DRUCKEN
Mann WC

Harninkontinenz: Überaktive oder schwache Blase

Die Ausprägungen einer Harninkontinenz sind vielfältig: Manche verlieren Urin beim Heben, Husten oder sogar Lachen, ohne vorher Harndrang zu spüren. Bei anderen ist der Drang wiederum so groß, dass sie ständig zur Toilette müssen und es manchmal nicht mehr rechtzeitig schaffen, berichtet die Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ). 

Oft tritt beides zugleich auf. In jedem Fall ist der Leidensdruck für die Patienten enorm. Die MKÖ unterstützt Betroffene und veranstaltete anlässlich der Welt-Kontinenz-Woche von 15. bis 19. Juni 2020 virtuelle Vorträge mit Informationen und praktischen Tipps. Die Video-Vorträge decken ein breites Fragenspektrum ab und sind auf dem YouTube-Kanal der MKÖ abrufbar. 

up

Sehr häufig 

In Österreich leiden etwa eine Million Menschen an einer Harninkontinenz. Diese Häufigkeit wird von kaum einer anderen Krankheit erreicht. Inkontinenz ist allerdings nicht gleich Inkontinenz: Es gibt verschiedene Formen von unkontrollierbarem Harnverlust. „Am häufigsten tritt zum einen die Dranginkontinenz auf, die mit einem starken Harndrang einhergeht und oft auch als überaktive Blase bezeichnet wird“, erklärt der Urologe und MKÖ-Vizepräsident Dr. Michael Rutkowski, Oberarzt der urologischen Abteilung am Landesklinikum Korneuburg mit Beckenbodenzentrum. Die zweite Hauptform ist die Belastungsinkontinenz. Dabei verlieren die Patienten Harn durch eine geschwächte Beckenbodenmuskulatur. Das passiert mitunter schon bei geringer körperlicher Aktivität wie beim Heben, Husten, Lachen oder Niesen. Etwa ein Drittel der Betroffenen kämpft mit einer Kombination aus beiden Formen (Mischinkontinenz). 

up

Genaue Abklärung notwendig 

Um erfolgversprechende therapeutische Maßnahmen setzen zu können, ist die genaue Diagnose sehr wichtig. Erste Schritte kann der Hausarzt setzen. Er kann etwa durch eine Harnuntersuchung feststellen, ob eine Blasenentzündung behandelt werden muss oder ob Blut im Harn ist. Eine weiterführende Diagnose macht der Urologe. Er stellt beispielsweise fest, ob nach der Blasenentleerung Restharn in der Blase verbleibt.

Wichtigstes Diagnosemittel ist ein Blasentagebuches, in dem der Patient über 48 Stunden die Trink- und produzierte Harnmenge einträgt. „Das Blasentagebuch ist ein sehr einfaches und gutes Instrument, das dem behandelnden Arzt einen genauen Überblick über die Gewohnheiten bei der Blasenentleerung gibt“, sagt Rutkowski. 

up

Belastungsinkontinenz: Gezieltes Beckenbodentraining 

Die Risikofaktoren für eine Belastungsinkontinenz sind bei Frauen vor allem ein höheres Alter und Geburten, aber auch Übergewicht spielt eine Rolle. Bei Männern kann es nur nach einer Prostata-Operation zu einem geschwächten Beckenboden kommen.

Der erste Schritt in der Behandlung ist die Physiotherapie, denn durch ein gezieltes Beckenbodentraining bei geschulten Physiotherapeuten kann schon sehr viel erreicht werden. „Beim Beckenbodentraining wird zu Beginn erlernt, diese Muskelgruppe selektiv wahrzunehmen, um sie richtig ansteuern und aktivieren zu können“, erklärt Elisabeth Udier, MSc, Physiotherapeutin in Klagenfurt. „Dazu ist die Fähigkeit zur Entspannung der Muskulatur wichtig, denn nur dann kann sie richtig arbeiten. Auch die Körperhaltung ist ein wichtiges Thema.“

Einfluss hat auch das richtige Trinkverhalten und vorübergehend können aufsaugende Einlagen sowie bei Männern ein Kondomurinal und bei Frauen spezielle Tampons zur Überbrückung helfen. Führt die konservative Therapie nicht zu einem ausreichenden Erfolg, gibt es zusätzlich sehr gute Operationsmöglichkeiten. Rutkowski: „Bei Frauen kann eine Schlinge unter die Harnröhre implantiert werden, die sie stabilisiert und einen Harnverlust beim Hustenstoß verhindert. Bei Männern gibt es unterschiedliche Systeme, wie ebenfalls die Schlingentechnik oder kleine Ballons, die neben den Blasenhals platziert werden. In schweren Fällen kann sowohl bei Männern als auch bei Frauen ein künstlicher Schließmuskel eingebaut werden.“ Der Urologe betont auch in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit einer Physiotherapie, denn sie kann das Operationsergebnis wesentlich verbessern. 

up

Dranginkontinenz: Blase beruhigen 

Bei einer Dranginkontinenz ist die Muskulatur der Blasenwand überaktiv und zieht sich schon bei geringem Füllstand zusammen. Der Harndrang tritt so plötzlich auf, dass die Toilette häufig nicht mehr erreicht werden kann. Diese Probleme können entweder durch Krankheiten, wie zum Beispiel Diabetes, Blasenentzündungen, eine zu große Prostata oder durch Blasensteine verursacht werden. Aber auch zu viel trinken kann die Blase überfordern. Selten sind Tumore oder neurologische Erkrankungen der Grund für eine Überaktivität des Blasenmuskels.

Therapeutisch wird hier mit einer Verhaltenstherapie und mit Medikamenten gearbeitet. Bei der Verhaltenstherapie werden Trinkgewohnheiten verändert und die Blasenentleerung trainiert. „Wenn man weiß, dass schon bei geringer Blasenfüllung Harn verloren wird, sollte bereits bei leichtem Harndrang die Toilette aufgesucht werden. Beim sogenannten Miktionstraining wird bei Auftreten des Harndrangs der Beckenboden angespannt und gewartet, bis der Drang abebbt. Erst dann geht man zur Toilette. So kann man die Intervalle und die Volumina langsam, aber sicher in die Höhe schrauben“, führt Rutkowski aus. Auch bei einer überaktiven Blase sollte man eine Physiotherapie in Erwägung ziehen. „Kann man den Beckenboden richtig aktivieren, schafft man es einerseits, den Harn besser zu halten und man wirkt andererseits einer Verspannung des Beckenbodens entgegen, was die Drangsymptomatik weiter verstärken würde“, so Physiotherapeutin Udier. In Kombination mit der Verhaltens- und Physiotherapie werden Medikamente eingesetzt. „Anticholinergika oder Beta-3-Rezeptor-Agonisten stellen die Blase ruhig. Bei Therapieversagen gibt es noch die Möglichkeit, Botox in den Blasenmuskel zu spritzen oder bei schweren Fällen einen Blasenschrittmacher (sakrale Neuromodulation) zu implantieren“, so Urologe Rutkowski. 

Das Fazit der Experten: „Eine Inkontinenz ist lästig und sie kann die Lebensqualität reduzieren, aber sie ist eine behandelbare Erkrankung.“

Die MKÖ bietet ein Infopaket mit kostenlosen Info- & Servicematerialien wie Broschüren, Factsheets und Ratgeber rund um die Erhaltung der Beckenbodengesundheit bzw. die Frage „Was tun bei Inkontinenz?“

up

Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich 

Begonnen hat die systematische Inkontinenzhilfe 1990 in Linz, als sich ein kleiner Kreis von Ärzten, diplomierten Gesundheits- und Krankenschwestern und Physiotherapeuten zusammenschloss. Seit Bestehen ist es das Ziel der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ), Maßnahmen zur Prävention, Diagnostik und Behandlung der Inkontinenz sowie Forschung, Lehre und Praxis zu fördern. Dazu gehören die spezielle Schulung des medizinischen Fachpersonals ebenso wie die gezielte Öffentlichkeitsarbeit zur Information und Beratung von Betroffenen und ihren Angehörigen. Die wissenschaftliche Fachgesellschaft ist zentrale Anlaufstelle auch für Patienten und bietet mit Serviceeinrichtungen wie einer Telefon-Hotline, einer Homepage und Beratungsstellen in den Bundesländern diskrete und anonyme Information. Heute ist die MKÖ maßgeblich an der Vernetzung von Fachärzten, Ambulanzen, Allgemeinmedizinern, Physiotherapeuten, Pflegeberufen und der Öffentlichkeit beteiligt und hat ihren Sitz in Wien. Mehr unter www.kontinenzgesellschaft.at.

 

MKÖ / Mag. Christian Boukal

Juli 2020


Bild: shutterstock



Zuletzt aktualisiert am 02. Juli 2020