DRUCKEN
Mann vor dem PC

Das Hikikomori-Syndrom – Menschen im Dauerrückzug

Wenn sich junge Menschen total in ihre eigenen vier Wände zurückziehen und am sozialen Leben nicht mehr teilnehmen, nennt man das ein Hikikomori-Syndrom. Was man in Japan seit vielen Jahren kennt, scheint auch bei uns auf den Vormarsch zu sein. Ein ungesundes Verhalten, das sich dank Corona noch verstärken dürfte. 

Lange galt das Hikikomori-Syndrom als japanische Eigenheit. Dabei ziehen sich heranwachsende Männer völlig zurück und igeln sich in ihren Zimmern ein. Sie denken gar nicht daran, ihr Elternhaus zu verlassen und ein eigenständiges Leben zu führen. Sie beschränken den Kontakt zur Außenwelt auf das Allernötigste und isolieren sich selbst – und das manchmal jahrelang. 

up

Corona als Verstärker 

Dieses Verhalten ist auch bei uns gar nicht so selten zu finden, in letzter Zeit zeigen sich diese Fälle vermehrt. Auch durch die Corona-Pandemie scheint sich dieser Trend zum totalen Rückzug weiter zu verstärken. „Manche bereits vor Corona sehr zurückgezogen lebende Menschen sehen die Aufforderungen, zuhause zu bleiben, als Bestätigung ihrer Lebensführung und nützten die Situation, sich noch mehr einzuigeln. Corona lieferte ihnen einen Vorwand, das eigene minimalistische Leben zu rechtfertigen“, sagt Alexandra Schaubmayr, Psychotherapeutin am Kepler Universitätsklinikum Linz, Institut für Psychotherapie. 

up

Mehrheitlich Heranwachsende betroffen 

Betroffen sind vor allem Burschen ab 17 Jahren, aber es gibt kein Alterslimit, auch Männer jenseits der Vierzig zeigen mitunter dieses Verhalten. „Auch Frauen sind betroffen, wenn auch weniger häufig“, sagt Schaubmayr. 

up

Typische Verhaltensweisen 

Betroffene begeben sich in soziale Isolation, sie distanzieren sich von der realen Welt, kapseln sich ab, ziehen sich zurück. Meist leben sie noch bei den Eltern und lassen sich bekochen. Sie treffen sich nicht mehr mit Freunden, lernen keine Menschen kennen, verlassen kaum noch ihr Zimmer, dunkeln dieses oft zusätzlich ab. Sie sitzen stundenlang vor dem Computer, vor allem nachts über, da sie tagsüber viel schlafen (Tag-Nacht-Umkehr). Sie betrachten ihre PC-Spielpartner als Freunde. Reale Kontakte zu Gleichaltrigen nehmen sie nicht mehr wahr. Oft wird die Hygiene vernachlässigt, das eigene Aussehen spielt eine immer geringere Rolle, da man ohnehin niemanden trifft, dem man gefallen möchte. Betroffene bleiben Single, sie lernen keine potenziellen Partner kennen (höchstens virtuell), haben daher auch keinerlei Sexualpartner. Sie verlassen das Haus nur wenn es sein muss und so kurz wie möglich und wenn möglich bei Dunkelheit. 

up

Verschiedene Abstufungen 

Die Ausprägungen des Syndroms können recht unterschiedlich sein. Während die einen es schaffen, ihre Ausbildung oder ihre Arbeit zu erledigen und für diese Stunden auch ihre Wohnung zu verlassen, ziehen sich andere völlig aus dem sozialen und beruflichen Leben zurück und gehen kaum einen Schritt aus ihrem Zimmer/Wohnung/Haus. 

up

Selbstbetrug 

Betroffene neigen dazu, sich einzureden, dass sie echte Kontakte nicht brauchen würden und dass sie nichts vermissen würden. „Mit der Zeit merken sie gar nicht mehr, dass die Isolation sie verändert und dass sie sich selbst im Grunde ihr Leben rauben. Natürlich ist es schlecht, wenn sie keinen Kontakt mit anderen haben, nicht berührt werden, selbst niemand berühren können und auch keine persönlichen Gespräche von Angesicht zu Angesicht führen“, sagt Schaubmayr. 

up

Gründe der Selbstisolation 

Im Rückzugsort fühlen sich Betroffene sicher. Hier müssen sie sich keinerlei Konfrontationen mit anderen Menschen stellen; man braucht sich nicht mehr auf die als anstrengend oder frustrierend empfundene Partnersuche begeben, da man diese eingestellt hat. Generell empfindet man das Eintauchen in die virtuelle Welt einfacher, man muss dabei niemanden in die Augen sehen und sich nicht mehr dem zwischenmenschlichen Wettbewerb stellen.

Oft steht hinter dem Rückzug auch Resignation und Scham. Man fühlt sich nicht in der Lage, im Berufsleben zu bestehen. Sind die Eltern sehr erfolgreich, kann das Gefühl dahinerstehen, dass man deren Karriere ohnehin niemals schaffen könne. Man gibt sich vorzeitig geschlagen, ohne einen eigenen Weg zu versuchen. 

up

Nachteile durch Hikikomori

  • Man erlebt nichts mehr in der realen Welt, also auch keine erfreulichen Dinge.
  • Man verliert die Fähigkeit, mit anderen Menschen zu kommunizieren; man verlernt den sozialen Umgang, das Miteinander, die Auseinandersetzung, das Anbahnen und Pflegen von Freundschaften.
  • Man gerät beruflich ins Abseits.
  • Man bleibt Single, verliert das Zutrauen in die eigene Fähigkeit, einen Partner zu gewinnen.
  • Man verliert den sozialen Anschluss, wird als Sonderling gesehen.
  • Man wird schüchtern, verliert Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit (man erlebt sich nicht als Mensch, der selbst Dinge bewirken kann).
  • Man verliert letztendlich seine körperliche und psychische Gesundheit. Ohne ausreichend Bewegung und Sonnenlicht leidet der Körper ebenso wie der Geist. Es besteht die Gefahr, Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen zu entwickeln. 
up

Eltern und ihr Umgang mit dem „Kind“ 

Oft sind es die Eltern, die an dem Verhalten des (oft erwachsenen) „Kindes“ leiden und sich um dessen Zukunft Sorgen machen und beratende Hilfe benötigen. Wie können Eltern reagieren, was können sie tun?

Alexandra Schaubmayr rät folgendes:

Man soll das Problem unbedingt ansprechen und nicht wegsehen. Denn wenn das Kind über Wochen oder Monate sein Zimmer nicht verlässt, ist das keine Phase, die einfach wieder verschwindet, sondern ein bedenklicher Dauerzustand, der sich nicht ohne weiteres wieder auflöst. Man soll immer wieder das Gespräch suchen, aufklären, seine Sorge mitteilen, dass das Verhalten des Kindes in einer psychischen oder psychiatrischen Erkrankung münden könnte. Keinesfalls sollte man dessen Verhalten akzeptieren, sondern gemeinsam nach Lösungen suchen. Eine Möglichkeit, das eigene Kind aus seiner Isolation zu locken ist es, indem man es um Hilfe bittet. Es soll zum Beispiel bitte Einkaufen gehen. Tut es das, wird das Kind erleben, dass es überhaupt noch in der Lage ist, sich in der Welt da draußen zu bewegen und dass es in der Lage ist, die nötigen Dinge zu tun.

In der Regel ist es zielführend, das eigene Kind in kleinen Schritten wieder an das Leben außerhalb seiner (extrem klein gewordener) Komfortzone herauszuführen, um keine Angstattacken zu provozieren. 

up

Therapie möglich 

In manchen Fällen wird eine Psychotherapie nötig sein, um einen Weg aus der Isolation zu finden und um eine psychische oder psychiatrische Erkrankung zu verhindern. „Betroffenen kann durch Therapie gut geholfen werden. Man sieht sich an, welche Gründe hinter dem Rückzug stehen, wann er begonnen und was ihn ausgelöst und verstärkt hat. Dann begibt man sich in kleinen Schritten wieder mehr und mehr ins reale Leben. Wie Kinder erlernen die Betroffenen neue Erfahrungen zu machen; sie entdecken wieder, wie es ist, in der Welt zu leben. Der Patient braucht dabei oft Ermutigung, man muss sehen, was funktioniert und was nicht und tastet sich vor, einen Schritt nach dem anderen“, sagt Schaubmayr.

In manchen Fällen wird bei einem vorhandenen Hikikomori-Syndrom zusätzlich eine psychische oder psychiatrische Erkrankung vorliegen. In diesen Fällen kann auch eine medikamentöse Therapie notwendig sein.

 

Dr. Thomas Hartl

Juni 2020


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 03. Juni 2020