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Frau wird im Gesicht abgemessen für Schönheitsoperation

Dorian-Gray-Syndrom

Für immer jung und schön zu sein ist ein Wunschtraum des Menschen – der niemals in Erfüllung gehen kann. Die meisten nehmen die Veränderungen des Alterns früher oder später hin und arrangieren sich mit diesem natürlichen Vorgang. Nicht so Menschen mit dem Dorian-Gray-Syndrom. Ihr verzweifelter Kampf gilt dem zu unerreichbaren Ziel, perfekt und jugendlich auszusehen – egal wie weit das Alter bereits vorangeschritten ist. 

Das Dorian-Gray-Syndrom beschreibt eine psychische Störung aus narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen, wahnhaften Erleben und depressiven Stimmungsbildern. Betroffene streben irrealen Zielen nach – perfekt schön zu werden, ewig jung zu bleiben – und schätzen sich aufgrund einer negativen subjektiven Wahrnehmung zudem als viel unattraktiver ein, als sie tatsächlich sind.

Benannt ist das Syndrom nach der Romanfigur aus Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“. Er opfert seine Seele im Austausch für ewige Jugend. 

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Suche nach Perfektion 

Die Situation von Betroffenen stellt sich so dar: Das eigene Aussehen dominiert ihr Leben. Es scheint ihnen unmöglich, mit dem (vermeintlichen) Schönheitsdefizit zu leben. Sie leiden an dem zwanghaften oder gar wahnhaften Versuch, nach außen hin immer perfekt zu sein. Sie streben eine ihn ihren Augen perfekte Schönheit an und obendrein ein jugendliches Aussehen, egal wie alt sie sind. Sie versuchen exakt so auszusehen, wie es ihrem Ideal entspricht. „Wenn man genau hinsieht, merkt man, dass diese Menschen körperlich oft eher starr und maskenhaft wirken. Hinter dieser Fassade verbirgt sich meist ein sehr zerbrechlicher und bedürftiger Mensch, der unter einem großen inneren Druck steht oder einen massiven seelischen Leidensdruck entwickelt“, sagt Psychotherapeutin Michaela Badegruber vom Institut für Psychotherapie am Neuromed Campus, Kepleruniversitätsklinikum Linz. 

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Unzufrieden mit sich selbst 

Betroffene haben vor allem ein Problem: Sie sehen nicht so aus, wie sie gerne aussehen würden. Daher können sie sich keinesfalls so akzeptieren, wie sie sind, oder wie sie sich sehen. Weil sie nicht dem eigenen Wunschbild entsprechen, sind sie unzufrieden und unglücklich mit sich und manche beginnen sich für ihr Aussehen zu hassen. Manche finden sich oder einem bestimmten Körperteil so hässlich, dass sie sich in der Öffentlichkeit kaum zeigen und immer weniger am sozialen Leben teilnehmen. Sie beschäftigen sich exzessiv mit dem Körper und vor allem mit dessen Abweichungen vom eigenen Ideal und entwickeln dadurch einen Minderwertigkeitskomplex (falls dieser nicht bereits besteht). 

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Eigen- und Fremdwahrnehmung 

Die Diskrepanz von Eigen- und Fremdwahrnehmung ist manchmal enorm. Viele nehmen sich nicht so wahr wie sie sind, sondern sind auf einen vermeintlichen Makel fokussiert. Sie empfinden die Nase zu groß, die Lippen zu schmal, den Po zu dick oder zu klein, sehen nicht vorhandene Hautirritationen, oder gefallen sich als Ganzes nicht. „Die Eigenwahrnehmung des Körpers oder von Körperteilen ist verzerrt oder stimmt zur Gänze nicht mit dem real vorhandenen Aussehen überein. Die Rückmeldung von Freunden und Verwandten, dass sie doch wirklich schön seien, hilft meist gar nicht, oder nur kurzfristig. Manche sagen, dass sie furchtbar traurig und hoffnungslos sind, weil sie sich nicht schön fühlen, obwohl sie dem gängigen Schönheitsideal mehr als nur entsprechen“, sagt Badegruber. 

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Teure Behandlungen 

Betroffene versuchen ihre (vermeintlichen) Defizite auszumerzen. Die Mittel sind vielfältig: Schönheitsmittel aller Art, Produkte, die beim Abnehmen helfen, Hautbehandlungen, Sport (oft bis hin zum Extremsport), Botox, Hautstraffung, Fettabsaugungen und andere operative Eingriffe. Schritt für Schritt optimieren und perfektionieren sie ihr Aussehen. Besser gesagt, sie versuchen es zu optimieren, denn tragischerweise erreichen sie ihre Ziele nie, denn sie wollen immer noch besser aussehen, noch mehr dem Wunschbild entsprechen. Auch eine Operation löst das Problem nicht oder nur sehr kurz, bald muss eine neue OP her und dann die nächste. „Zufriedenheit stellt sich dennoch nicht ein, weil man das innere Idealbild niemals wirklich erreichen kann. Alleine im Außen zu reparieren hilft nicht im ausreichenden Umfang. Man sollte das innere Idealbild und den eigenen Bewertungsmaßstab hinterfragen, um wieder zu einem positiven Selbstwert, Selbstachtung zu gelangen und somit zur Akzeptanz der eigenen Person“, sagt Badegruber. 

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Forever young 

Genau so tragisch ist es, wenn jemand die Tatsache des Alterns nicht akzeptieren kann. Wenn etwa ein 50-jähriger Mensch versessen versucht, wie zwanzig auszusehen, kann das natürlich nicht auf Dauer gut gehen. Eine Zeitlang können Botox, Lifting & Co Falten ausmerzen, aber letztendlich führen diese Maßnahmen dazu, dass ein älterer Mensch maskenhaft und künstlich verändert aussieht. 

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Gesellschaftlicher Druck 

Schöne Menschen dominieren die Bilder in allen Medien. Die jungen Generationen werden zunehmend von der sogenannten Influencer-Szene beeinflusst, die wiederum vorwiegend aus attraktiven und sehr jungen Protagonisten besteht. „Diese Medienkanäle erhöhen den Druck, denn sie suggerieren einem, wie schön man sein könnte und sollte. Zur Erreichung des Ideals sind fast alle Mittel und finanzielle Aufwendungen recht. Individuelle Schönheit ist somit auch ein großer Wirtschaftsfaktor und damit stellt sich die Frage, wie unsere gesamte Gesellschaft mit Schönheit und Altern umgeht oder umgehen will. Der Druck, gut auszusehen, ist in allen Altersgruppen groß. Wenn ein 18-jähriger Bursch sagt, er würde sich sofort einer Schönheitsoperation unterziehen, wenn er das Geld dazu hätte, so ist das heute nicht mehr ungewöhnlich. Und das nur, weil man glaubt, dass man nicht dem Idealbild der Peergroup entspricht. Tatsächlich sehen die meisten durchaus gut aus, sie halten sich aber für hässlich“, sagt die Therapeutin. 

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Therapie 

Zur Behandlung des Dorian-Gray-Syndroms ist Psychotherapie geeignet und oft auch ausreichend. Das Ziel der Therapie richtet sich nach dem persönlichen Anliegen der Klienten. Häufig geht es darum, sich anzunehmen, wie man ist oder die Eigenwahrnehmung mit der Fremdwahrnehmung exakter abzugleichen. Es gilt zu erkennen, dass die gesteckten Ideale vielleicht unpassend sind. Das alte rigide Wunschbild wird gelockert. Ziel ist es, eine konstruktive innere Veränderung zu ermöglichen, um zu einem positiven Selbstbild, Selbstwert und Selbstbeachtung zu gelangen, damit Klienten sich selbst und ihr Spiegelbild wieder mehr mögen.

Eine begleitende psychiatrische Behandlung ist bei Patienten mit schweren Depressionen und/oder Suizidgedanken anzuraten und bei Patienten, die unter starken Wahnvorstellungen leiden. Hierbei kommen unter anderem Neuroleptika zum Einsatz.

Bei einem Teil der Patienten werden auch chirurgische Eingriffe veranlasst, etwa wenn jemand tatsächlich eine schiefe Nase, abstehende Ohren oder irgendeinen anderen „Schönheitsmakel“ hat. „Viele Schönheitschirurgen arbeiten mit Psychotherapeuten zusammen und leiten Patienten an diese weiter, wenn sie der Meinung sind, dass ein ästhetischer Eingriff das Problem des Patienten allein nicht lösen wird können“, erklärt Badegruber.

 

Dr. Thomas Hartl

September 2020


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 23. September 2020