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Selbständig arbeiten – Die Gefahr zu überpowern

Selbständig arbeiten – Die Gefahr zu überpowern

Der eigene Boss sein, Autonomie und Freiheit genießen, selbst Entscheidungen treffen. Selbständig zu arbeiten ist für viele ein Traum. Doch um im Laufe der Jahre nicht auszubrennen, sollte man darauf achten, nicht zu viel zu arbeiten und auch ein Leben abseits der Arbeit zu kultivieren. 

Wir beleuchten hier einige Vor- und Nachteile des beruflichen Einzelkämpfertums – des Arbeitens als „kleine Selbstständige“ beziehungsweise als Ein-Personen-Unternehmer. Es geht nicht darum, ob jemand ein Gewerbe ausführt, sondern dass die Person alleine und selbstständig einer Tätigkeit nachgeht, mit der sie ihren Lebensunterhalt finanziert.

 

Die Freiheit der Selbstständigen 

Ein großer Vorteil der Selbstständigkeit ist ein beträchtliches Maß an Autonomie und Freiheit. Man ist sein eigener Chef, kann im Grunde arbeiten, was, wann und wie viel man will. In der Praxis relativiert sich diese Freiheit freilich, da man eben permanent Geld verdienen muss und oft auch an die Wünsche und Zeiten der Kunden gebunden ist. Dennoch bleibt ein beträchtliches Ausmaß an Freiheit und Autonomie übrig, von dem die meisten Angestellten nur träumen können.

 

Freiheit bedeutet auch Unsicherheit 

Dieser Freiheit steht ein großes Maß an Unsicherheit gegenüber. Selbstständige sind auf sich allein gestellt, bekommen kein Urlaubsgeld, müssen Steuern und Sozialversicherung bezahlen und müssen sich um all diese Dinge meist selbst kümmern. Trotz Autonomie ist es für Selbstständige extrem wichtig, über ein soziales Netzwerk von Gleichgesinnten zu verfügen, in das man eingebunden ist. 

Viele Selbstständige fühlen sich sozial schlecht abgesichert. Unbewusste oder bewusste Ängste sind latent vorhanden und treiben viele dazu, immer am Limit zu arbeiten und Aufträge auch dann noch anzunehmen, wenn Ihre Kapazitäten eigentlich bereits erschöpft sind. 

Man sollte sich fragen, was man braucht, um ein subjektives Gefühl der Sicherheit zu haben. Erreicht man das nicht, sollte man auch über einen Plan B nachdenken. Ein realistischer Blick auf seine Lage ist wichtig. Und man sollte ehrlich gegenüber sich selbst sein. Kann und wird man seine Ziele erreichen? Oder ist alles ganz anders, als man es sich vorgestellt hat? Nicht jeder ist zur Selbstständigkeit geboren.

Viele brauchen einfach die Sicherheit eines Angestelltenverhältnisses. Man sollte sich nicht scheuen, sich das einzugestehen und das Experiment der Selbstständigkeit, wenn nötig wieder beenden. 

Umgekehrt müssen Angestellte, die daran denken, sich selbstständig zu machen, nicht abrupt ins kalte Wasser springen. Sie können sich nebenberuflich in das neue Feld begeben und so ausprobieren, ob diese Art der Arbeit zu ihnen passt.

 

Erfolgszwang belastet 

Selbstständige sind weitgehend auf sich allein gestellt. Haben sie Familie, sind sie oft auch für deren Unterhalt und Wohlergehen verantwortlich. Das kann eine enorme wirtschaftliche und psychische Belastung bedeuten. Das Wissen um die Notwendigkeit des wirtschaftlichen Erfolges und die Angst, diesen nicht zu erreichen, sind starke Triebfedern, sehr viel zu arbeiten und dabei auch über seine Grenzen zu gehen. „In der Pionierphase ist es wichtig und oft auch nötig, viel zu arbeiten. Im Idealfall ist man begeistert von seiner Idee, entwirft einen Businessplan und stürzt sich mit positiver Einstellung in die Arbeit. Es ist aber entscheidend, sich und seine Gesundheit dabei nicht auszubeuten, und zu einem gesundem Arbeitsmaß zu finden“, sagt Mag. Christa Schirl, Psychologin und Psychotherapeutin in Linz.

 

Ängste aufarbeiten 

Auch Selbstständige haben in der Regel ein Bedürfnis nach Sicherheit. Viele machen sich Sorgen, finanziell nicht über die Runden zu kommen, im Krankheitsfall kein Einkommen zu haben, zu wenig Pension zu bekommen. „Kommt man damit nicht zurecht, kann man diese Ängste in einer Therapie aufarbeiten. Man erkundet, was Sicherheit geben könnte und welche Schritte nötig wären, wie etwa Investitionen in Werbung oder Fortbildung. Man sieht sich die vorhandenen Ressourcen an, also Wissen, Erfolge, Beziehungen und Erfahrungen, und zieht Bilanz über seine Fähigkeiten und über das, was man bereits vorzuweisen hat. Man erkennt, was man bereits alles geschafft hat, und erarbeitet sich Möglichkeiten und Punkte, welche noch nötig sind, um sich tatsächlich besser sozial abzusichern zu können, um sich schließlich auch subjektiv sicher zu fühlen“, sagt Mag. Schirl.

 

Arbeiten im Krankheitsfall 

Viele Selbstständige arbeiten auch im Krankheitsfall. Das hat mehrere Gründe: Einzelkämpfer haben oft niemanden, der ihre Arbeit übernehmen könnte. Sie fürchten, Kunden und Aufträge zu verlieren, falls sie nicht rechtzeitig die vereinbarten Leistungen abliefern. Zum anderen besteht im Falle einer Erkrankung ein Anspruch auf Unterstützungsleistung aus der Sozialversicherung nur bei einer durchgehenden Arbeitsunfähigkeit von mehr als 42 Tagen. Darüber hinaus besteht zwar die Möglichkeit einer freiwilligen Zusatzversicherung, welche jedoch viele Selbstständige wegen der Zusatzkosten nicht abschließen.

 

Burn-Out-Gefahr 

Wer jahrelang für seine Tätigkeit, sein Business „brennt“, der läuft Gefahr, in eine Burnout-Spirale zu rutschen. Das ist ein schleichender Prozess. Für diese Gefahr gibt es erkennbare Anzeichen.  

Sie haben eine hohe Motivation für Ihre Arbeit? Sie haben große Ansprüche an sich selbst? Sie sind begeisterungsfähig und setzen sich voll für Ihre Aufgaben ein? Gleichzeitig fühlen Sie sich emotional erschöpft, sind krankheitsanfällig, grübeln häufig, leiden unter Schlafstörungen? Sie fühlen sich häufig müde? Sie reagieren oft zynisch? Konflikte treten auf? Ihre Stimmung ist überwiegend schlecht, vielleicht sogar depressiv oder ängstlich? Ziehen Sie sich immer mehr zurück, vernachlässigen Familie, Freunde und andere soziale Kontakte? Sie wissen nicht mehr, was ihnen Spaß machen könnte, verspüren eine generelle Lustlosigkeit? 

Burn-Out-Gefährdete bringen für ihre alten Hobbys keinerlei Energie mehr auf. Sie isolieren sich immer weiter und ziehen sich von privaten Kontakten zurück, weil ihnen jede Unternehmung schnell zu anstrengend wird. Wer es nicht schafft, dieser Negativspirale zu entkommen, sollte Unterstützung und Hilfe in Form von psychologischer Beratung oder Psychotherapie in Anspruch nehmen.

 

Wertigkeit der Arbeit ändern 

Menschen, die sehr viel arbeiten, sehen ihren beruflichen Erfolg als extrem wichtig an. Er steht ganz oben in der Wertigkeit ihres Lebens. Familie, Freunde, Gesundheit, Hobbies und alles andere rangieren deutlich darunter. „Damit man nicht in einem Burn-Out landet, sollte man die Werte seines Lebens auf eine Stufe setzen, also horizontal statt vertikal. Alle Bereiche des Lebens gelten dann gleich viel und sollten mit Leben erfüllt werden“, sagt Mag. Schirl. 

Ein Teil der Selbstständigen verlernt mit der Zeit, angenehme Dinge zu unternehmen. Sie vergessen, was ihnen früher einmal Spaß gemacht hat. Außer zu arbeiten, kommt ihnen nichts anderes mehr in den Sinn. Doch Freizeit ist wichtig. Es gilt den Bogen nicht zu überspannen, sonst verliert er an Spannkraft. „Jeder Sportler weiß: Auch Muskeln bauen sich in den Trainingspausen auf. Man kann nicht immer arbeiten, selbst wenn es einem Spaß macht. Man kann auch nicht jeden Tag seine Lieblingsspeise essen, sonst schmeckt sie bald nicht mehr“, sagt die Psychotherapeutin.

 

Freizeit – eine andere Welt 

Um vom Beruf nicht völlig vereinnahmt zu werden, sollte man nicht nur leistungsbegabt, sondern auch freizeitbegabt sein. Die Freizeit muss das gesunde Gegengewicht zur Arbeit sein. Am besten macht man solche Dinge, die überhaupt nichts mit der Arbeit und der Person/Funktion zu tun hat, die man im Arbeitsleben ist „Man sollte dabei in eine ganz andere Welt eintauchen, sich mit ganz anderen Dingen beschäftigen als im Beruf. Und man sollte sich erlauben, sich anders zu verhalten und anders zu sein. Wer von Berufswegen beispielsweise stets kluge Dinge von sich geben muss, der sollte sich erlauben, nach der Arbeit auch mal absoluten Unsinn zu reden. Das ist befreiend und erleichternd. Wer den ganzen Tag über sitzt, sollte danach nicht vor dem PC oder Fernseher verbringen, sondern sich bewegen und auch mal körperlich auspowern und Sport betreiben“, rät Mag. Schirl. 

Selbständig arbeiten – Die Gefahr zu überpowern











Urlaub machen!

Da Selbstständige aktiv für sich selbst beschließen müssen, Urlaub zu machen, arbeiten viele oft jahrelang, ohne sich einen echten Urlaub, also eine längere Zeit ganz ohne Arbeit, zu gönnen. „In der Anfangsphase der Selbstständigkeit ist es vielleicht vertretbar, wenn man einmal weniger als fünf Wochen Urlaub im Jahr konsumiert, langfristig gesehen sind diese fünf Wochen aber ein Minimum, um leistungsfähig zu bleiben. Viele arbeiten aber oft jahrelang durch und nehmen nur wenig Auszeiten. Das kann daran liegen, dass sie sich einen Urlaub nicht leisten können, oder dass die Arbeit sehr erfüllend ist, dass man erfolgreich ist und sich in seinem Tun als wirksam erlebt. Wenn alles toll läuft, ist das ein gewisser Suchtfaktor, der auch zum Problem werden kann“, sagt die Arbeitspsychologin.

 

Sich Wohlfühlmomente gönnen 

Viele Dauerarbeiter verlieren den Kontakt zu dem, was ihnen guttut. Mag. Schirl rät, den Fokus auf die kleinen Dinge zu legen, die einem ein Wohlgefühl bringen könnten. Man solle sich 30 angenehme Dinge aufschreiben, die weniger als 10 Euro kosten und weniger als eine Stunde dauern. Diese Punkte solle man nicht nur machen, sondern sie sich sehr bewusst gönnen und auskosten, da solche Kleinigkeiten entstressen, das Lebensgefühl heben und die weitere Arbeit erleichtern.  

Beispiele: frische Bettwäsche, das Zimmer gut durchlüften, sich strecken und tief einatmen, Vogelgezwitscher bewusst wahrnehmen, einen Lieblingssong hören, sein Lieblingsjoghurt mit Zimt und Honig zubereiten, die Katze streicheln, Kindern beim Spielen zusehen, jemand umarmen, die Sonne auf der Haut spüren, sich ausgiebig mit dem Lieblingsduschgel einseifen.

 

Dr. Thomas Hartl
März 2022


Bilder: goodlu/Andrey_Popov/shutterstock.com



Zuletzt aktualisiert am 16. März 2022