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Mann hält sein Handgelenk

Karpaltunnelsyndrom: Wann eine Operation sinnvoll und notwendig ist

Ist der Mittelnerv im Handgelenk eingeengt, kann das zu Kribbeln und Taubheit, Schmerzen und Schwäche von Fingermuskeln führen. Eine Operation kann die Beschwerden dauerhaft beseitigen und ist aber nur notwendig, wenn andere Therapien erfolglos bleiben. 

Bei einem Karpaltunnelsyndrom wird der sogenannte Mittelnerv (Medianus-Nerv) eingeengt, der im Karpaltunnel des Handgelenks (os carpale – Handwurzelknochen) verläuft. Durch den Druck auf den Nerv kommt es zu Beschwerden.

70 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Das Syndrom zeigt sich vorwiegend im Alter von 40 bis 70 Jahren und tritt in 80 Prozent beidseitig auf, also bei beiden Händen. Risikogruppen sind auch Menschen mit Diabetes, rheumatischer Arthritis, Dialysepatienten, Patienten mit einer Handgelenksarthrose und Patienten nach einem Bruch der Speiche in Handgelenksnähe. Auch Schwangere sind häufig betroffen. „Auffallend oft betroffen sind Mitarbeiterinnen im Reinigungsdienst und Menschen, die vibrierende Maschinen wie etwa Presslufthämmer bedienen“, sagt Primar Dr. Winfried Habelsberger, Leiter des Instituts für physikalische Medizin und Rehabilitation am Ordensklinikum Linz Elisabethinen. 

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Meist degenerative Ursachen 

Das Syndrom tritt familiär gehäuft auf, ein enger Karpaltunnel ist zum Teil Vererbungssache. Verursacht wird das Syndrom in der Regel durch Überbeanspruchung der Handgelenke, wodurch es zu Abnützungserscheinungen kommt; es handelt sich also in der Regel um ein degeneratives Problem.

Zu einer Einengung im Karpaltunnel kann es kommen, wenn stark beanspruchte Sehnenscheiden anschwellen und den Druck auf den Mittelnerv erhöhen. Auch ein Ganglion (eine flüssigkeitsgefüllte Ausstülpung der Gelenkskapsel) und eine Verdickung der Bänder können den Druck erhöhen und das Risiko eines Karpaltunnelsyndroms erhöhen.

Das Syndrom kann auch durch Veränderung der knöchernen Struktur, beispielsweise infolge eines Bruchs, verursacht werden (akutes Karpaltunnelsyndrom). Diese Fälle sind durch plötzlich einsetzende starke Schmerzen gekennzeichnet.  

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Symptome 

Das Leitsymptom ist ein Kribbeln oder Taubheitsgefühl in den Fingern („eingeschlafene Finger“). Üblicherweise schläft zuerst der Ring- und Mittelfinger, dann der Zeigefinger und schließlich der Daumen ein. Auch Schmerzen können auftreten. Erst in fortgeschrittenen Stadien kommt es zu Taubheitsgefühlen, die sich vorwiegend nachts zeigen, weil die Hand im Schlaf oft angewinkelt wird. „Wenn keine Therapie einsetzt, kommt es oft zu Funktionsverlusten der Hand, wie zum Beispiel beim Zuknöpfen oder Schwierigkeiten beim Umfassen einer Flasche, da das Gefühl verloren geht und auch der Daumen an Kraft verliert“, sagt Habelsberger. 

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Verlauf 

Die Symptome können v-on vorübergehender Natur sein und von selbst wieder verschwinden. In vielen Fällen jedoch kehren sie immer wieder oder bleiben beständig bestehen und verschlimmern sich, falls keine Therapie stattfindet. Ohne Behandlung besteht die Gefahr eines sogenannten „ausgebrannten Karpaltunnelsyndroms“, im Zuge dessen die Greiffunktion der Hand immer schlechter wird und vor allem die Funktion und Kraft des Daumens nachlässt. Im Alltag bedeutet das, dass sich so triviale und gleichzeitig grundlegende Tätigkeiten wie ein Schuhband binden oder eine Mahlzeit kochen mit der Zeit nicht mehr ausführen lassen. 

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Diagnose 

Goldstandard der Diagnose ist die Elektroneurografie, mit der die Nervenleitgeschwindigkeit gemessen wird. Ist diese verringert, ist dies ein deutlicher Hinweis auf ein Karpaltunnelsyndrom.

Es müssen andere Ursachen, die ähnliche Symptome auslösen können, ausgeschlossen werden (Differenzialdiagnose), wie beispielsweise eine Nervenwurzelreizung im Bereich der unteren Halswirbelsäule oder ein Thoracic-outlet-Syndrom (Schultergürtel-Kompressionssyndrom). 

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Konservative Therapie 

Bei frisch auftretenden oder nur leichten Beschwerden ohne Funktionsausfälle ist eine Operation weder sinnvoll noch notwendig. In diesen Fällen wird zu einer konservativen Therapie geraten. Nur wenn diese Therapie keinen Erfolg zeigt und sich die Beschwerden verschlimmern, kann eine Operation nötig werden.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten einer konservativen Therapie:

  • Kortisonspritzen
  • Nachtlagerungsschienen für das Handgelenk
  • Ultraschallbehandlungen- und Elektrotherapie
  • Handwurzelmobilisation
  • Schmerzmittel, Antirheumatika und Vitamin B6-Präparate. 
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Erwägungen einer Operation 

Die meisten Betroffenen versuchen es zunächst mit einer konservativen Therapie. Bringt diese keinen Erfolg, sollte man sich mit einem Arzt über die Möglichkeit einer Operation unterhalten. Habelsberger nennt ein Beispiel, wann eine Operation Sinn macht: „Ein Patient, der bereits mehrere Wochen an einer Berührungsempfindlichkeit und einem Taubheitsgefühl gelitten und dann erfolglos mit Physikotherapie und Medikamenten behandelt wurde, sollte nach einer elektroneurografischen Abklärung nicht unnötig länger warten und sich einer Operation unterziehen.“

Eine Operation sollte auch dann in Betracht gezogen werden, wenn die Beschwerden anhalten oder immer wieder kommen und vor allem wenn Funktionsprobleme der Hand auftreten und chronisch zu werden drohen. „Man sollte da nicht zu lange mit einer OP zuwarten, sonst verringert sich die Muskulatur des Daumenballens und dessen Kraft lässt dauerhaft und unwiederbringlich nach“, rät Habelsberger.

Eine sofortige Operation ist aber nur beim eher selten auftretenden akuten Karpaltunnelsyndrom nötig, das bei Verletzungen im Bereich des Handgelenks entsteht. 

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Erfolgsaussichten und Risiken 

Ziel einer Operation ist die Spaltung (Durchtrennung) des Haltebandes (Karpalband), das sich quer über die Handwurzelknochen spannt und unter dem der Mittelnerv hindurch zieht. Durch die Spaltung bekommt der eingeengte Nerv wieder den Raum, den er benötigt. Er wird dadurch entlastet und kann regenerieren, was in den meisten Fällen zur völligen Wiederherstellung des gesunden Zustands führt. 

Es stehen zwei OP-Varianten zur Wahl, die offene Operation und die minimalinvasive Operation mittels Endoskops. „Beide Methoden sind als gleichwertig anzusehen und unterscheiden sich in ihrem Risikoprofil kaum. Vorteil der offenen Variante ist die bessere Sicht des Chirurgen, Nachteil der offenen Variante ist, dass die Narbe größer ist und die Wundheilung etwas länger dauert“, erklärt Habelsberger. 

Die Ergebnisse einer Operation sind in der Regel sehr gut und es kommt zumeist zur vollständigen Wiederherstellung der Funktionalität der Hand. Wie jede andere Operation auch, ist eine Durchtrennung des Bandes nicht ganz frei von Risiken. In einem Prozent der Fälle treten Komplikationen auf, wie die Beschädigung des Nervs oder die Bildung eines Schmerzsyndroms. Wurde mit einer Operation zu lange zugewartet und sind die motorischen Nervenfasern und damit die Muskulatur des Daumenballens bereits verringert, ist dieser Verlust nicht mehr rückgängig zu machen. 

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Nach der Operation 

Nach der Operation sind Kältepackungen für die Dauer von einer Woche gegen Schwellungen hilfreich, ansonsten sollte man die operierte Hand einige Wochen lang schonen. Eine weitere Therapie ist in der Regel nicht nötig, es sei denn, es kommt zu Komplikationen. Nach drei bis sechs Wochen ist der Patient wieder arbeitsfähig.

 

Dr. Thomas Hartl

November 2020


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020