DRUCKEN
Salatschüssel

Bitteres bringt Verdauung in Schwung

Süß und salzig sind die bevorzugten Geschmacksrichtungen. Bitterstoffe fehlen in der heutigen Ernährung vielfach. Dabei sollte man regelmäßig gesundheitsfördernde Bittermittel zu sich nehmen, weil sie zum Beispiel die Verdauungssäfte anregen, bei der Aufspaltung der Nahrung helfen und den Organismus allgemein kräftigen. 

In Omas Hausapotheke haben Bitterpflanzen einen Fixplatz. Ein Heiltee aus Tausendgüldenkraut, Meisterwurz oder Schafgarbe wird oft gegen Verdauungsprobleme oder zur Anregung von Leber und Galle gemacht. Auch Schwedenbitter oder Mariazeller Magentropfen sind altbewährte Mittel bei Magendrücken oder Blähungen.

Heute hat bitterer Geschmack in der Ernährung nur eine geringen Stellenwert. Aus Salaten wie Radicchio oder Endivie und Gemüse werden Bitterstoffe des Geschmacks wegen vielfach herausgezüchtet. Gesundheitsbewusste achten aber auf regelmäßigen Verzehr von Bitterem. Erwachsene sollten zwei- bis drei Mal pro Woche Bitterstoffe für das allgemeine Wohlbefinden zu sich nehmen. 

up

Bitter für die Verdauung 

„Bitterstoffe fördern die Bildung von Speichel, Magen-, Galle- und Bauchspeicheldrüsensaft durch Anregung der Bitterrezeptoren in den Geschmacksknospen auf der Zunge und Freisetzung von Gastrin, einem Gewebshormon, das ausgeschüttet wird, wenn Bitterstoffe zusammen mit der Nahrung in den Magen kommen. Gastrin stimuliert die Motorik im oberen Magen-Darm-Bereich sowie die Produktion von Galle- und Pankreassaft, was leicht abführend wirken kann“, erklärt die Internistin und Ernährungsmedizinerin Dr. Petra Wolfinger, Leiterin der Stoffwechselambulanz im Ordensklinikum Linz Elisabethinen. Bitterstoffe können die Aufnahme von Vitamin B12 verbessern und die Blutbildung unterstützen.

Da heute viele Menschen oftmals industriell verarbeitete Lebensmittel und mit diesen zu viel Zucker, Salz und Fette zu sich nehmen, kann das körpereigene Puffersystem überfordert sein, was auf Dauer zu einer Übersäuerung des Organismus führt. Bitterstoffe helfen, überschüssige Säuren auszuscheiden. 

up

Bittere Medizin  

Bittermittel werden heute wirksam in folgenden Bereichen eingesetzt:

  • Bei motorischen Störungen des oberen Verdauungstraktes, vor allem des Magens wie etwa bei chronischer Gastritis.
  • Bei Störungen der Sekretion von Galle und Pankreas.
  • Bei Appetitlosigkeit auf Grund von Erschöpfung etwa nach Infektionen und anderen Erkrankungen. Tipp: Um den Appetit anzuregen, pflanzliche Bittertropfen eine halbe Stunde vor dem Essen einnehmen.
  • Bei Verdauungsstörungen (Dyspepsie) mit Völlegefühl, Blähungen, Magendruck und Verstopfung. Tipp: Bittertropfen eine halbe Stunde nach dem Essen einnehmen.
  • Zur Beschleunigung der Rekonvaleszenz nach Krankheiten, zur Linderung von Erschöpfung und allgemeiner Schwäche.
  • Zur Verbesserung die Fettverdauung durch Anregung der Leber, unserem Entgiftungsorgan Nummer 1. Alle leberheilsamen und -anregenden Pflanzen sind bitter wie etwa Löwenzahn. Schafgarbe, Artischocke und Mariendistel.

Nicht einsetzen darf man Bittermittel bei Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren sowie akuten Entzündungen und Gallensteinen. Ein Zuviel des Bitteren kann die Magenschleimhäute reizen.

„Wir verschreiben, je nach Beschwerden, Patienten mit Reizmagen oder Reizdarm immer wieder pflanzliche Arzneien mit Bitterkräutern“, erklärt Internistin Wolfinger, die auch Abnehmwilligen rät, nicht auf Bitteres zu verzichten. Bittermittel hemmen den Appetit auf Süßes, verhindern Heißhungerattacken und vermitteln ein schnelleres Sättigungsgefühl.

Auch der bittere Geschmack einer Tasse Kaffee oder grünen Tees verringert den Appetit und ein Stück Zartbitterschokolade (mind. 70 % Kakaogehalt) nimmt den weiteren Gusto auf Süßes. 

up

Lange Tradition  

Auch Sicht der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM) sind Bitterstoffe ganz wichtig zur Prävention und Gesunderhaltung. Hildegard von Bingen, die naturheilkundige Äbtissin aus dem Mittelalter, schätzte Bitterkräuter beispielsweise zur Reinigung innerer Organe wie der Leber und der Nieren und weil sie die Verdauungsdrüsen zur Sekretion anregen. Die Pharmazeutin Dr. Angelika Prentner aus Mariazell schreibt in ihrem Buch „Heilpflanzen der Traditionellen Europäischen Medizin“, dass Bitterstoffe nicht nur Stoffwechsel und Verdauung stimulieren, sondern den Körper auch wärmen, tonisieren und die Durchblutung fördern. Sie helfen die Nahrung optimal aufzuspalten, sodass die Nährstoffe vom Körper gut aufgenommen werden und dorthin gelangen, wo die Zellen sie brauchen. 

up

Unterteilung der sekundären Pflanzenstoffe 

Laut einer Studie aus dem Jahr 2017 werden rund 250 bitter schmeckende Pflanzen medizinisch verwendet. Bitterstoffe sind keine einheitliche Gruppe innerhalb der sekundären Pflanzenstoffe. Sie bestehen aus verschiedenen chemischen Verbindungen, die alle durch den Geschmack «bitter» erkennbar sind und werden unterteilt in:

a) Reine Bittermittel wie Enzian, Tausendgüldenkraut, Hopfen, Löwenzahn. Engelwurz. Bittersalate wie Radicchio, Rucola, Chicorée, Endivie, Rosenkohl

b) Aromatische Bittermittel: Pflanzen, die neben Bitterstoffen auch ätherische Öle enthalten wie etwa Wermut, Hopfen, Schafarbe, Melisse, Bitterorange, Salbei

c) Bittermittel, die scharf schmecken wie Ingwer und Galgant

d) Bittermittel mit Gerbstoffen wie etwa grüner und schwarzer Tee oder Chinarinde

e) Bittermittel mit Schleimstoffen wie Isländisch Moos 

up

Die Kraft der Wildkräuter  

Unser Organismus dankt es, wenn man frische Wildkräuter als Bitterstoffquelle in die Ernährung einbaut. Im Frühling kann man zum Beispiel die jungen Blätter von Schafgarbe, Löwenzahn, Wiesenschaumkraut und Spitzwegerich sammeln und damit einen würzigen Salat auf den Tisch bringen. 

up

Bitterstoffquellen: 

Gewürze: Anis, Galgant, Gewürznelken, Ingwer, Kardamom, Kreuzkümmel, Kurkuma, Muskatnuss, Paprika, Zimt.

Kräuter:  Basilikum, Dill, Kerbel, Koriander, Liebstöckel, Lorbeer, Majoran, Melisse, Minze, Oregano, Petersilie, Rosmarin, Thymian.

Wildkräuter und Heilkräuter: Eberraute, Gänseblümchen, Giersch, Gundermann, Löwenzahn, Ringelblume, Schafgarbe, Ysop, Wegwarte, Wermut, Hopfen, Enzian, Tausendgüldenkraut.

Gemüse: Artischocke, Aubergine, Brokkoli, Chicorée, Endivie, Gurke, Radicchio, Rucola, Rosenkohl, Spargel, Sprossen, Zuckerhut.

Früchte: Cranberrys, Granatapfel, Grapefruit, Orangen, Zitronen.

Körner: Amaranth, Hirse, Quinoa. 


Die Bitterstoffe bleiben erhalten, wenn man Kräuter frisch verwendet und das Gemüse nicht verkocht.

 

Mag. Christine Radmayr

Oktober 2020


Bild: shutterstock


Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020