DRUCKEN
Mann sitzt auf der Couch mit dem Laptop und der kleine Sohn spielt mit ihm

Homeoffice – Fallstricke und Stolperfallen

Arbeiten von zu Hause aus hat seine Vorteile, aber auch viele Tücken. Klare Absprachen mit dem Arbeitgeber, Eliminierung von Störquellen und Selbstdisziplin sind wichtig, um sich nicht zu überfordern. 

Viele Selbstständige arbeiten von zu Hause aus und infolge der Corona-Krise werden es auch immer mehr Angestellte, die in den eigenen vier Wänden ihre Arbeit am Computer verrichten. Daheim zu arbeiten hat durchaus Vorteile. Man fühlt sich frei, kann selbstbestimmt und weitgehend autonom tätig sein; man steht nicht im Stau und erspart sich dadurch viel Wegzeit. Doch es gibt auch Fallstricke und Stolperfallen, die es zu umgehen gilt, wenn man langfristig diese Art zu arbeiten erfolgreich gestalten will.

Mögliche Probleme gibt es viele: Das Arbeiten im Homeoffice erfordert ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Eigenleistung eines jeden Einzelnen. Man kann die Kollegen nicht spontan um Rat fragen und muss viele Dinge selbst lösen und entscheiden. Man nimmt nicht mehr an den üblichen Arbeitsabläufen in der Firma teil, was bei manchen Betroffenen das Gefühl auslöst, abgeschoben zu sein und nicht mehr dazuzugehören. 

up

Es wird mehr gearbeitet 

Im Homeoffice wird tendenziell mehr gearbeitet als im Gebäude des Arbeitgebers. Gründe dafür gibt es viele, etwa dass man keinen Vergleich hat, wieviel die Kollegen leisten, denn man will nicht zurückbleiben. „Man kann nicht abschätzen, wo man im Vergleich mit den anderen liegt und fürchtet, vielleicht doch zu wenig zu tun. Die Angst um den Arbeitsplatz erfährt dadurch eine neue Dimension. Bei manchen entwickelt sich ein innerer Antreiber, der sie stets zur Leistung mahnt“, sagt Psychotherapeutin Michaela Badegruber vom Institut für Psychotherapie am Neuromed Campus des Kepleruniversitätsklinikums Linz.

Auch besteht die Gefahr, ständig für den Arbeitgeber und für Kollegen erreichbar sein müssen. Darum stellen viele Computer und Handy erst beim Zubettgehen aus, oder auch gar nie. Die dauernde Bereitschaft, Leistung zu zeigen oder zumindest bereit zu sein, wird für viele zu einem echten Problem.

Zudem ist die effektive Arbeitszeit zu Hause oft höher als im Büro, weil die Plaudereien mit den Kollegen wegfallen, ebenso wie Kaffee- und Rauchpausen. Kaffee, Zigaretten und Jause werden zu Hause meist direkt am Computer sitzend konsumiert. 

up

Nicht überpowern 

Bemerkt man, dass die Geschwindigkeit der Arbeit und der innere Druck steigen, sollte man innehalten und durchatmen. Im roten Bereich zu arbeiten, ist für die Gesundheit schädlich. „Das ist wie beim Autofahren, sobald die Drehzahl zu hoch ist, muss man runter vom Gas gehen. Außerdem bringt ein zu schnelles Arbeiten meist auch schlechtere Arbeitsergebnisse. Wenn du es eilig hast, geh bewusst langsam – dieses Motto stimmt auch in dieser Situation“, sagt Badegruber.

Damit man nicht „überpowert“, sollte man sich selbst beobachten. Man sollte sich hin und wieder die Frage stellen: Tut es mir gut, wie ich arbeite? Wie fühle ich mich dabei? Wie fit bin ich nach der Arbeit? Habe ich noch Energie, mich meiner Familie zu widmen, oder meinen Hobbys? Oder hat man das Gefühl, dass jetzt absolut nichts mehr geht, man nur noch seine Ruhe haben will?

Ein Burnout entsteht vor allem dann, wenn man permanent unter dem Gefühl der Überforderung arbeitet. Badegruber: „Viele versuchen das Überforderungsgefühl mit noch mehr Arbeit zu kompensieren – ein Versuch, der in einer Erschöpfungsdepression enden kann.“ 

up

Die Arbeit drängt sich ins Privatleben 

Arbeit im Homeoffice bedeutet, dass eine strikte Trennung von Arbeit und Privatleben schwer möglich ist. Man hat das Gefühl, stets mit der Arbeit verbunden zu sein. Am Morgen steht man auf und sitzt sofort am Schreibtisch (oft auf Kosten der Körperhygiene). Die Aufwärmphase am Morgen (der Weg zur Arbeit) entfällt ebenso wie die Abkühlphase am Weg vom Büro nach Hause.

Wer zu Hause arbeitet, hat oft Probleme, die Arbeit nach „Feierabend“ zu beenden und diese auch gedanklich fallen zu lassen. Schreibtisch oder Computer symbolisieren den Arbeitsplatz. Diese Symbole sind nun auch in der Freizeit präsent, daher denkt man auch permanent an die Arbeit. Man wird verleitet, abends oder gar nachts den Computer einzuschalten, etwa bei bereits auftretenden Schlafstörungen oder wenn einem eine arbeitsbezogene Idee durch den Kopf geht. Oder man beginnt schon zeitig am Morgen zu arbeiten, falls man zu früh aufgewacht ist und die Zeit bis zum eigentlich festgelegten Arbeitsbeginn nicht verschwenden will. Man arbeitet selbstständig im Sinne von selbst und ständig. 

up

Kinderbetreuung und Ablenkung 

Ganz schwierig wird das Arbeiten im Homeoffice, wenn ein oder gar mehrere Kinder zu Hause sind oder sogar ganztags Betreuung bedürfen. Auf Dauer lässt sich Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit kaum erfolgreich und ohne großen Stress realisieren. Möglicher Umgebungslärm (durch Nachbarn, Mitbewohner) ist oft groß und erschwert konzentriertes Arbeiten.

In Corona-Zeiten kommen bei vielen Menschen noch weitere Stressoren hinzu, wie die Angst um die Gesundheit und Existenzängste wegen der steigenden Arbeitslosigkeit durch die Pandemiemaßnahmen. 

up

Strukturen festlegen 

Hier einige Tipps, die Arbeiten im Homeoffice erleichtern:

  • Um Frust, Angst und Auspowern zu vermeiden, sollte man mit dem Arbeitgeber genau festlegen, was man leisten soll. Exakte Absprachen verhindern Grübeleien und das diffuse Gefühl, etwas falsch zu machen.
  • Man sollte sich in Absprache mit dem Arbeitgeber fixe Zeiten setzen, wann man arbeiten möchte und wann nicht (mehr). Auch Pausen fixieren!
  • Hat man die Arbeitszeit festgelegt, sollte man sich auch an diese halten. Vor allem sollte man es sich nicht zur Gewohnheit machen, diese zu überschreiten. Am Ende der Arbeitszeit sollte man den Computer auch wirklich ausschalten. Viele Heimarbeiter haben nicht das Problem, dass sie sich nicht motivieren könnten, genug zu tun, sondern sie können die Arbeit nicht beiseitelegen, etwa weil eine Arbeit noch nicht fertig ist oder man glaubt, es dem Arbeitgeber schuldig zu sein, eine Extraschicht einzulegen.
  • Ist man Teil eines Teams, gilt es sich mit den Arbeitskollegen abzusprechen und die Kommunikation aufrecht zu erhalten, um nicht in ein Einzelkämpfertum zu verfallen. 
up

Störfaktoren minimieren 

Störquellen minimieren erspart einem Stress und erhöht die Arbeitsleistung. Folgendes kann helfen:

  • Die Türglocke ausschalten, damit man von Zustelldiensten, Nachbarn etc. nicht bei der Arbeit gestört wird.
  • Handy ausschalten oder lautlos stellen, falls man es nicht für die Arbeit braucht.
  • Störungen bei der Arbeit führen häufig zu Ärger und Streit. Ein „Nicht stören“-Schild an der Türklinke des Arbeitszimmers erinnert Mitbewohner daran, dass Sie arbeiten.
  • Die Familie bzw. Mitbewohner müssen wissen, wann Sie arbeiten und wann Sie keinesfalls dabei gestört werden dürfen. 
up

Mehr bewegen 

Arbeit im Homeoffice bedeutet weniger körperliche Bewegung als Arbeit im Büro. Der Weg zur und von der Arbeit fällt weg, zwischen Bett und Schreibtisch liegen oft nur wenige Schritte. Auch die Bewegung im Büro fällt weg, die Wege zu den Kollegen, zur Kantine etc. Es ist daher wichtig, in den Arbeitspausen entweder zu Hause ein kleines Workout zu machen oder einen Spaziergang zu unternehmen.

 

Dr. Thomas Hartl

Mai 2020


Bild: shutterstock



Zuletzt aktualisiert am 22. Mai 2020