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Schnitzler-Syndrom

Patienten mit Schnitzler-Syndrom leiden an chronischer juckender Nesselsucht sowie häufig auch an Schmerzen, Krankheitsgefühl, Fieber und Abgeschlagenheit. Eine ursächliche Therapie existiert bisher nicht, die Beschwerden lassen sich unter medikamentösem Einsatz meist lindern. 

Beim Schnitzler Syndrom (1972 von L. Schnitzler, franz. Dermatologe, erstbeschrieben), handelt es sich um eine chronische inflammatorische (entzündliche) Erkrankung, wobei es zu einer unkontrollierten Überproduktion von proinflammatorischen Zytokinen (Wachstumsproteinen) kommt. Ursache und Auslöser dieses krankhaften Prozesses sind unbekannt. „Möglicherweise bewirkt ein exogener Trigger, wie zum Beispiel eine Virusinfektion, eine chronische Überreaktion des Immunsystems. Diese Hypothese ist nicht unwahrscheinlich, tatsächlich tappt die Forschung aber noch im Dunkeln“, sagt Univ.-Prof. Dr. Heinz Ludwig, Leiter des Wihelminenkrebsforschungsinstituts und emeritierter Vorstand der I. Medizinischen Abteilung, Zentrum für Onkologie, Hämatologie und Palliativmedizin im Wilhelminenspital Wien. 

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Symptome 

Betroffene sind mitunter schwer in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt. Hauptsymptom ist eine gereizte, gerötete, stark juckende Haut. Diese Art von Nesselsucht tritt vor allem am Rumpf, an Armen und den Beinen auf.

Weitere Beschwerden, die sich zeigen können:

  • Häufig tritt auch eine Arthralgie auf. Dabei leidet der Patient an entzündungsbedingten Schmerzen in den Gelenken (häufig in Knien, Schultern, Ellbogen). Es kann aber auch zu schmerzhaft entzündlich verändertem Gewebe kommen, ebenso zu Muskelschmerzen und fallweise auch zu Knochenschmerzen. Diese Schmerzen treten oft erst nach einigen Jahren der Erkrankung auf.
  • Krankheitsgefühl, Fieberschübe, Nachtschweiß, Tagesmüdigkeit.
  • Gewichtsverlust: Patienten haben selten Übergewicht, sie neigen eher dazu, an Gewicht immer weiter zu verlieren. 
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Unterdiagnostiziert 

Das Schnitzler-Syndrom ist eine sehr selten diagnostizierte Krankheit, doch ist eine beträchtliche Dunkelziffer anzunehmen. Der Erkrankungsbeginn zeigt sich in der Regel ab dem 50. Lebensjahr. Erkrankungsfälle im Kindesalter sind nicht bekannt und unter 35 Jahren die Ausnahme.

Das Problem mit seltenen Erkrankungen wie dem Schnitzler-Syndrom ist es, dass sie nur wenige Ärzte kennen. „Daher wird die Diagnose oft sehr verspätet und wahrscheinlich manchmal überhaupt nicht gestellt. Die Patienten machen oft eine Odyssee durch, bis sie endlich einen Arzt finden, der mit der Erkrankung vertraut ist und die richtige Diagnose stellt“, so Ludwig. 

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Diagnose 

Eine Diagnose wird mittels klinischer und labortechnischer Untersuchungen gestellt. Unerlässlich ist das Vorliegen:

  • einer chronischen Urtikaria und
  • einer monoklonalen Gammopathie.

Weiters können vorliegen:

  • Wiederkehrende Fieberschübe über 38 Grad
  • Arthralgien (entzündliche Schmerzen)
  • deutlich erhöhtes C-reaktives Protein (CRP) als Entzündungsmarker
  • im Blutbild lassen sich Veränderungen wie eine Leukozytose, eine Thrombozytose oder Anämie beobachten
  • Lymphadenopathie: krankhafte Schwellung der Lymphknoten
  • eine Hautbiopsie zeigt eine erhöhte Infiltration mit inflammatorischen Zellen
  • abnormaler Knochenstoffwechsel
  • andere mögliche Erkrankungen müssen ausgeschlossen werden; insbesondere hämatologische Erkrankungen und Infektionserkrankungen. 
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Verlauf 

Die Erkrankung verläuft chronisch, bleibt also dauerhaft bestehen. Eine Heilung ist zurzeit nicht möglich. Eine lebenslange Therapie ist daher in der Regel erforderlich, um die Beschwerden in Zaum zu halten.

Mögliche Folgeerkrankungen sind lymphatische Krebserkrankungen, da chronische Entzündungen als Stimulus für die Entstehung von Krebserkrankung fungieren, was beim Schnitzler Syndrom mit einem gehäuften Auftreten von malignen Lymphomen wie etwa Morbus Waldenström verbunden ist. „Mit zunehmender Krankheitsdauer steigt das Risiko für sekundäre Malignome, über die Häufigkeit dieser Komplikation gibt es aber wenige wissenschaftlichen Fakten“, sagt Ludwig. Erhöht dürfte auch die Gefahr von Thrombosen und entzündlichen Knochenerkrankungen sein.  

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Therapie 

Typisch für die Erkrankung ist ein erhöhter Spiegel von Interleukin-1(IL-1). Gegenwärtig besteht die Behandlung in der Verabreichung des IL-1 Inhibitors Anakinra, welcher täglich von den Patienten selbst injiziert wird. Durch die Hemmung von IL-1 werden sowohl der belastende Juckreiz als auch die entzündungsbedingten Schmerzen oft vollständig gebessert. „Das Blutbild sowie die Entzündungsparameter normalisieren sich weitgehend. Anakinra ist momentan das einzige Mittel, das für die Behandlung gut etabliert ist“ sagt Ludwig.

Diese Behandlung kann durch andere entzündungshemmende Medikamente unterstützt werden:

  • Cortison: Gegen die Entzündungen kann auch Cortison eingesetzt werden. Hochdosiert hat es einen gewissen Behandlungseffekt, es kann wegen möglicher Nebenwirkungen aber nicht dauerhaft eingesetzt werden.
  • Colchicin: Versuche mit Colchicin brachten vereinzelt Erfolge, sind aber oft nicht ausreichend wirksam.
  • PUVA-Bestrahlung: Diese Variante der Lichttherapie hat sich fallweise gegen den Juckreiz bewährt.
  • Interferon: Der Einsatz dieses Biologikums ist möglich, aber nicht üblich, er kann den Juckreiz lindern.
  • Antihistaminika haben sich als wirkungslos gegen die Hautbeschwerden erwiesen.

Gegenwärtig werden verschiedene Medikamente, die Entzündungsmediatoren wie Interleukin-6 hemmen, sowie JAK 2 Inhibitoren an einzelnen Patienten mit Erfolg eingesetzt. Für eine diesbezügliche Empfehlung ist die Datenlage allerdings nicht ausreichend.  

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Therapie gegen Gelenksschmerzen 

Gelenksschmerzen, die oft als Konsequenz der Erkrankung auftreten, sind schwer in den Griff zu bekommen. „Eine Gelenksoperation bringt meist nicht die ersehnte Lösung des Problems. Die Schwellungen und Entzündungen lassen sich nicht wegoperieren“, so Ludwig. Eine Option stellen konventionelle Antirheumatika wie Methotrexat sowie die neuen Biologika, wie TNF-Hemmer, Interleukin-6 Blocker und B- sowie T-Zell-Blocker dar.

„Es kommen zudem laufend neue Medikamente auf den Markt, die Entzündungen hemmen. Es wird sich zeigen, welche davon beim Schnitzler-Syndrom hilfreich eingesetzt werden können. Interessant wäre es, das Genom der monoklonalen Zellen, die für die Produktion des Paraproteins (IgM) verantwortlich sind, sorgfältig zu untersuchen. Vermutlich würden die Untersuchungen eine Dysregulation verschiedener Gene, die für die Bildung von Entzündungsmediatoren verantwortlich sind, zeigen. Sollte sich dies bestätigen, könnte man versuchen, ursächliche Behandlungen zu entwickeln“, sagt Ludwig. 

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Weitere Maßnahmen, die helfen können

  • Kältekammer: Erfahrungsgemäß profitieren Patienten mit entzündlichen Erkrankungen oft von kurzen Aufenthalten in einer Kältekammer bei etwa Minus 110 Grad Celsius.
  • Bewegung und Sport: Betroffene sollten trotz möglicher Schmerzbelastung körperlich aktiv sein und Sport betreiben, ohne die Gelenke stark zu belasten (z.B. Radfahren statt Laufen). Schwimmen wirkt meist positiv.
  • Salzwasser: Das im Meer enthaltene Salz wirkt lindernd auf den Juckreiz (starke Wirkung am extrem salzhaltigen Toten Meer). „Man kann sich auch Meersalz kaufen und in das Badewasser geben. Einen Versuch ist das jedenfalls wert“, rät Ludwig.
  • Kneipp-Kuren
  • Entspannungsverfahren praktizieren.

 

Dr, Thomas Hartl

September 2020


Bild: shutterstock



Zuletzt aktualisiert am 21. September 2020