Streit, so hat man am nächsten Tag dank der Emotionsverarbeitung im Schlaf nicht nur zeitlich etwas Abstand gewonnen, sondern die Emotionen wurden in der Nacht zudem herunterreguliert mit der Folge, dass man wieder rationaler entscheiden kann. 

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Jedes Gehirn träumt 

Auch wenn sich nicht jeder an seine nächtlichen Träume erinnert, so träumt doch jeder Mensch. Genauer gesagt, jedes Gehirn träumt, denn dort spielen sich die Träume ab. Die Dauer der Träume beträgt rund 20 Prozent der Schlafzeit.

Schlaf besteht aus mehreren Phasen. Je später die Nacht, desto mehr wird geträumt. In der Tiefschlafphase, die vorwiegend in die erste Nachthälfte fällt, träumt das Gehirn zwar auch, aber weitaus weniger. In dieser Phase verarbeitet es die Erlebnisse des Tages und die wenigen Träume fallen relativ realistisch aus.

Anders sehen die Träume in der REM-Phase aus. In dieser Phase sind Träume häufig irreal, fantasievoll oder auch bizarr. Diese Träume spielen sich vor allem in der zweiten Nachthälfte und kurz vor dem Aufwachen ab, wodurch man sich auch häufiger an sie erinnert als an Tiefschlaf-Träume. 

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Ungelöste Frage nach dem Warum 

Warum das Gehirn träumt, darüber gibt es viele Spekulationen, aber kaum gesichertes Wissen. „Als sicher gilt nur, dass Träume der Reflexion und Verarbeitung von positiven und negativen Emotionen dienen. Das Gehirn sucht zudem nach Lösungen emotionaler Probleme und Konflikte“, sagt Schabus.

Eine Theorie geht über dieses Szenario hinaus und nimmt an, dass das Gehirn im Traum potenzielle Gefahrenszenarien simuliert, um nach potenziellen Lösungen zu suchen. Wird eine Lösung gefunden, wird diese im Unterbewusstsein abgespeichert, damit der Mensch, wenn die Gefahrensituation tatsächlich auftritt, nicht lange überlegen muss, sondern die Lösung sofort abrufen und handeln kann. 

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Regeneration auf breiter Ebene 

Während des Schlafes kann sich der Körper erholen und das Gehirn ungestört seinen Aufgaben nachgehen. Keine Anstrengungen und keine neuen Informationen und Reize stören die Verarbeitung und Regeneration. Der Körper, und damit auch das Gehirn, kann sich in dieser Zeit ganz auf sich selbst konzentrieren. Unzählige aktive Prozesse gehen vor sich, während man schläft, hier ein kleiner Auszug: 

Abtransport von Toxinen: Das Gehirn schwimmt in einer Flüssigkeit (Liquor cerebrospinalis), die mit Nährstoffen und toxischen Stoffwechselprodukten getränkt ist. Während des Schlafes werden diese Toxine ausgeschwemmt und abtransportiert.

Stärkung des Immunsystems: Im Schlaf wird das Immunsystem gestärkt. „Eine Studie zeigte etwa, dass, wenn sich jemand impfen lässt und in der darauffolgenden Nacht keinen Schlaf bekommt, die Zahl der -Antikörper um die Hälfte reduziert ist. Dass das Immunsystem auf Schlaf angewiesen ist, zeigt aber auch die simple Erfahrung, dass man nach schlaflosen Nächten eher anfällig für grippale Infekte ist, als wenn man ausreichend geschlafen hat“, so Schabus. Während des Schlafes werden zudem Körperzellen repariert und der Stoffwechsel reguliert.

Aktive Hormone: Unser Hormonhaushalt läuft während des Schlafes auf Hochtouren. In der Tiefschlafphase produzieren unsere Zellen die meisten Wachstumshormone. Der Status unzähliger Hormone ändert sich im Schlaf. Das Schlafhormon Melatonin wird vorwiegend in der ersten Nachthälfte produziert. Das Stresshormon Cortisol hingegen wird reduziert. 

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Ausreichend schlafen 

Um die positiven Eigenschaften des Schlafes vollständig auszuschöpfen, bedarf es eines ausreichenden Schlafes. „Ausreichend bedeutet sieben bis neun Stunden beim Erwachsenen. Wer regelmäßig weniger als sechs Stunden schläft – und das sind leider viele – lebt um Jahre kürzer. Sieben Stunden Minimum bedeutet sieben Stunden echte Schlafenszeit. Die Zeit des Einschlafens oder Wachliegens in der Nacht zählt nicht als Schlaf, sondern nur die Zeit, in der das Bewusstsein tatsächlich abgeschaltet ist“, hält Schabus fest. 

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Schlaftabletten betäuben das Gehirn 

Viele Menschen mit Schlafproblemen greifen auf die Einnahme von Schlaftabletten zurück. Das ist mehrfacher Hinsicht problematisch. Schlaftabletten können süchtig machen und sie lassen keinen natürlichen Schlaf zu. „Sie betäuben das Gehirn praktisch und führen dazu, dass die Gedächtnisspeicherung herabgesetzt und auch der Immunaufbau limitiert ist. Das Gehirn ist weniger aktiv und kann die üblichen Aktivitäten in der Nacht nur reduziert realisieren“, erklärt Schabus.

Bei Schlafproblemen sollte man auf altbewährte Methoden zurückgreifen, wie etwa Entspannungsübungen und das Lesen von Büchern. Schabus: „Das Gehirn will langsam in den Schlaf gleiten, daher sollte man nicht unmittelbar vor dem zu Bett gehen einen spannenden Thriller ansehen oder am Computer oder Handy spielen. Gute Schlafhygiene bedeutet: Zu regelmäßigen Zeiten ins Bett, für ausreichenden Schlaf, frische Luft und Dunkelheit sorgen.“

 

Dr. Thomas Hartl

Juni 2020


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 08. Juni 2020