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Junger Mann nimmt einen Snus

Snus – Nikotinsäckchen mit Suchtpotenzial

Wer nikotinabhängig ist, muss nicht zwangsläufig ein Raucher sein. Vor allem Jugendliche, die cool sein wollen, Sportler, die den schnellen Kick suchen und mancher Raucher im Entzug, greifen zur Modedroge Snus. „Der Oraltabak in Säckchen, den man ans Zahnfleisch legt, kann, je nach Stärke, relativ rasch nikotinsüchtig machen und schadet langfristig auf mehrerlei Art der Gesundheit“, sagt Prim. Kurosch Yazdi, Vorstand der Klinik für Psychiatrie mit Suchtschwerpunkt am Neuromed Campus Linz. 

Jeder dritte Oberstufen-Schüler in Oberösterreich konsumiert regelmäßig Tabak- bzw. Nikotinprodukte. Das ergab eine aktuelle Befragung der Krebshilfe unter 1.100 Jugendlichen im Jahr 2020. Zwei Drittel greifen zur Zigarette, ein Drittel raucht Shisha, E-Zigaretten oder lutscht Snus, kleine Tabaksäckchen, die sie zwischen Oberlippe/Unterlippe und Zähne legen.

„Snus ist nichts Neues. Der Oraltabak kommt ursprünglich aus Schweden und es gab vereinzelt schon vor 30 Jahren in Österreich Snus-Konsumenten, die die kleinen Tabakbeutel beim Auslandsstudium oder im Urlaub im hohen Norden kennengelernt haben“, erzählt Yazdi. Man spricht „Snüs“ und das heißt auf Schwedisch soviel wie Schnupftabak. Der Snus-Tabak wird luftgetrocknet, gemahlen und mit Wasser versehen. Nach einer Wärmebehandlung werden Salze und diverse Aromen und Geschmacksverstärker zugesetzt. Dann wird der Tabak in kleine Säckchen aus Zellulose gepackt.

Es gibt Snus in vier verschiedenen Größen und mit verschiedener Nikotinstärke. Vom Aroma her ist für jeden Geschmack etwas dabei, von Melone, Minze, Vanille über Cola bis zu Pfefferminz. Der Konsument schiebt die kleinen Tabakbeutel hinter die Ober- oder Unterlippe, wo sie 15 bis 60 Minuten lang bleiben, bis sie die Wirkung verlieren.

Der Unterschied zu Kautabak in Chewing Bags liegt in der Verarbeitung. Der Kautabak ist geschnitten und nicht gemahlen. Daher müssen die Chewing Bags angekaut werden, bevor sie ihre Wirkung entfalten. Sie werden danach in die Backe gelegt und abermals angekaut, wenn die Wirkung nachlässt. 

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Nikotin über Mundschleimhaut aufgenommen 

„Bei einer Zigarette werden 80 Prozent des Nikotins durch den Filter weggefiltert. Das fällt beim Snusen weg. Das Nikotin wird direkt durch die Mundschleimhaut aufgenommen, gelangt ins Blut und damit ins Gehirn, wo es auf das Belohnungszentrum wirkt und schnell ein angenehmes Gefühl auslöst“, erklärt der Linzer Suchtexperte vom Kepler Universitätsklinikum. Er meint, dass beim nikotinsüchtigen Raucher Snus eher beruhigend wirkt und den Nichtraucher mehr aufputscht, sodass er nervös, unruhig und zittrig werden kann.

Salz wird dem Oraltabak zugesetzt, damit die Nikotinresorbtion eine bessere ist. Im Schnitt wird durch einen Beutel Snus dreimal mehr Nikotin aufgenommen wie beim Rauchen einer Zigarette. Es gibt aber auch stärker nikotinhaltige Sorten. Unmittelbar hat Nikotin eine stimulierende psychische Wirkung, was sich kurzzeitig als verbesserte Aufmerksamkeits- und Gedächtnisleistung zeigen kann. Gleichzeitig werden Appetit, Stress, Angst, Nervosität und Müdigkeit unterdrückt, ein kurzes Hochgefühl stellt sich meist ein. Man kann sich kurzzeitig wacher und konzentrierter fühlen, aber auf die unmittelbare mentale Leistung zeigt Snus keinen nachweislichen Effekt. 

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Leistungsfähigkeit steigt nicht 

„Es ist falsch zu glauben, Snus würde die Leistungsfähigkeit nachweislich erhöhen. Es ist vielmehr so, dass nikotinsüchtige Sportler Snusen, um ihre Entzugserscheinungen zu lindern“, sagt Yazdi. Man hört immer wieder von Eishockeyspielern oder Fußballern, die die Trenddroge vor dem Wettkampf oder Training des erhofften zusätzlichen Energie-Kicks konsumieren. Der bleibt aber aus. Im Gegenteil, regelmäßiger Nikotinkonsum wirkt sich negativ auf die sportliche Leistungsfähigkeit aus. Das freigesetzte Noradrenalin versetzt den Körper in einen Alarmzustand, bei dem Herzfrequenz, Blutdruck sowie der Sauerstoffbedarf des Herzmuskels ansteigen. Gleichzeitig sinkt aber die Fähigkeit des Bluts Sauerstoff zu transportieren und die körpereigenen Glykogenspeicher leeren sich viel rascher als normal. Durch all das kann es zu einem abrupten Leistungseinbruch kommen. Wer mehrere starke Tabakbeutel täglich lutscht, riskiert außerdem mit der Zeit einen Muskelabbau. Kurzum: Finger weg von Snus im Sport und überhaupt. 

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Keine gesunde Alternative 

Geschicktes Marketing lässt Konsumenten häufig glauben, dass rauchlose Nikotinprodukte eine gesunde Alternative zum Rauchen sind, was Ärzte verneinen. „Nur für Kettenraucher mag Snusen die etwas gesündere Alternative sein, Nikotin zu konsumieren, weil ein großer Teil krebserregender Stoffe, die beim Rauchen entstehen, wegfällt“, sagt Yazdi. Ob Raucher diesen Umstieg überhaupt wollen, ist eine andere Frage. „Für den einen oder anderen könnte Snusen beim Nikotinentzug hilfreich sein. Doch es gibt sicher bessere Alternativen bei der Nikotinersatztherapie wie das Nikotinpflaster oder den Nikotinkaugummi“, sagt der Suchtexperte. 

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Unterschätzte Trenddroge 

Regelmäßiges Snusen kann relativ rasch nikotinsüchtig machen. „Nur weil es vielleicht gerade cool ist, sollen junge Leute doch nicht so dumm sein, sich diese Beutel in den Mund zu stopfen“, warnt Yazdi. Auch der Oraltabak enthält krebsauslösende Stoffe wie etwa Benzopyrene, Formaldehyde, Cadmium, Nickel etc. Man spricht von rund 28 kanzerogenen Inhaltsstoffen. Der Verkauf von Snus (10 bis 24 Stück in der Dose) ist in Österreich und der gesamten EU, außer Schweden, zwar verboten, der Konsum aber ist erlaubt. Besonders in den billigeren Produkten aus Asien finden sich oftmals viel mehr Schadstoffe als in Snus aus Schweden.

Produzenten versuchen seit wenigen Jahren mit tabakfreien Nikotinsäckchen verschiedener Geschmacksrichtungen in Österreich Fuß zu fassen. Sie enthalten künstliches Nikotin und als Trägersubstanz Tee. 

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Gesundheitliche Risiken

  • Entzündungen von Mundschleimhaut und Zahnfleisch: Dort wo Snus hingedrückt wird, kommt es zu Reizungen und damit auf Dauer zu chronischen Entzündungen. Diese können von Zahnfleischrückgang bis zum Zahnverlust führen.
  • Krebsgefahr: Aufgrund der Nichtverbrennung ist die Lungenkrebsgefahr minimiert. Dafür sieht man durch regelmäßiges und langfristiges Snusen vermehrt Tumore in der Mundhöhle und Speiseröhre. „Schwedische Langzeitstudien belegen die erhöhte Gefahr für Krebs im Mundbereich“, sagt Yazdi. Auch eine erhöhte Gefahr von Bauchspeicheldrüsenkrebs wird genannt.
  • Herz-Kreislauf-Risiko: Blutdruck und Puls steigen an.
  • Ein erhöhtes Diabetesrisiko wird vermutet.
  • Körper in Alarmbereitschaft: Nikotin setzt Stresshormone frei, die zu Zittern, Übelkeit und Schweißausbrüchen führen können.
  • Nikotinabhängigkeit: Regelmäßiges Snusen kann schneller süchtig machen als das Rauchen.

 

Auch wenn das Schadenspotenzial insgesamt wohl geringer ist als bei Zigaretten und es beim Snusen keine Gefährdung anderer gibt, ist Oraltabak keine sinnvolle Alternative zum Rauchen. Yazdi rät eindringlich: „Finger weg von den Nikotinsäckchen mit oder ohne Tabak!“ Es gibt keine Form des Konsums, bei der Nikotin nicht gesundheitsschädlich wäre.

 

Mag. Christine Radmayr

Februar 2021


Bild: Danilov1991xxx/shutterstock.com


Zuletzt aktualisiert am 10. Februar 2021