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Frau arbeitet im Labor

Sepsis – Früherkennung ist entscheidend

Bei einer Sepsis gerät eine Infektion außer Kontrolle und befällt den ganzen Körper. Wird sie nicht erkannt und behandelt, besteht Lebensgefahr. Neben dem unspezifischen Gefühl, schwer krank zu sein, gibt es einige deutliche Hinweise, die es jedermann ermöglichen, eine beginnende Sepsis zu erkennen. 

Eine Sepsis ist eine aggressive Entzündungsreaktion, die sich aus einer Infektion entwickelt. Im Laufe dieses Prozesses breitet sich die anfänglich lokal begrenzte Infektion (beispielsweise eine Wunde oder eine Lungenentzündung) über das Blut auf den Körper aus. Es kann es zu einer schockartigen Reaktion mit massiver Kreislaufschwäche bis hin zum Versagen des Kreislaufes kommen. Bei ausbleibender oder später Behandlung droht im schlimmsten Fall Organversagen (vor allem Nierenversagen) und Tod. 

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Immunsystem überfordert 

Bei einer Infektion bekämpft das körpereigene Abwehrsystem die Krankheitserreger. In aller Regel wird dadurch die Infektion auf ihren Entstehungsort begrenzt und heilt nach einigen Tagen wieder aus. Handelt es sich jedoch um aggressive Krankheitserreger und ist das Immunsystem geschwächt, besteht die Gefahr einer Sepsis.

„Sepsis bedeutet, dass man eine Flut von gefährlichen Keimen im Blut hat, mit der der Körper nicht zurechtkommt und daher heftig und schockartig reagiert. Der Körper reagiert auf den Angriff der Bakterien oder Viren nicht falsch, er gibt alles, um uns zu schützen, doch gegen die Heftigkeit mancher Infektionen ist er eben machtlos“, sagt OA Dr. Fritz Firlinger, Intensivmediziner bei den Barmherzigen Brüdern Linz. 

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Ursachen 

Grundsätzlich kann jede Infektion, egal ob durch Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten verursacht, zu einer Sepsis ausarten. Typische Ausgangspunkte sind vor allem Wunden, Lungenentzündung und Harnwegsinfekt, aber auch Grippe, Bauchfellentzündung, Infekte der Verdauungsorgane und Gehirnhautentzündung und sogar banale Atemwegsinfekte können der Ausgangsherd eines septischen Prozesses sein (Achtung! In den allermeisten Fällen kommt es jedoch zu keiner Sepsis!). 

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Früherkennung steigert Heilungs- und Überlebenschance 

Zeit ist bei der Behandlung einer Sepsis ein entscheidender Faktor. Je rascher eine beginnende Sepsis erkannt wird, desto effektiver wirkt die Therapie und desto größer sind die Heilungs- und Überlebenschancen. Umgekehrt gilt: Je später die Behandlung, desto dramatischer der Verlauf. 

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Anzeichen einer Sepsis 

Unspezifische Merkmale sind Fieber und ein starkes Krankheitsgefühl, oft in Verbindung mit Beschwerden wie Schüttelfrost, Bewusstseinsstörung oder Verwirrtheit, Atemprobleme oder schnelle Atmung, hoher Puls, niedriger Blutdruck, wenig Harn und gerötete Haut (der Patient „brennt wie ein Ofen“). Der Umstand, dass viele dieser Symptome auch bei Grippe und anderen Infektionen auftreten, erschwert die Früherkennung und führt oft zu Verzögerungen bei der Diagnose.

Es gibt jedoch auch sehr spezifische Merkmal, die eine Sepsis auch für den Laien gut erkennbar machen:

  • Der Kreislauf ist schwer beeinträchtigt.
  • Sehr schneller Puls plus gleichzeitig ein niedriger Blutdruck.
  • Marmorierung: Am Beginn eines Kreislaufversagens kann man auf beiden (!) Knien des Patienten eine seltsam fleckige Marmorierung und eine spinnennetzartige Blaufärbung erkennen. In Stadium 1 dieses sogenannten Mottling Scores ist die Marmorierung so groß wie eine 2-Euro-Münze, in Stadium 2 hat sie die Größe eines Handtellers. Dieses Erkennungszeichen bedeutet: Alarm, sofort zum Arzt!
  • Blasse Extremitäten. Aufgrund geringer Durchblutung sind vor allem Finger und Zehen auffällig blass. Die Blässe muss beidseitig vorhanden sein. Einseitige Blässe deutet dagegen nicht auf Sepsis hin, sondern auf eine Durchblutungsstörung. „Man kann das gut selbst überprüfen, indem man auf einen Fingernagel drückt. Normalerweise wird der Bereich darunter kurz weiß und rasch wieder rosa. Bleibt die Stelle länger als ein bis zwei Sekunden weiß, ist das ein Früherkennungszeichen für eine beginnende Sepsis, da es auf einen verzögerten Blutkreislauf hinweist“, erklärt Firlinger.
  • Der berühmte „rote Strich am Arm“ ist dagegen kein Anzeichen für Sepsis, sondern deutet auf eine Entzündung der Lymphgefäße hin. 
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Meist liegt keine Sepsis vor 

Wichtig! Fühlt man sich krank, liegt meist ein bloßer Infekt und keine Sepsis vor. „Nicht jeder Kranke mit Fieber hat Sepsis, ganz im Gegenteil, 99 Prozent haben bloß einen Infekt, aber keine Sepsis. Es gibt also keinen Grund zur Panik. Fühlt man sich krank und hat man Angst, dass man vielleicht eine Sepsis entwickelt, sollte man überprüfen, ob die hier beschriebenen spezifischen Erkennungsmerkmale auch vorliegen. Im Zweifelsfall sollte man den Hausarzt kontaktieren “, sagt Firlinger. 

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Hohe Sterblichkeit 

Eine Sepsis ist im Vergleich zu Grippe und anderen Infektionen also ein eher seltenes Ereignis. Doch wenn sie eintritt, ist sie sehr ernst zu nehmen, da sie mit einer hohen Sterberate von etwa 25 Prozent einhergeht. Diese hohe Sterblichkeit führt dazu, dass Sepsis und ihre schwerste Form, der septische Schock, weltweit Ursache von rund fünf Millionen Todesfällen pro Jahr sind. In Europa erkranken pro Jahr etwa eine halbe Million Menschen an Sepsis.

Für Österreich fehlen zuverlässige Daten, die Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) geht von etwa 28.000 Sepsis-Erkrankten und von rund 6.700 Sepsis-bedingten Todesfällen pro Jahr aus. Damit liegt Sepsis bei den Todesursachen in Österreich noch vor Schlaganfall, Herzinfarkt oder Lungenkrebs. 

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Risikogruppen 

Am häufigsten betroffen sind Menschen mit noch nicht voll entwickeltem Immunsystem (Babys, Kleinkinder) oder mit geschwächten Immunsystem (vor allem alte Menschen mit mehreren Erkrankungen). Das Immunsystem kann auch durch bestimmte Erkrankungen geschwächt oder durch bestimmte Medikamente (Immunsuppressiva) herabgesetzt sein. Immunsuppressiva werden zum Beispiel bei Organtransplantationen oder schwerem Rheuma eingesetzt.

„Sepsis kann aber auch bei Menschen mit intaktem Immunsystem auftreten, vor allem wenn es sich um besonders viele und/oder besonders aggressive Keime handelt, wie beispielsweise Meningokokken, die sich rasend schnell vermehren“, sagt Firlinger. 

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Vorbeugung 

Impfungen sind nur gegen bestimmte Bakterien und Viren möglich, aber nicht gegen die Sepsis an sich. 

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Bei Verdacht rasch zum Arzt 

Liegt ein begründeter Verdacht auf Sepsis vor, sollte man rasch einen Arzt aufsuchen. Dieser erkennt eine Sepsis häufig schon anhand einer Blickdiagnose. Er kann die Lage auch anhand eines sogenannten quickSOFA-Score testen. Der Score besteht aus drei einfachen Kriterien: Atemfrequenz von 22/min oder mehr, Bewusstseinstrübung und ein systolischer Blutdruck von weniger als 100 mmHg. Sind mindestens zwei dieser Kriterien erfüllt, ist die Wahrscheinlichkeit für eine schwere Sepsis erhöht.

Bestätigt sich die Vermutung, erfolgt sofort eine Aufnahme in einem Krankenhaus. Dort werden sehr rasch verschiedene Maßnahmen eingeleitet:

  • Antibiotika werden verabreicht.
  • Der Kreislauf wird gestützt.
  • Flüssigkeit wird zugeführt.
  • In schweren Fällen wird eine intensivmedizinische Behandlung durchgeführt.

 

Dr. Thomas Hartl

März 2020


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 20. März 2020