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Virenangst als Lebenshemmnis

Virenangst als Lebenshemmnis

Das Virus lauert überall. Auf dem Griff des Einkaufswagens im Supermarkt, auf dem Haltegriff in der Straßenbahn, im Atem des Gesprächspartners. Man muss höllisch aufpassen, sonst erwischt einen das heimtückische Coronavirus. So oder ähnlich denken krankheitsängstliche Menschen. Sie haben sich während der Pandemie immer mehr zurückgezogen und finden nur langsam zurück zur Normalität.

Freiwilliger Rückzug

Krankheitsängstliche Menschen geben sich größte Mühe, um der gefürchteten Krankheit zu entkommen. Im Falle von Viren versuchen sie mit allen Mitteln, mit diesen nicht in Kontakt zu kommen: Sie tragen Maske überall dort, wo Viren anderer Menschen in der Luft sein könnten. Sie waschen sich übertrieben oft die Hände beziehungsweise desinfizieren diese häufig. Sie gehen anderen Menschen aus dem Weg, ziehen sich in die eigenen vier Wände zurück, versuchen zuhause zu arbeiten oder zu lernen, besuchen keine Gaststätten und Veranstaltungen, gehen nicht ins Fitness-Studio, verzichten auf Gruppensport und meiden alle körpernahen Dienstleister wie Friseure und Masseure. Ja, sie verzichten auch auf nötige Besuche beim Arzt. „Sie treffen kaum noch Freunde und reduzieren selbst Familienkontakte auf das Allernötigste. Kurz gesagt: Aus Sorge um die Gesundheit ziehen sie sich aus dem sozialen Leben deutlich oder fast völlig zurück“, erklärt der Linzer Psychotherapeut Dr. Hans Morschitzky.

Nichtkrankheitsängstliche Menschen leben nach dem Motto: Falls ich mich anstecke, habe ich halt Pech gehabt. Aber dann habe ich Corona wenigstens hinter mir. Krankheitsängstliche denken sich: Es darf mich auf keinen Fall erwischen. Und wenn doch, bin ich auch noch schuld daran, denn ich habe mich nicht gut genug geschützt.

Motiv Angst

Das Motiv übertriebener Schutzmaßnahmen sind immer Ängste. Betroffene fürchten um die eigene Gesundheit und/oder um die Gesundheit nahestehender Personen.

Im Zusammenhang mit einer möglichen Covid-Erkrankung bestehen verschiedene Ängste: Angst vor

  • der Erkrankung an sich, den damit verbundenen Beschwerden und dem drohenden Leiden.
  • der Quarantäne
  • Long-Covid (Post-Covid)
  • einem Krankenhausaufenthalt, vor der Intensivstation
  • dem möglichen Tod. Junge Menschen fürchten in diesem Zusammenhang vor allem die Gefahr, ihre Lebensträume nicht verwirklichen zu können. Männer sorgen sich häufig darum, die Familie nicht mehr materiell versorgen zu können; Frauen darum, sich nicht mehr um die Kinder und die Familie kümmern zu können.


Restrisiko ist nicht tolerierbar

Krankheitsängstliche Menschen tun alles, was ihnen möglich ist, um nicht krank zu werden. Sie können mit einem bestehenden Restrisiko jedoch nicht umgehen. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen (Impfen, Maske, Hygiene etc.) ziehen sie sich zurück. Ihr Motto: Wer garantiert mir, dass ich mich nicht doch anstecke? Sie verzichten freiwillig auf die angenehmen Dinge eines Lebens im Hier und Jetzt, weil sie das mögliche künftige Unheil mit aller Macht verhindern wollen. Sie leiden zwar unter den Selbstbeschränkungen, nehmen diese aber in Kauf, um möglichst jede Ansteckungsgefahr auszuschließen.


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Erleichterung im Sommer?

Wenn in der warmen Jahreszeit die Bedrohung durch das Virus in den Hintergrund rückt, atmet die Mehrheit der Bevölkerung erleichtert auf und geht ihren normalen Aktivitäten nach.

Krankheitsängstliche Menschen können ihre Ängste aber nur zum Teil ablegen, eine gewisse Vorsicht bleibt bestehen. Beispiel: Ein Urlaub wird nur kurzfristig gebucht, man weiß ja nie, wann die nächste Infektionswelle kommt. Manche verzichten selbst in Zeiten niedriger Inzidenzen auf Urlaub und Reisen; vor allem das Ausland wird gemieden, Fernreisen kommen nicht in Betracht.

Willkommene Lockdowns

Lebenslustige, aktive und freiheitsliebende Menschen fühlten sich durch die Lockdowns oft wie Gefangene. Für sie war es belastend und schwer erträglich, zuhause zu bleiben und auf gesellschaftliche Kontakte zu verzichten.

Ganz anders erlebten Krankheitsängstliche den staatlich angeordneten Rückzug. Viele von ihnen fühlten sich während der strikten Maßnahmen sicherer und daher besser. Sie hatten nun einen triftigen Grund, zuhause zu bleiben; was ihnen entgegenkam, da sie dadurch dem sozialen Leben ausweichen konnten. Aufgrund ihrer generell ängstlich-vermeidenden Lebensführung sind sie den sozialen Rückzug ein Stück weit ohnehin gewohnt und fühlen sich darin sicher.

Die Aufhebung der Lockdowns und der anderen Corona-Schutzmaßnahmen führte zu unterschiedlichen Reaktionen. Jene, die unter den Beschränkungen litten, jubelten über deren Fall. „Viele Krankheitsängstliche haben mit der neugewonnenen Freiheit aber Probleme. Denn nun sind sie wieder verpflichtet, sich vermehrt unter Menschen zu bewegen, was ihnen oft schwerfällt und sie stresst. Zudem ist ihre Fähigkeit zum sozialen Austausch während der langen Lockdown-Monate noch weiter gesunken“, sagt Dr. Morschitzky.

Jugendliche mit Defiziten

Vor allem bei Jugendlichen haben die Lockdowns Defizite verursacht, hatten sie doch im so wichtigen Alter der Pubertät kaum die Möglichkeit, ihre sozialen Fähigkeiten zu erlernen und sich im Umgang mit Gleichaltrigen auszuprobieren. Jugendliche leiden besonders unter einschränkenden Maßnahmen. Studien zeigen, dass beispielsweise die Hälfte der Lehrlinge psychische Probleme (Süchte, Essstörungen etc.) entwickelt hat. Eine Einschränkung der sozialen Aktivitäten führt bei vielen zu Trübsinn und Depressionen.

Rückzug oder am Leben teilnehmen?

Viele Virenängstliche würden gerne am sozialen Leben teilnehmen, unterlassen es jedoch aus Angst vor möglicher Ansteckung. In diesen Fällen trifft eine Erwartungsangst (Angst sich zu infizieren) auf die Möglichkeit eines freudigen Ereignisses. Betroffene sind gezwungen, eine Güterabwägung vorzunehmen. Was ist ihnen wichtiger? Der Gefahr möglichst aus dem Weg zu gehen, oder an freudigen Ereignissen des Lebens teilzunehmen?

„Ich rate meinen Klienten: Halten Sie sich zwar an die staatlich vorgeschriebenen Corona-Maßnahmen, um sich und andere zu schützen, aber seien Sie in ihren eigenen Regeln darüberhinausgehend nicht noch strenger. Sonst beschneiden Sie Ihr Leben in einem Ausmaß, das Ihnen nicht guttut. Verzichten sie nicht auf das Schöne im Leben, sonst werden sie depressiv. Wenn jemand die Angst vor Viren überbetont, sollte er sich fragen, ob er denn keine Angst habe, seine Lebenszeit ungenützt verstreichen zu lassen, weil er sich völlig zurückzieht. Wer ständig alles vermeidet, führt kein Leben, das ihn glücklich machen kann“, so Dr. Morschitzky.

Umgang mit der Angst

Krankheitsängstlichen Menschen zu sagen, sie mögen sich doch keine Sorgen machen, bringt nichts. Die Angst ist eben da und kann auch nicht weggeredet werden. „Besser wäre es, wenn sich Betroffene sagen: Okay, ich habe Angst, so ist es. Doch sie ist kein Grund, mich weiterhin vom Leben zurückzuziehen“, rät Dr. Morschitzky.

Entscheidend ist es, einen Beweggrund, einen Anreiz zu haben, um trotz Angst zu handeln. Die Motivation muss größer sein als die Angst. Der Grund, am sozialen Leben teilzunehmen, muss stärker sein als der Gedanke, der einen davor zurückschrecken lässt. Beispiel: Wer leidenschaftlich gern Fußball spielt, sollte sich überwinden können, seinem Sport wieder nachzugehen, auch wenn das engen Körperkontakt bedeutet.

Gleiches gilt für den Besuch des Stammtisches, eines Fitnesscenters, eines Theaterstücks etc. „Man sollte sich klar machen, was man alles an Lebensfreude verliert, wenn man seiner Virusangst nachgibt. Viel besser ist es, trotz seiner Angst am Leben teilzunehmen. Indem man das immer wieder macht, reduziert sich die Angst mehr und mehr. Ich rate also: Tolerieren sie ihre Angst und machen sie wieder das, was ihnen wichtig ist“, sagt der Psychotherapeut.

Ausweg Psychotherapie

Jene Menschen, die zwar am sozialen Leben gerne wieder teilnehmen würden, das aber wegen ihrer Ängste aus eigener Kraft nicht schaffen und an diesem Zustand leiden, wenden sich häufig an Psychotherapeuten.

In einer Psychotherapie sehen sich Therapeut und Klient die vorhandenen Ängste an und gehen der Frage nach, wie es zu den Ängsten kam und was sie verstärkte. „Man versucht nicht nur, die Ängste weg zu trainieren, wichtig ist es auch, zu verstehen, warum gerade ich an diesen Ängsten mehr leide als viele andere. Gründe dafür gibt es viele, etwa die eigenen Erlebnisse oder eine Erkrankung einer nahestehenden Person“, sagt Dr. Morschitzky.


Dr. Thomas Hartl
April 2022


Bild: TZIDO SUN/shutterstock.com



Zuletzt aktualisiert am 13. April 2022