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Tabletten

Tabletten und Senioren: Übertherapie verhindern

Mit steigendem Lebensalter erhöht sich das Risiko, gleich mehrere Erkrankungen zu entwickeln. Da jede einzelne Erkrankung mit eigenen Medikamenten behandelt wird, führt dies häufig dazu, dass Senioren eine Vielzahl verschiedener Medikamente Tag für Tag einnehmen. 

Neben- und unerwünschte Wechselwirkungen sind die Folge. Man sollte die Medikamentenliste regelmäßig überprüfen und Medikamente gegebenenfalls reduzieren oder absetzen, um Risiken zu minimieren.

Häufig verursacht Polypharmazie – so der Fachbegriff für die Einnahme von fünf oder mehr Arzneimitteln – unspezifische oder auch schwerwiegende Beschwerden: Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Schwindel, Verwirrtheitszustände, Zittern, Funktionsstörungen der Blase oder Magen-Darm-Probleme. Oft werden diese Symptome aber nicht als Nebenwirkungen von Arzneimitteln erkannt und mit weiteren Medikamenten behandelt.

Ein Medikamentencocktail kann auch zu Neben- und Wechselwirkungen führen, die den Patienten schwerwiegend schaden und oft sogar lebensbedrohlich sein. Besonders gefährlich sind Blutungen im Magen-Darm-Trakt und Stürze. 

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Krankenhaus-Aufnahmen wegen Polypharmazie 

Medikamente werden verabreicht, um den Patienten und ihrer Gesundheit Gutes zu tun. Doch eine Vielzahl an Medikamenten einzunehmen, kann tatsächlich gefährlich sein. „Ein Drittel der Krankenhaus-Aufnahmen von alten Menschen mit mehreren Erkrankungen ist auf eine unverträgliche Medikamentensuppe zurückzuführen. Viele betagte Patienten nehmen täglich mehr als fünf oder zehn Medikamente ein, manche sogar fünfzehn oder noch mehr“, hält Prim. Dr. Peter Dovjak, Leiter der Akutgeriatrie und ärztlicher Stellvertreter am Salzkammergut-Klinikum, fest. 

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Strukturelle Probleme 

Dass Patienten eine Vielzahl an Medikamenten verordnet bekommen, hat auch strukturelle Gründe. Die Medizin arbeitet sehr spezifiziert, jeder Arzt kennt vor allem sein Spezialgebiert und sieht kaum auf das medizinische Ganze. Oft weiß ein Arzt nur sehr oberflächlich, welche Medikamente sein Patient aufgrund anderer Erkrankungen einnimmt. „Viele Köche verderben auch in der Medizin den Brei. Viele Ärzte sind zudem Meister im Ansetzen von Medikamenten, aber Anfänger im Absetzen derselben“, sagt der Altersmediziner. 

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Medikamentenliste überprüfen 

Bei unerklärlichem Auftreten von Stürzen, verminderter Denkfunktion, Delir, Benommenheit, Magen-Darm-Erkrankungen und kardiologischen Problemen sollte man die Medikamentenliste überprüfen und gegebenenfalls Medikamente reduzieren oder absetzen. Auch für das Wohl chronischer Patienten ist es von großer Bedeutung, dass man periodisch überprüft, ob bestimmte Medikamente noch benötigt werden und ob die Dosis noch stimmt.

Ein Patient hat oft ein gutes Gefühl dafür, welches Medikament er nicht mehr benötigt. Er sollt dies mit seinem Arzt besprechen, dieser hat den nötigen Sachverstand, um gemeinsam mit dem Patienten und gegebenenfalls mit dessen nächsten Angehörigen Veränderungen zu besprechen. Den besten Überblick hat üblicherweise der praktische Arzt (Hausarzt), der den Patienten auch kennt. 

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Überblick verschaffen 

Um überflüssige Medikamente zu identifizieren, gilt es sich einen Überblick zu verschaffen,

  • an welchen Krankheiten ein Patient leidet.
  • welche Medikamente er tatsächlich einnimmt (auch rezeptfreie Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel, Teemischungen etc.).
  • ob all diese Präparate zusammenpassen.

 

„Besteht der Verdacht auf Neben- und Wechselwirkungen, muss man sehr genau hinsehen und den Patienten fragen, was er tatsächlich alles zu sich nimmt. Bei der Überprüfung der Medikamente kommt es oft vor, dass man gar nicht mehr weiß, warum man manche einnimmt, wer sie verordnet und woher man sie hat“, sagt Dovjak. 

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Nutzen muss gegeben sein 

Die meisten Medikamente sind nicht für betagte Patienten maßgeschneidert, sondern auf Menschen in mittlerem Alter getestet. Je älter ein Patient, desto empfindlicher reagiert er in der Regel auf Medikamente.

Der überprüfende Arzt sollte sich die Frage stellen, ob all die verordneten Medikamente noch notwendig sind. „So ist es zum Beispiel bei einem 90-Jährigen fraglich, ob ihm eine deutliche Cholesterinsenkung wirklich noch nützt. Man wird das nur in bestimmten Fällen bejahen können. Generell gilt: Man muss sich bei der Verschreibung von Medikamenten fragen, ob ein alter Patient wirklich noch von der Einnahme profitiert. Tut man das, können manche Medikamente weggelassen werden. Manche muss man sogar weglassen, will man Patienten vor Schaden bewahren“, sagt Prim. Dovjak.

Das gilt auch für den Blutdruck: Dieser wird bei alten Menschen oft sehr stark nach unten reguliert, wodurch es zu Apathie und Bewusstlosigkeit kommen kann. „Das kann dazu führen, dass der Patient zwar ein gut funktionierendes Herz hat, aber wegen Schwindel bettlägerig wird. Man muss immer auch auf die Funktionalität des Patienten achtgegeben“, sagt der Akutgeriater. 

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Gefährliche Medikamente 

Folgende Medikamente können hochgefährliche Nebenwirkungen haben; sie sollten regelmäßig auf Dosierung und Notwendigkeit überprüft werden:

  • Medikamente, die die Blutgerinnung beeinflussen.
  • Herz-Kreislauf-Medikamente: Herz-Kreislauferkrankungen sind Todesursache Nummer eins, die Therapie auch mittels Medikamenten daher äußerst wichtig. Jedoch muss die Therapie sehr sorgfältig erfolgen, da sie sich sehr empfindlich auf die Durchblutung des Gehirns auswirkt.
  • Psychotrope Substanzen: Beruhigungsmittel, Schlafmittel und Antidepressiva: Beruhigungs- und Schlafmittel sind in einer akuten Krise meist hilfreich, doch langfristig sind sie problematisch. Manche Präparate haben Suchtpotential; die Einnahme mehrerer solcher Präparate kann stark sedierend wirken und den Patienten völlig antrieblos machen; auch kann es zu Stürzen kommen; langfristig kann die Gehirnfunktion beeinträchtig werden. Psychopharmaka können zu Austrocknung führen und ein Delirium begünstigen. Häufig werden Medikamente eingenommen, ohne dass eine Depression tatsächlich vorliegt.

 

Folgende Kombinationen von Erkrankungen und deren Medikation führen häufig zu Problemen:

  • Herzschwäche und Probleme mit dem Bewegungsapparat (Rheumamedikamente)
  • Magen-Darm-Erkrankungen und Herzerkrankungen
  • Parkinson und Verwirrtheit.

 

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Auf Nieren achten 

Bei Polypharmazie sollte man immer auch die Nierenfunktion im Auge behalten und prüfen. „Bei einer Funktionsstörung bzw. eingeschränkt arbeitender Niere werden eingenommene Medikamente im Körper toxisch und es kann zu Blutungen kommen“, warnt Doviak. 

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Einnahmefehler vermeiden 

Alte Menschen sind mit der Medikamenteneinnahme oft überfordert. Je mehr Medikamente eingenommen werden, desto häufiger passieren Einnahmefehler. Man sollte daher darauf achten, ob ein Patient noch in der Lage ist, seine Medikamente zum richtigen Zeitpunkt und in der richtigen Reihenfolge einzunehmen.

Ein häufiger Fehler: Man kann sich nicht mehr erinnern, ob man eine Tablette eingenommen hat und nimmt dann zur Sicherheit noch eine. Ein Vorgehen, woraus Überdosierungen resultieren. Ein Erinnerungssystem kann in solchen Fällen helfen. Geeignet sind Handy-Alarmsysteme. Ersatzweise kann man auch einen schriftlichen Plan machen. Wenn möglich, sollten Pfleger und Angehörige die Patienten bei der Einnahme unterstützen.

 

Dr. Thomas Hartl

Mai 2021


Bild: Mego studio/shutterstock.com

Zuletzt aktualisiert am 03. Mai 2021