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Arzt behandelt Frau am Nacken

Schmerzentwicklung – Körper, Psyche und Lebenssituation spielen stark mit

Bei der Behandlung von Schmerzen ist es wichtig, nicht nur die sichtbar betroffenen körperlichen Regionen zu behandeln. Es gilt auch die psychischen und sozialen Komponenten, die oft im Hintergrund eine beträchtliche Rolle im Schmerzgeschehen spielen, miteinzubeziehen. Vor allem bei chronischen Schmerzen führt nur eine Therapie, die den Menschen als Ganzes sieht, zum Erfolg. 

Schmerz ist kein ausschließlich körperbestimmtes Phänomen. Schmerzen von Patienten mit der gleichen Diagnose und der gleichen Therapie können gänzlich unterschiedliche Entwicklungen nehmen. Bei den einen nehmen die Schmerzen ab oder bleiben stabil, bei anderen kommt es zu Schmerzeskalationen und tragischen Verläufen. 

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Lebensumstände von großer Bedeutung 

Ein Grund für diese unterschiedlichen Verläufe ist, dass die individuelle Schmerzentwicklung nicht nur vom vorhandenen körperlichen Schaden abhängt, sondern sich auch aus den Lebensumständen und den damit einhergehenden Gefühlszuständen und Verhaltensweisen eines Patienten zusammensetzt.

Zur Schmerzeskalation kommt es meist dann, wenn mehrere negative Komponenten ineinanderfließen. Konkret, wenn der Patient nicht nur Schmerzen, sondern auch Ängste und Sorgen hat, deprimiert ist, sich zurückzieht, seine Hoffnungen verliert und sich keine Ziele mehr setzt. „Würde man bei solchen Patienten nur die körperlichen Beeinträchtigungen therapieren, wären die Behandlungen in vielen Fällen wenig oder gar nicht erfolgreich. Solche Patienten brauchen Menschen, die ihnen aus dieser Situation wieder heraushelfen, sei es Partner, Freunde oder einen guten Arzt oder Therapeuten, ansonsten geht diese Negativschleife immer weiter“, sagt Dr. Martin Pinsger, Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie in Bad Vöslau und Wien. 

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Die eine Schmerzursache gibt es kaum 

Im Gehirn werden körperliche Schmerzen und psychische Schmerzen, wie etwa die schmerzhafte Erfahrung sozialer Ablehnung, in den gleichen Regionen verarbeitet. Man kann sie im Grunde nicht trennen, die Verarbeitungsprozesse sind die gleichen.

Häufig macht es auch keinen Sinn, nach der einen Schmerzursache zu forschen, denn ständige oder dauerhafte Schmerzen haben meist ein ganzes Bündel an Ursachen, die in der gesamten Lebenssituation des Menschen zu finden sind. Patienten mit chronischen Schmerzen haben meist körperliche plus psychische plus soziale Probleme, die sich gegenseitig beeinflussen und ineinanderfließen. Nur in Ausnahmefällen sind chronische Schmerzen eine ausschließlich körperliche Angelegenheit.

Körper und Psyche beeinflussen sich gegenseitig. Im Bereich der Schmerzen zeigt sich diese Tatsache sehr deutlich. Psychische Probleme können körperliche Schmerzen auslösen oder verstärken. Aber auch umgekehrt gilt: Körperliche Schmerzen können psychische Probleme auslösen oder verstärken. Bei vielen Patienten, die oft schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten an Schmerzen leiden, lässt sich nicht mehr feststellen, ob zuerst die Psyche oder zuerst der Körper beeinträchtigt war. 

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Anschauungsbeispiel – Herr Meier 

Folgendes fiktive Beispiel (eine Begebenheit, die sich so oder ähnlich ständig zuträgt) soll zeigen, wie Körper, Psyche und Lebensumfeld zusammenhängen:

Herr Meier, 52 Jahre, kommt schmerzverzerrt zum Orthopäden. Dieser stellt einen Bandscheibenvorfall fest. Der Schaden an der Wirbelsäule ist vermutlich der Auslöser der heftigen Schmerzen, aber nicht seine alleinige Ursache. Herr Meier, hat wie viele seiner Leidensgenossen, bereits jahrelang mit vielerlei Problemen zu kämpfen. Vielleicht hat er Schulden, fürchtet sich vor Jobverlust, vielleicht leidet die Ehe wegen dieser unerfreulichen Situation. Herr Meier fühlt sich seit Monaten überwiegend schlecht. Er hat aufgehört, seine abendliche Laufrunden zu absolvieren, stattdessen geht er mit hochgezogenen Schultern und verspannten Muskeln durch den Tag. Er findet keine Entspannung mehr und keinen erholsamen Tiefschlaf. Seine Gedanken kreisen um seine scheinbar unlösbare Situation.

Letztendlich entlädt sich die monate- oder jahrelange Spannung in der Wirbelsäule, in unserem Fall in Form eines Bandscheibenvorfalls. Die dadurch hervorgerufenen Schmerzen zwingen Herrn Meier zum Arzt zu gehen. In dieser Situation entscheidet sich der weitere Weg des Patienten: Bekommt er lediglich medizinische Behandlung, so kann diese womöglich kurzzeitig helfen, doch der nächste Bandscheibenvorfall ist nur eine Frage der Zeit. Oder er hat Glück und der Arzt erkennt, dass Herr Meiers Problem in Wahrheit ein Lebens-Problem ist, das sich aus der wirtschaftlichen Situation, der Beziehung, sowie der Körperhaltung und Bewegungslosigkeit zusammensetzt. Falls dem so ist, kann und muss ganzheitlich therapiert werden, um das Problem langfristig zu lösen.

Pinsger: „Bei unserem Patienten ist das Fass übergelaufen und dies hat sich in einem Bandscheibenvorfall niedergeschlagen. Der Schmerz wird rein körperlich erlebt, obwohl er auch biosoziale Hintergründe hat. Er ist ein deutliches Signal für eine entstandene Schräglage im Leben, wodurch der Körper aus dem Gleichgewicht geraten ist. Wenn der Arzt jetzt nur Medikamente verabreicht oder vielleicht sogar operiert, ohne dass sich das Leben des Patienten ändert, dann hilft er dem Patienten nicht wirklich. Viel wichtiger ist es, dessen psychische und soziale Probleme anzusprechen, damit diese in Ordnung gebracht werden, ebenso wie die Körperhaltung und die körperliche Aktivität. Der Patient muss als Ganzes behandelt werden. Am besten hilft hier ein multimodales Herangehen mit Medikamenten, Physio- und Bewegungstherapie und einem Psychologen oder Psychotherapeuten. In seltenen Fällen wird auch eine Operation nötig sein. Der Patient steht nun am Scheideweg. Entweder geht er Richtung Heilung oder er wird zum Dauerpatienten mit Schmerzen und Depression bis hin zur Arbeitsunfähigkeit. In dieser entscheidenden Situation muss man ihn ärztlicherseits abholen und führen. Er soll eine Akutbehandlung bekommen, damit die Schmerzen kurzfristig verschwinden und dann muss ihm klargemacht werden, dass es in seiner Hand liegt, wie es weitergeht. Denn der Patient ist nun gefordert, sein Leben umzustellen, aktiv zu werden, sich vielleicht ganz neu zu erfinden. Er braucht dazu Motivation und ein Ziel.“ 

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Chronifizierung verhindern 

Akute Schmerzen sollte man rasch und ausreichend therapieren, damit keine chronischen Schmerzen daraus entstehen. Der Übergang ist fließend, auch Mischformen sind möglich.

Zurück zu unserem Beispiel: Wenn ein Bandscheibenvorfall nicht richtig therapiert wird und folglich über längere Zeit immer wieder akute Schmerzen bereitet, kann sich aus diesen aktiven Schmerzen heraus zusätzlich ein gewisser Pegel an chronischen Schmerzen bilden.

Die Folgen: Die Muskeln sind stets angespannt, der Patient versteift und wird immer unbeweglicher. Werden die bestehenden seelischen und sozialen Konflikte nicht gelöst, besteht die Gefahr, dass sie auf den Körper übertragen werden, vornehmlich auf die Wirbelsäule und vor allem die Bandscheiben. Der körperlichen Schmerzchronifizierung kann auch eine Art psychische Chronifizierung folgen. „Bei mir hilft ohnehin nichts mehr“, lautet der resignierende Grundgedanke. „Damit das nicht passiert, gilt es den Schmerzpatienten möglichst rasch ganzheitlich zu therapieren und ihn zu einer Verbesserung seiner Umstände anzuleiten“, sagt Dr. Pinsger.

 

Dr. Thomas Hartl

September 2020


Bild: shutterstock



Zuletzt aktualisiert am 02. September 2020