DRUCKEN
kleiner Junge hält sich die Ohren zu

Lärm: unterschätztes Gift für Ohr, Herz und Gehirn

Gebaut, gebohrt, gefahren, geflogen  – Man kann sich dem Krach in der Umwelt kaum entziehen. Dazu kommt bei vielen Menschen belastender Freizeitlärm, etwa durch das Musikhören mit dem „Knopf im Ohr“. Andauernde Lärmbelastung ist Gift für Ohren, Herz-Kreislauf, Schlaf, Gehirn, Leistung und seelisches Wohl. Nach der Luftverschmutzung ist die Lärmverschmutzung laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) das zweitgrößte umweltbedingte Gesundheitsproblem – und ein unterschätztes.  

Früher war es der Berufslärm, der Hörschäden verursachte. Heute ist es der Wohlstandslärm, der krank macht. Vor allem junge Menschen, die sich täglich stundenlang, und das über Jahre hinweg, mit „Im-Ohr-Kopfhörer“ zudröhnen, laufen Gefahr irgendwann einmal schwerhörig zu werden.

Lärmhygiene

Wer schlecht hört, zieht sich oftmals vom sozialen Leben zurück und vereinsamt, auch das Risiko für eine Depression steigt. Hochgradig Schwerhörige haben ein bis zu fünffach erhöhtes Risiko für eine Demenzerkrankung. „Auch wenn wir dank technisch ausgereifter Hörgeräte und High-Tech-Hörimplantate heute die meisten Schwerhörigen und sogar Taube gut versorgen können, müssen wir der Lärmhygiene viel mehr Bedeutung schenken. Zu lange wurde sie vernachlässigt. Lärm ist eine Beeinträchtigung, die sich nicht unmittelbar bemerkbar macht, Jahrzehnte später bekommt man aber die Rechnung präsentiert“, mahnt Primar Dr. Paul Zwittag, Leiter der Klinik für für Hals-, Nasen- Ohrenheilkunde (HNO)am Kepler Universitätsklinikum Linz und meint: „Kontinuierliche Lärmbelastung schädigt nicht nur das Ohr, sondern wirkt sich auch negativ auf Herz-Kreislauf und Gefäße, Hormonsystem, auf Stoffwechsel mit dem Risiko für Diabetes Typ 2, Schlafqualität, psychisches Wohlbefinden und kognitive Leistung aus.“

Herzinfarkte, Depressionen

Studien zeigen, dass in Regionen mit Flug- und Industrielärm vermehrt Herzinfarkte, Depressionen und Angststörungen auftreten. Rund 20 Prozent der Bevölkerung in der EU leben in Gebieten mit gesundheitsschädlichem Lärmpegel. Die von der Europäischen Umweltagentur (EUA) erhobenen Daten zeigen folgende Auswirkungen von Umgebungslärm in Europa:

  • 22 Millionen Menschen sind starker Lärmbelastung ausgesetzt
  • Jährlich verursacht Lärm 48.000 neue Fälle koronarer Herzkrankheiten und trägt zu 12.000 vorzeitigen Todesfällen bei
  • 6,5 Millionen Europäerinnen und Europäer leiden an durch Lärm verursachten schweren Schlafstörungen
  • Die EUA geht davon aus, dass Flug- und Straßenlärm Gründe sind, warum 12.500 Kinder kognitive Beeinträchtigungen, wie etwa eine Leseschwäche, entwickeln.


Strukturplanung, Stadtentwicklung, aber auch Design und Landschaftsbau sind gefordert, die Lärmverschmutzung zu reduzieren. Jeder ist im Alltag und bei lauten Hobbies zur Eigenvorsorge mit Schallschutz für die Ohren aufgerufen. Beim Rasenmähen, Rockkonzert-Besuch, Fahren mit dem Traktor oder Motorrad sollte der Gehörschutz nicht fehlen.

Umgebungskrach

Auch wer glaubt, sich an Lärm gewöhnt zu haben, dessen Körper reagiert - vor allem nachts -  auf störenden Auto- oder Fluglärm mit Stress. Blutdruck und Herzfrequenz steigen, der Schlaf ist nicht so erholsam und der Organismus kann sich schlecht regenerieren. „Unser Körper ist nicht auf Lärm ausgerichtet. Wir haben es erst rund 250 Jahre mit Umgebungslärm zu tun und so schnell kann sich die menschliche Biologie nicht adaptieren“, sagt HNO-Primar Zwittag. Die WHO definiert jedes atmosphärische Geräusch ab 65 dB als Lärmbelastung. Geräusche ab 75 dB werden als schädlich angesehen und Lärm ab 120 dB (Presslufthammer, Donner eines nahen Gewitters) ist für unsere Ohren schmerzhaft. Natürlich spielt es für einen dauerhaften Hörschaden eine Rolle, wie lange man dem Lärm ausgesetzt ist.

Lautes Leben

Wer wissen will, ob seine Schallbelastung zu hoch ist, kann zum Beispiel eine kostenlose „Lärm-App“ installieren, die den Geräuschpegel misst und anzeigt, ob er gesundheitsschädlich ist.  

Lärmskala:

10 dB: normales Atmen

20 dB: flüstern, ruhiges Zimmer, ruhiger Garten

30 dB: Nebenstraßengeräusche, Kühlschrankbrummen

Ab 40 dB können Schlaf- und Konzentrationsstörungen auftreten: leise Unterhaltung

50 dB: normale Unterhaltung; Geschirrspüler

60 dB: Stressgrenze; laute Unterhaltung

Ab 65 dB kann bei langer Beschallung das vegetative Nervensystem geschädigt werden, erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen

70 dB: Bürolärm, Haushaltslärm

80 dB: starker Straßenlärm, Staubsauger, Schreien, Kinderlärm

Ab 85 dB ist Gehörschutz im Berufsbereich vorgeschrieben. Ist man mehrere Jahre lang regelmäßig einem Schallpegel von 85 - 90 dB ausgeliefert, gilt das als Auslöser einer Lärmschwerhörigkeit

85 dB: Haartrockner

90 dB: LKW, Rasenmäher

100 dB: Motorrad, Kreissäge, Presslufthammer, Diskomusik

110 dB: Schnellzug in geringer Entfernung, Walkman, MP3-Player, Rockkonzert

120 dB: Flugzeug in geringer Entfernung

Ab 120-130 dB Schmerzschwelle. Düsenflugzeug in geringer Entfernung, Sirene in 20 Meter Entfernung

160 dB: Trommelfell kann platzen; Geschützknall, Knall bei einer Airbag-Entfaltung

Freizeitlärm verdreifacht

In den vergangenen 30 Jahren hat sich der Freizeitlärm mehr als verdreifacht. „40 Stunden Beschallung mit 80 bis 85 Dezibel pro Woche können zu einer Hörminderung und einem Tinnitus führen. Da bewegen wir uns im Lärmbereich von Zug, Gewitter oder Motorrad“, erklärt der HNO-Primar. Neue Zielgruppe für Hörschäden in späteren Jahren sind Jugendliche, die mit „dem Knopf im Ohr“, sprich In-Ear-Kopfhörern den Tag verbringen. Im Schnitt dröhnen sie sich mit einer Lautstärke von 85 Dezibel zu, stundenlang und ohne Unterbrechung. Damit wollen sie auch Umgebungsgeräusche ausblenden. Diese direkte Beschallung im Gehörgang zerstört längerfristig die Sinneshaarzellen im Innenohr. Außerdem können diese Ohrstöpsel das Ohrenschmalz nach innen schieben, was wiederum die Hörleistung beeinträchtigt.

Schleichende Schwerhörigkeit

Eine Lärmschwerhörigkeit schleicht sich langsam ein. Frühe Anzeichen von Hörverlust werden nicht erkannt, die Schäden summieren sich über Jahre im Hörorgan. „Den Nachwuchs frühzeitig auf die Gefahr hinweisen, ihn auffordern, die Musik im Ohr leiser zu drehen und immer wieder Lärmpausen einzulegen“, rät Primar Zwittag allen Eltern.

Meist weniger schädlich als die „Im-Ohr-Stöpsel“ sind Muschelkopfhörer, die das Ohr nicht ganz abdichten, Schall hinein- und wieder herauslassen, was das Ohr weniger belastet. Auch Ear Buds, die locker in die Ohrmuschel gelegt werden, leiten den Schall nicht direkt ins Ohr hinein. Alle Kopfhörervarianten werden mittlerweile mit Noise Cancelling Funktion, der aktiven Geräuschunterdrückung von Umgebungslärm, angeboten.

Dem Ohr Stille gönnen

Stille – so heißt das Zauberwort zur Regeneration eines lärmbelasteten Ohrs. Und zwar regelmäßig. Wer zum Beispiel in einem Großraumbüro arbeitet, sollte in Pausen zehn Minuten die Stille suchen, am besten in die Natur oder an einen ruhigen Platz gehen. Auch Stadtbewohner sollen sich täglich eine kurze Auszeit vom Umgebungslärm, vielleicht bei einem Abendspaziergang im Park oder Wald nehmen. „Wir sind keine Maschine, unser Ohr braucht täglich eine Erholungsphase. Regelmäßige Lärmpausen sind auch ein Teil der Burn-out-Prophylaxe“, sagt Primar Zwittag. Da wir im Alltag beinahe ständig von Geräuschen umgeben sind, muss mancher erst wieder lernen, die Stille auszuhalten. 

Schaden im Innenohr 

Jeder Mensch sollte zwischen 50 und 55 Jahren beim Facharzt für HNO einen Hörtest und ein Sprachaudiogramm machen, um für eine allfällige spätere Hörstörung einen Ausgangswert zu haben. Ist eine Innenohr-Lärmschwerhörigkeit erst einmal diagnostiziert, kann diese nicht mehr rückgängig gemacht werden. Es handelt sich dabei um eine Schall-Empfindungs-Schwerhörigkeit. Mit der Zerstörung von Haarsinneszellen leidet die Fähigkeit Schall aufzunehmen, in elektrische Signale umzuwandeln und diese an das Gehirn weiterzuleiten. Je nachdem, welche Frequenzen betroffen sind, kann es zu einer Hochton- oder Tieftonschwerhörigkeit kommen. Nicht nur Lärm und Erkrankungen, sondern auch das Alter kann zu einer Innenohrschwerhörigkeit führen, weil die Haarzellen mit den Jahren degenerieren können.

Bei ersten Symptomen einer Innenohr-Hörstörung den HNO-Arzt konsultieren:

  • Es fällt schwer zu hören, was andere sagen, die Gesprächspartner scheinen zu nuscheln. Besonders Frauen- und Kinderstimmen werden oft schwer verstanden
  • Man hört bei Umgebungsgeräuschen, etwa im Restaurant, viel schlechter
  • Man muss den Fernseher immer lauter drehen

Elektronische Prothese

Die Lärmschwerhörigkeit kann von einem Tinnitus begleitet sein und muss individuell behandelt werden. Die modernen Hörgeräte – ob im oder hinter dem Ohr sitzend – sind heute so gut und klein, dass sie ästhetisch nicht mehr stören und vom Hörakustiker individuell angepasst werden können. „Ist die Versorgung mit einem Hörgerät nicht mehr ausreichend, kann man bei hochgradiger Innenohrschwerhörigkeit oder Taubheit die Implantation eines Cochlea-Implantats, kurz CI, erwägen“, sagt Primar Zwittag und erklärt: „Diese elektronische Innenohrprothese ersetzt die Sinneshärchen und übernimmt die elektrische Stimulation des Hörnervs.“ Das CI besteht aus einem Implantat, das in das Innenohr eingesetzt wird und einem Sprachprozessor, der wie ein Hörgerät hinter dem Ohr getragen wird. Das CI kann je nach Hörstörung, ein- oder beidseitig eingesetzt werden. Nach der Implantation ist ein spezielles Hör-Sprachtraining sowie eine wiederkehrende Anpassung des Sprachprozessors notwendig. Das Gehirn muss sich erst an die künstliche Stimulation gewöhnen. „Mit Geduld und bei guter Zusammenarbeit ist es möglich, dem Patienten ein Stück Lebensqualität und Teilhabe am Sozialleben zurückzugeben“, sagt HNO-Primar Paul Zwittag.

 

Mag. Christine Radmayr
August 2022


Bild: Shutterstock.com/Tomsickova Tatyana

 


Zuletzt aktualisiert am 04. August 2022