DRUCKEN

Pflege: Kinder pflegen im Verborgenen

Pflege: Kinder pflegen im VerborgenenKinder, die ihre kranke Mutter, ihren kranken Vater pflegen, sind keine Seltenheit. Eine Studie beleuchtet nun erstmals die Situation dieser jungen Pflegenden, die weitgehend im Verborgenen wirken.

Die Zahl der Kinder, die ihre chronisch kranken Familienangehörigen betreuen und pflegen, wurde bisher deutlich unterschätzt. Ging man bislang von rund 20.000 pflegenden Kindern und Jugendlichen in Österreich aus, so belegt eine wissenschaftliche Studie nun, dass es deutlich mehr sind, nämlich rund 42.700 oder 3,5 Prozent aller fünf bis 18-Jährigen. Diese Zahlen sind der unterste anzunehmende Wert. (Im Folgenden steht der Begriff „Kinder“ stets für Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 18 Jahren.)

Studie bringt Licht ins Dunkel

Im Auftrag des Sozialministeriums wurde vom Institut für Pflegewissenschaft der Universität Wien die Situation von pflegenden Kindern und Jugendlichen in Österreich untersucht. Für die Studie wurden ehemals Pflegende und aktuell Pflegende (so genannte Young Carers) ausführlich über ihre (ehemalige) Pflegetätigkeiten befragt. Es war die erste große Datenerhebung in Österreich zu diesem Thema.

Pflege geschieht überall, sie ist überwiegend weiblich

Rund 7.500 von Kindern ausgefüllte Fragebögen wurden ausgewertet und qualitative Interviews mit ehemaligen pflegenden Kindern (nunmehr Erwachsene) geführt. Die Ergebnisse sind bemerkenswert. „Überrascht hat uns vor allem die Tatsache, dass häusliche Pflege durch Kinder und Jugendliche überall im gleichen Ausmaß auftritt. Und zwar unabhängig vom Einkommen der Familie, vom sozialen Status, vom Wohnort (Stadt/Land) oder ob es sich um Österreicher oder Migranten handelt“, so Mag. Dr. Martin Nagl-Cupal vom Institut für Pflegewissenschaften der Universität Wien.
Einzig das Geschlecht spielt eine signifikante Rolle. Ein Großteil der Pflegenden, nämlich knapp 70 Prozent, ist weiblich. Das durchschnittliche Alter der pflegenden Kinder liegt bei zwölfeinhalb Jahren. Die Intensität der Pflege nimmt mit steigendem Alter zu, je älter das pflegende Kind, desto anspruchsvollere Tätigkeiten übernimmt es. Laut Studie pflegen die Betroffenen am häufigsten ihre Mutter, gefolgt von der Großmutter und anderen Familienmitgliedern. Die Kinder und Jugendlichen sind dabei mit Krankheiten wie Krebs und Muskelschwund ebenso konfrontiert wie mit Alkoholsucht und psychischen Problemen.
Viele Betroffene wachsen laut Studie mit der Erkrankung des Familienmitglieds von Kleinkindalter an auf. Viele erleben keine normale Kindheit, vor allem, wenn die Krankheit sehr früh auftritt. Die Pflege eines kranken Familienmitglieds endet zumeist nicht mit der Volljährigkeit, sondern geht darüber hinaus. Sehr oft ist das Ende der Pflege mit dem Zeitpunkt des Todes des kranken Familienmitglieds ident.

Pflege und Haushalt

Pflegende Kinder leisten in den verschiedensten Lebensbereichen Unterstützungsarbeit. Sie helfen im Haushalt, helfen ihren Geschwistern oder widmen sich der direkten Pflege für die erkrankte Person. Ein Viertel ist in all diesen Bereichen eingesetzt. Sie kochen, putzen, verabreichen Medikamente, helfen beim Waschen, Anziehen oder Aufsetzen.
Ein Detailergebnis der Studie: 14 Prozent der pflegenden Kinder geben an, fünf oder mehr Stunden pro Tag unterstützend tätig zu sein. Dies macht deutlich, wie viel Verantwortung und Last diese Kinder in ihrem Alltag übernehmen.

Körperliche und psychische Belastungen

Die Belastung durch die Pflege macht die Young Carers oft selbst krank. Im Vergleich zu nicht pflegenden sind sie stärker körperlich und psychisch belastet. Zum einen treten viel häufiger Rücken- und Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schlaflosigkeit auf, zum anderen machen sie sich oft Sorgen und sind häufig traurig. „Dies legt den Schluss nahe, dass es pflegenden Kindern schwer fällt, eine unbeschwerte Kindheit zu erleben“, so Studienleiter Nagl-Cupal.
Die Studie zeigt aber auch, dass sich nicht alle Kinder belastet fühlen und die Verantwortung nicht immer Spuren hinterlässt. Es zeigen sich fallweise sogar positive Auswirkungen. Beispielsweise fühlen sich pflegende Kinder im Vergleich zu nicht pflegenden Kindern dem Leben sehr oft besser gewachsen, reifer und verantwortungsbewusster.

Verborgenes Phänomen

Ein zentrales Merkmal kindlicher Pflege ist die Verborgenheit, in der dieses Phänomen stattfindet. Young Carers sprechen nicht über ihre Erfahrungen (oft nicht einmal mit engsten Vertrauten) und scheuen die Öffentlichkeit. Zum Teil aus Angst vor negativen Konsequenzen für ihre Familie, zum Teil aus Scham. In der vorliegenden Studie wird aber auch deutlich, dass ehemalige pflegende Kinder, selbst nach vielen Jahren, sich selbst nicht als Pflegende wahrgenommen haben. Für sie war es normal zu helfen, es wurde nicht in Frage gestellt. Viele der Kinder oder ehemaligen Kinder sind oder waren sich ihrer pflegenden Rolle überhaupt nicht bewusst. „Manche Ältere sprachen mit uns überhaupt zum ersten Mal in ihrem Leben über ihre frühre Rolle als Pflegende in der Familie. Andere wollten nicht darüber sprechen, um sich und ihre Familien zu schützen“, so Nagl-Cupal.

Bewusstsein schaffen, Hilfsangebote sind nötig

„Pflegende Kinder sind in der Gesellschaft überhaupt kein Thema. Sie werden nicht wahrgenommen, so als gäbe es sie nicht. Diese Verborgenheit der Pflegesituationen zu durchbrechen, ein Bewusstsein für kindliche Pflege in der Familie zu schaffen, ist eine zentrale sozialpolitische Herausforderung. Österreich steht erst am Anfang was die Wahrnehmung dieses Problems betrifft“, so der Pflegewissenschafter.

Die zentrale Empfehlung der Studie ist deshalb Enttabuisierung. Es gilt, erstmals ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen, und zwar

  • in der Bevölkerung allgemein,
  • bei den pflegenden Kindern und Jugendlichen selbst,
  • bei Angehörigen der Gesundheitsberufe (Ärzte, professionelle Pfleger etc.) und bei Pädagogen.

„Auch diese Gruppen sollten sensibler und aufmerksamer werden, wenn sie mit chronisch kranken Patienten zu tun haben und wissen, dass im Haushalt ein Kind ist, dass möglicherweise zur Pflege herangezogen wird“, so der Studienleiter.
Pflegende Angehörige sollten das Recht haben, als solche identifiziert zu werden, um Hilfe und Entlastung zu bekommen. Hilfe kann bedeuten:
  • das Recht, Kind sein zu können und altersgerecht aufzuwachsen,
  • leicht erreichbare Orte, Institutionen, Ansprechpartner für die Pflegenden, wohin sich die Kinder und Jugendliche ohne bürokratischen Aufwand wenden können. Betroffene brauchen Information und Beratung, z.B. damit sie wissen, was etwa zu tun ist, wenn es der Mutter schlecht geht.
  • Austausch mit anderen Betroffen.
  • Hilfe für die gesamte Familie. „Hilfst du der Familie, hilfst du den Kindern“, so der Studienleiter.
Ehemalige pflegende Kinder hätten sich laut Studie vor allem folgende Punkte gewünscht: ein besseres Wissen über die Erkrankung und deren Symptome, praktische Unterstützung im pflegerischen Alltag, vor allem bezogen auf körperlich anstrengende und Ekel erregende Tätigkeiten. Viele hätten Beratung bezüglich der Organisation des Pflegealltags gebraucht, viele eine Anlaufstelle für pflegerische Notfälle und später auch einen Ort, an dem ihnen in besonderen Situationen wie Tod oder Trauer geholfen wird. Viele hätten sich gewünscht, einfach zwischendurch Kind sein zu dürfen, ohne für jemanden anderen verantwortlich zu sein.

Dr. Thomas Hartl
April 2013


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020