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Arzt schaut Röntgenbild an

Operationen am Bewegungsapparat – wo und wann sinnvoll

Schmerzt es an der Hüfte, im Knie oder an der Wirbelsäule, stellt sich für viele Patienten früher oder später die Frage: Soll ich eine Operation riskieren? Wird sie mich von meinem Leiden befreien oder die Sache vielleicht sogar noch schlimmer machen? Im Folgenden die Einschätzung eines Experten, der schon Tausende Patienten mit Problemen am Bewegungsapparat begleitet hat. 

Laut Statistik Austria wurden im Jahr 2018 in Österreich 303.027 Operationen am Bewegungsapparat durchgeführt. Häufig wird kritisiert, dass viele dieser Operationen überflüssig seien und die Schmerzproblematik der Patienten nicht verbessern würden. Im Folgenden erfolgt eine Beurteilung der Operationen an Knie, Hüfte und Wirbelsäule durch Dr. Martin Pinsger, Orthopäde und Leiter des Schmerzkompetenzzentrums Bad Vöslau. 

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Künstliche Hüftgelenke 

Die Implantationen künstlicher Hüftgelenke werden weltweit nur in Deutschland und der Schweiz noch häufiger durchgeführt als in Österreich. „Künstliche Hüftgelenke erleichtern vielen Patienten ihr Leben. Wer schon einmal an einer schweren Hüftarthrose gelitten hat und dann mit einer Prothese aus Titan wieder schmerzfrei gehen kann, wird Loblieder über diese Entwicklung singen. 90 Prozent der Patienten spüren später nichts bis wenig von Ihrem Implantat. Trotzdem sollte vor der Operation das Gewicht normalisiert werden, die Beweglichkeit in Schuss gehalten und auf einen ausreichenden Spiegel an Vitamin D geachtet werden. Auch die soziale Belastung sollte vor und nach der Operation deutlich reduziert werden, man sollte sich also nicht verausgaben“, rät Pinsger. 

Auch wenn eine Operation an der Hüfte meist erfolgreich verläuft, stellt jeder chirurgischer Eingriff immer auch ein gesundheitliches Risiko dar (Wundinfektion, Thrombose, unerwünschte Reaktionen auf die Anästhesie). Operationen könnten häufig vermieden werden. Eine schmerzhafte Hüftarthrose, die letztendlich zur Operation führt, ist kein unvermeidliches Schicksal, sondern entwickelt sich langsam über viele Jahre hinweg. Diese degenerative Entwicklung ließe sich häufig verhindern. Geeignete Maßnahmen wären Normalgewicht und regelmäßige körperliche Aktivität wie Gymnastik, sanfter Ausgleichsport wie Radeln und Schwimmen. 

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Operationen am Knie 

Auch bei der Anzahl der durchgeführten Knieoperationen liegt Österreich im internationalen Spitzenfeld. Zu den häufigsten Eingriffen der Kniechirurgie gehören die Implantation eines Kniegelenks, Meniskusoperationen und Kreuzbandoperationen. Die zu erwartenden Komplikationen sind gering. Bei der Implantation eines künstlichen Kniegelenks kann es durch postoperativen Bewegungsmangel zu Verklebungen und Verwachsungen in der Knie-Endoprothese kommen. Auch Kalkablagerungen und Prothesenlockerungen sind möglich.

Pinsger: „Die Zufriedenheit der Patienten nach dem Einsetzen dieses Gelenks ist deutlich geringer als bei einem Hüftgelenk. Narbenzüge nach der Operation können Hautnerven einklemmen und neuropathische Schmerzen auslösen. Es kann zu einer lokalen Osteoporose oder zu schmerzhafter Rötung und Schwellung im Bereich des operierten Kniegelenks kommen. Die Komplikation ist nicht selten und das Zeitfenster für eine gezielte Behandlung beträgt nur wenige Monate. Die Biomechanik des Kniegelenkes ist zudem komplex und die künstlichen Gelenksteile sind nicht in der Lage, sämtliche Bewegungsabläufe, z.B. in tiefer Kniebeuge oder bei sprungartigen Bewegungen, zu realisieren.“ 

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Problemzone Wirbelsäule 

Noch weniger Zufriedenheit bei den Patienten gibt es bei Wirbelsäulenoperationen, so Pinsger. In diesen Fällen ist neben der korrekten Technik des Chirurgen auch die individuelle Begleitung des Patienten von größter Bedeutung. So bringen Eingriffe an der Wirbelsäule postoperativ oft große Schmerzprobleme mit sich. „In diesen Fällen ist die Gabe von ausreichend Schmerzmitteln als Überbrückung wichtig. Vor allem Versteifungsoperationen sind problematisch. Die Wirbelsäule wird dadurch steifer und hat nun Belastungszonen oberhalb und unterhalb der Versteifungsstelle – und genau dort kommt es durch weitere Belastung und Bewegung zu Anschlussdegenerationen. Das ist dann oft ein schmerzhafter Prozess und die berufliche Belastbarkeit nimmt rapide ab. Alle paar Jahre wird dann häufig das nächste anschließende Segment operiert, das ist für die Patienten oft ein dramatischer Prozess. In diesem Zusammenhang besteht große Unzufriedenheit, da sich die Betroffenen meist viel von einem chirurgischen Eingriff erwarten und der Erfolg oft ausbleibt. Die Schmerzen verschwinden oft nicht, sondern nehmen fallweise sogar zu. Die Mobilität dagegen wird weniger. Die bewältigbaren Gehstrecken nehmen weiter ab, ebenso wie die Fähigkeit, Dinge zu heben oder zu tragen“, sagt der Orthopäde.

Operationen an der Wirbelsäule sind nur zum Teil zwingend nötig. Vor derartigen Eingriffen sollte man sich gut beraten lassen und auch mehrere ärztliche Meinungen einholen. Auch eine medizinische Begleitung nach dem Eingriff ist nötig. Pinsger: „Ein Großteil der Patienten erwartet durch eine Wirbelsäulenoperation eine deutlich erhöhte Leistungsfähigkeit. Diese Hoffnungen sind vielfach unrealistisch. Die Trainierbarkeit der Wirbelsäule nach multisegmentalen Eingriffen ist reduziert.“

Die Erfolgsaussichten bei Wirbelsäuleneingriffen schätzt der Experte als nicht zufriedenstellend ein: „Vielfach nehmen Patienten an, dass ihre Rückengesundheit dadurch wiederhergestellt werden könnte. Dem ist aber oft nicht so. Es sollte jedem klar sein, dass es zu Problemen mit durchgetrennten Muskeln, Narben, Wundsekret und Lymphabflusses kommen kann und dass nicht zuletzt die Blockaden in den Bewegungsketten beträchtliche Beeinträchtigungen für die Patienten darstellen. Die bei Hüft-OPs oft empfundene Erlösung kann eine Wirbelsäulen-OP meist nicht bieten.“ 

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Spezialfall Operationen an der Halswirbelsäule 

Besondere Vorsicht sollte man bei einer Operation im Bereich der Halswirbelsäule walten lassen. Derartige Operationen sind nur selten wirklich nötig und zielführend. Meistens reichen konservative Maßnahmen und eine Umstellung einiger Lebensgewohnheiten aus, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Operationen sind zudem nur nötig bei Lähmungserscheinungen, bei neurologischen Ausfällen, starker Druckwirkung am Rückenmark oder Organveränderung des Rückenmarkes (Myelopathie). „Sie sollten wirklich der allerletzte Ausweg sein und nur dann vorgenommen werden, wenn eine konsequente konservative Therapie keinen Erfolg gebracht hat“, rät Pinsger.

Hat man sich zu einer OP entschlossen, stehen verschiedene Methoden zur Verfügung. Kleinere Bandscheibenvorfälle können mittels mikrochirurgischer Techniken vom Nacken her operiert werden. Bei größeren Vorfällen muss die Bandscheibe vom Hals her entfernt werden. Anschließend wird ein starres Implantat (Versteifung) oder eine künstliche Bandscheibe (Prothese) eingebracht.

Operationen an der HWS bringen nicht immer das Ergebnis, das sich die Patienten erhoffen. Zudem bergen sie das Risiko von Verletzungen von Rückenmark und Nerven. Eine Rückenmarksschädigung ist meist irreversibel und für den Patienten dramatisch, sie geht bis hin zur Spastizität und Querschnittsymptomatik. Bevor man sich zu einer Operation entschließt, sollte man in jedem Fall die Meinung von zumindest zwei wirklich erfahrenen Chirurgen einholen.

 

Dr. Thomas Hartl

Oktober 2020


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 16. Oktober 2020