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Füße mit Hallux valgus

Auf krummen Wegen

Der medizinische Ausdruck „Hallux valgus“ ist bei Laien nur wenig bekannt. Dafür gibt es in der Alltagssprache eine ganze Reihe von Beschreibungen für die Fehlstellung der großen Zehe – etwa Überbein, Schiefzehe oder Frostballen. 

Der Hallux valgus ist die häufigste Fehlstellung des Vorfußes und der Zehen. Orthopädin Dr. Sibylle Wöss-Siegel aus St. Pölten berichtet von rund 15 bis 20 Prozent ihrer Patienten, die mit mehr oder weniger ausgeprägtem Hallux valgus zu ihr kommen. Nach dem Grad des Abweichungswinkels spricht man von einem leichten (milden), moderaten oder sehr schweren Hallux valgus. Je nach Fortschreiten dieser Fehlstellung kommen auch verschiedene Korrekturmethoden zur Anwendung – von Gymnastik und orthopädischen Maßnahmen bis hin zur Operation. Es gibt zahlreiche Operationsverfahren, die unter anderem vom Schweregrad der Fehlstellung abhängig sind und individuell festgelegt werden. 

„Von der Erkrankung sind rund 20 Prozent aller Frauen zwischen dem 16. und 18. Lebensjahr betroffen, die Symptome erreichen zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr die stärkste Ausprägung“, erklärt Dr. Wöss-Siegel. Frauen seien „deutlich häufiger betroffen als Männer, was mit der Schuhmode zusammenhängt“. Aus Japan weiß man, dass dort vor dem Vordringen westlicher Schuhmode überhaupt keine Hallux-valgus-Operationen durchgeführt wurden.  

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Schuhe und Gene

Für das Entstehen des Hallux valgus kann neben dem Schuhwerk auch Vererbung verantwortlich sein. Ist eine Vorbelastung – schwächeres Bindegewebe – gegeben, so kann es zu einer früheren und ausgeprägteren Fehlstellung kommen. Die Großzehe verändert dabei zunehmend ihre Stellung und verdrängt die kleineren Zehen, indem sie sich über oder auch unter sie schiebt. Es kommt außerdem zur Vergrößerung und zu Entzündungen des Zehenballens beziehungsweise des Gelenks. Die Fehlstellung macht sich in diesem Stadium im Alltag oft schmerzhaft bemerkbar. Barfußgehen, spezielle Fußgymnastik und Schuheinlagen können helfen, einem Hallux valgus vorzubeugen. Zu den zusätzlichen Risikofaktoren zählen unter anderem Übergewicht, Bindegewebsschwäche oder Rheuma. 

Eine spezielle Physiotherapie für den Fuß gehört aus Sicht von Orthopädin Wöss-Siegel zu den wichtigsten Vorbeugungs- beziehungsweise Behandlungsmaßnahmen beim milden Hallux valgus. „Diese Übungen bewirken eine Kräftigung der kleinen Fußmuskeln und helfen das muskuläre Gleichgewicht zu verbessern.“ Von Gymnastik hält Dr. Wöss-Siegel jedenfalls mehr als von Abspreizschienen (Orthesen): „Diese eignen sich bei einem konservativen Therapieversuch am noch wachsenden Skelett oder in der postoperativen Behandlung.“ 

Und wann muss operiert werden? „Das hängt vom Leidensdruck der Patienten ab“, sagt Dr. Wöss-Siegel. Wenn die Lebensqualität zu sehr eingeschränkt ist, steht eine Vielzahl von Operationsmethoden zur Verfügung. Dabei werden nicht nur Fehlstellungen der Knochen, sondern auch die umgebenden Muskelstrukturen operativ therapiert. Danach muss man damit rechnen, dass man erst nach etwa acht Wochen wieder auf gesunden Füßen im Leben stehen kann.

 

Mag. Robert Zauchinger

Jänner 2021

 

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Kommentar

Kommentarbild Dr. Sibylle Wöss-Siegel„Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Die Schuhmode ist eine der wesentlichen Ursachen dafür.“

Dr. Sibylle Wöss-Siegel

Fachärztin für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie in St. Pölten

 

 

 

Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2021